Norbert Blüm zur Präsidentenfrage "Das Amt wird wohl versteigert!"

In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, wen die Union als Kandidat für die Wahl des Bundespräsidenten am 23. Mai nominiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE plädiert der ehemalige Sozialminister Norbert Blüm für Wolfgang Schäuble und kritisiert scharf das taktische Geschacher der Parteiführung.


Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm: "Ein Schacher auf Kosten Wolfgang Schäubles"
DDP

Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm: "Ein Schacher auf Kosten Wolfgang Schäubles"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Blüm, sind Sie verärgert über das Verhalten ihrer Partei in der Frage, wer Kandidat für das höchste Amt im Staat werden soll?

Norbert Blüm: Ja, denn das ist nun schon seit Wochen nichts anderes als ein Schacher auf Kosten von Wolfgang Schäuble, und das hat er nicht verdient. Wolfgang Schäuble ist ein Vorbild für politisches Engagement, er verbindet in ganz außergewöhnlicher Weise seine gesamte Existenz mit Politik. Und nun steht er in Gefahr, zum wiederholten Male verheizt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Was würde Wolfgang Schäuble denn als Bundespräsidenten auszeichnen?

Blüm: Wolfgang Schäuble täte der Republik als Bundespräsident gut, weil er ein Mensch mit Standpunkten ist. Das ist wichtig in einer Zeit der Beliebigkeit. Solche Menschen sind heute eine Rarität. Der Bundespräsident hat ja nicht viele Kompetenzen; seine Aufgabe ist es, Standpunkte zu markieren, die über den Horizont des Tages hinausführen. Da hat Wolfgang Schäuble wie kaum ein Anderer etwas einzubringen. Außerdem würde ein Bundespräsident mit einem solchen persönlichen Schicksal wie Wolfgang Schäuble einen ganz anderen Blick auf diese Republik werfen. Das wäre ein ganz neuer Begriff von 'Made in Germany' - kein strahlender Siegertyp, sondern jemand, der in seinem Leben viele Schläge hat hinnehmen müssen und trotzdem ungebrochen seinen Beitrag leistet. Auch ein Vorbild für Menschen, die es im Leben nicht leicht haben!

SPIEGEL ONLINE: Hat Herr Schäuble in Ihren Augen ein ganz anderes Format als die sonstigen Kandidatinnen und Kandidaten, die in der Diskussion sind?

Blüm: Ich will jetzt nicht über andere reden. Aber ein Bundespräsident muss wie ein Leuchtturm sein und Orientierung bieten. Das ist nicht der Frühstücksdirektor der Republik. Gerade in diesen Zeiten braucht man in dem Amt eine kernige Gestalt. Damit meine ich aber nicht Kraftprotzerei. Genau so jemand ist Wolfgang Schäuble - Kein Schwarzenegger, aber ein Mann, der sich nicht verbiegen lässt. Kommissionen und Berater haben wir schon genug.

SPIEGEL ONLINE: Die Einwände, die gegen Wolfgang Schäuble vorgebracht werden, lauten: er ist zwar intellektuell, aber verbittert und nicht herzenswarm genug...

Blüm: Das sehe ich ganz anders. Ich verstehe auch nicht ganz, was da mit Herzenswärme gemeint sein soll. Soll das heißen, dass Jemand jedem gegenüber nur mit dem Kopf nickt? Dass jemand nach allen Seiten offen ist und erst einmal den Finger in den Wind hält, bevor er etwas sagt? Diese Erwartung erfüllt Wolfgang Schäuble - Gott sei Dank! - wahrlich nicht. Wer so harmoniebedürftig ist, der soll in den Kirchenchor gehen.

SPIEGEL ONLINE: Bis Ende der Woche, heißt es, soll die Entscheidung fallen, wen das bürgerliche Lager ins Rennen schicken wird. Hätte die CDU ihren Kandidaten früher festlegen sollen?

Blüm: Eins ist klar: Jeder Tag, der jetzt noch verstreicht, ist eine Beschädigung sowohl Wolfgang Schäubles als auch des Amtes des Bundespräsidenten - und die CDU tut sich damit auch keinen Gefallen. Mit Wolfgang Schäuble ist schon zu oft gespielt worden. Ich erinnere nur an das Bürgermeisteramt in Berlin, die Frage der Kanzlerkandidatur... Der hat genug eingesteckt. Jetzt sollte keine Zeit mehr verloren werde. Taktik hatten wir schon genug. Jetzt müssen wir Position beziehen - und zwar aus Rücksicht auf Personen, aber auch auf das Amt. Da entsteht der Eindruck: Das Amt wird wohl versteigert!

SPIEGEL ONLINE: Aus der FDP melden sich immer mehr Politiker zu Wort, die sich gegen Schäuble aussprechen und einen eigenen Kandidaten der Liberalen fordern. Wedelt da gerade der Schwanz ein bisschen mit dem Hund?

Blüm: Dass die Union sich immer noch nicht bekannt hat, ist ja geradezu eine Einladung an die FDP, weiter zu taktieren. Allerdings: Einen Gefallen tun sie ihrem Parteichef Guido Westerwelle damit auch nicht.

Das Interview führte Yassin Musharbash



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