Philipp Wittrock

Rennen um CDU-Vorsitz Das Team bin ich

Philipp Wittrock
Ein Kommentar von Philipp Wittrock
Norbert Röttgen mischt das Rennen um den CDU-Vorsitz auf – ohne eine echte Chance zu haben. Die Partei kann nur hoffen, dass aus dem Chaos am Ende wieder Ordnung entsteht.
Norbert Röttgen: Erster offizieller Bewerber für den CDU-Vorsitz

Norbert Röttgen: Erster offizieller Bewerber für den CDU-Vorsitz

Foto: Christoph Soeder/ dpa

Echt jetzt, Norbert Röttgen? Ganz weg war er ja nie, im Gegenteil, in den vergangenen Monaten hat sich der Mann immer wieder vernehmbar zu Wort gemeldet, tingelte durch Talkshows, gab den Mahner und Warner, nicht nur auf seinem Fachgebiet, der Außenpolitik. Wenn Angela Merkel weg ist, dann will Norbert Röttgen noch mal was werden, soviel war klar. Vielleicht Außenminister.

Aber Parteichef? Womöglich Kanzlerkandidat? Willkommen in der Chaotisch-Demokratischen Partei Deutschlands.

2012 hat Röttgen die Wahl in Nordrhein-Westfalen eindrucksvoll verloren, auch weil er die Rückfahrkarte nach Berlin in der Tasche behielt. Nach der Klatsche wollte er Bundesumweltminister bleiben, doch die Kanzlerin jagte ihn vom Hof. Nach dieser Niederlage wieder aufgestanden zu sein, sagt Röttgen, das sei für ihn bedeutend gewesen. Er gibt an, aus seinen Fehlern gelernt zu haben.

Dann aber kann er nicht ernsthaft daran glauben, eine Chance auf den Parteivorsitz zu haben. Dafür ist Röttgen zu klug. Seine Karriere verlief lange verheißungsvoll, dann hat das Debakel in NRW alles verändert. Beratungsresistent wirkte er, steif im Umgang mit den Bürgern.

Heute hat er - anders als Friedrich Merz - keine Fanbasis. Anders als Jens Spahn stünde er nicht für einen Generationswechsel. Anders als Armin Laschet, den er einst im Duell um den Landesvorsitz noch ausstach, hat er keine Wahl gewonnen. Niemand in der CDU hat auf Röttgen gewartet.

Die Möchtegern-Kandidaten sind überrumpelt

Was treibt ihn also zur Kandidatur? Ist es Eitelkeit? Die Sehnsucht, noch einmal richtig viel Aufmerksamkeit zu bekommen? Wahrscheinlich. Es wird Röttgen schon Genugtuung bereiten, Angela Merkel und die drei bisherigen Möchtegern-Kandidaten überrumpelt zu haben. Und sollte er am Ende zumindest seinen alten Rivalen Laschet verhindert haben, wäre das für Röttgen wohl ein Erfolg.

Mit schönen Worten, die wohl viele in der Union unterschreiben könnten, hat der 54-Jährige seine Bewerbung inhaltlich begründet: Abgrenzung nach links, vor allem aber nach rechts; die Ost-West-Spaltung therapieren; mehr Verantwortung in Europa übernehmen; glaubwürdiger für den Klimaschutz eintreten. Wichtiger aber scheint seine Kritik am Verfahren, die Aussicht, Merz, Laschet und Spahn könnten im Hinterzimmer auskungeln, wer die Parteispitze übernimmt und wer sonst noch was wird.

Das sei keine Teamlösung, sondern nur Taktik, beklagt Röttgen. Damit spricht er aus, was sicher viele denken, die nicht im Berliner Politikbetrieb stecken. Dabei ist der Widerspruch offensichtlich: Hier erhebt einer die Stimme des Volkes, der bisher nicht gerade durch Volksnähe aufgefallen ist. Für Teamwork sei auch er, beteuert Röttgen, "wie sollte man dagegen sein?" Dabei ist seine Botschaft an diesem Dienstag klar: Mein Team bin ich.

Und dieses Motto werden nun auch die anderen, unerklärten Kandidaten beherzigen müssen. Merz wird gewiss antreten, seine Chancen dürfte er durch Röttgen nicht geschmälert sehen. Laschet kann dem Konkurrenten von einst eigentlich nicht das Feld überlassen, ohne sich dem Vorwurf der Selbstverzwergung auszusetzen.

Röttgens Vorpreschen macht die ohnehin unwahrscheinliche einvernehmliche Lösung, die sich die CDU-Spitze gewünscht hat, so gut wie unmöglich. Ein wochenlanger Wettstreit auf offener Bühne ist absehbar, Richtungsdebatte inklusive.

So etwas kann eine Partei beleben. Es kann einen echten Wettbewerb der Ideen geben, eine Diskussion über das Selbstverständnis der CDU. Aber sind vier Männer aus ein und demselben Landesverband dafür eine gute Voraussetzung?

Die Gefahr ist groß, dass das Vorgehen die CDU weiter lähmt und spaltet, gerade wenn die Führungsfrage nicht eindeutig geklärt wird: Die 51,8-Prozent-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kann ein Lied davon singen, genauso die SPD, deren aufwendiges Vorsitzenden-Casting keinerlei positiven Effekt hatte.

Am Ende sind all die Schwüre, man werde sich im Ziel hinter dem Sieger versammeln, meist wenig Wert. Die CDU muss kein Kanzlerwahlverein sein, aber sie braucht die Ordnung einer oder eines Vorsitzenden, deren oder dessen Autorität nicht permanent infrage steht. Dass aber aus dem gegenwärtigen Chaos bald wieder Ordnung entsteht, ist sehr unwahrscheinlich.

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