Möglicher Parteichef Walter-Borjans rät zu Verzicht auf SPD-Kanzlerkandidatur

Überraschender Vorstoß von Norbert Walter-Borjans: Im SPIEGEL eröffnet der Kandidat für den SPD-Vorsitz die Debatte, ob seine Partei überhaupt noch stark genug ist, um mit einem Kanzlerkandidaten anzutreten.

Norbert Walter-Borjans: "Eine Menge Möglichkeiten, über die man dann sprechen kann"
Kay Nietfeld/ DPA

Norbert Walter-Borjans: "Eine Menge Möglichkeiten, über die man dann sprechen kann"

Von Christoph Hickmann und


Norbert Walter-Borjans, Kandidat für das Amt des SPD-Chefs, rät seiner Partei davon ab, in ihrer derzeitigen Verfassung einen Kanzlerkandidaten aufzustellen. "Ich glaube, ich würde erst mal dafür werben, dass wir einen Spitzenkandidaten aufstellen", sagte Walter-Borjans in einem SPIEGEL-Streitgespräch der zwei verbliebenen Teams im Rennen um den SPD-Vorsitz. (Das ganze Gespräch finden Sie ab 16 Uhr auf SPIEGEL.de.)

Er glaube nicht, "dass wir im Augenblick an dieser Stelle sind, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen", so der frühere NRW-Finanzminister. Er rührt damit an ein innerparteiliches Tabu. Bislang gehörte es zum Selbstverständnis der Sozialdemokraten, mit einer offiziellen Kanzlerkandidatur ebenso wie die Union den Anspruch zu untermauern, den Regierungschef zu stellen. Kleinere Parteien wie Grüne, FDP oder Linke treten bislang hingegen traditionell lediglich mit Spitzenkandidaten an.

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Walter-Borjans ließ zudem durchblicken, dass unter ihm als SPD-Chef sein Konkurrent Olaf Scholz wenig Chancen auf die Kanzlerkandidatur hätte, sollte die Partei am Ende doch eine solche Kandidatur vergeben. Wenn er und Saskia Esken Vorsitzende würden, müsse man die Frage stellen: "Gibt es eine Alternative zu dem, wer es sich zutraut, also Olaf. Und wie könnte die aussehen?", so der 67-jährige Sozialdemokrat: "Ich würde zumindest sagen, dass diese Partei, anders als viele glauben, über eine Menge sehr qualifizierter Köpfe verfügt, über die man dann mal gemeinsam reden müsste."

Es gebe"eine Menge Möglichkeiten, über die man dann sprechen kann". Es gehe darum, wie man eine Neuausrichtung der SPD "auch personell glaubwürdig darstellen" könne.

Auf seine eigenen Ambitionen angesprochen, sagte Walter-Borjans, es müsse "nicht zwingend" einer der Vorsitzenden als Nummer eins im nächsten Wahlkampf antreten, aber die künftigen Parteichefs müssten "ein klares Wort mitreden können". Die Entscheidung dürfe nicht an den Vorsitzenden vorbeilaufen.

In dem am Montag aufgezeichneten Gespräch trat Walter-Borjans mit seiner Tandempartnerin, der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken, gegen das andere vor der Stichwahl verbliebene Bewerberteam aus Bundesfinanzminister Olaf Scholz und der Brandenburgerin Klara Geywitz an. Es war das erste Aufeinandertreffen dieser Art, nachdem am vorvergangenen Samstag das Ergebnis der ersten Runde des Mitgliederentscheids verkündet worden war.

Das Kandidatenduell: Scholz, Geywitz vs. Walter-Borjans, Esken - ab 16 Uhr auf SPIEGEL.de

insgesamt 116 Beiträge
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bebau 06.11.2019
1. Weise Entscheidung
Im Moment haben die Grünen höhere Chancen, einen Kanzler zu stellen als die SPD. Gut, dass die SPD ihre Platz jetzt kennt.
torstenhannover 06.11.2019
2.
Für die binnen- und innerparteiliche Seele wäre wohl Borjans/Esken besser allerdings kann ich mir ihn gar nicht als Kanzler vorstellen.
Ruhrsteiner 06.11.2019
3. Ist es das, was ....
Wählerinnen und Wähler von der SPD erwarten? Vielleicht profiliert er sich erst einmal weiter als Bildhauer, und sorgt dafür - auf legalem Wege - dass die Schwierigkeiten mit der Schweizerischen Bundesanwaltschaft aus der Welt geschafft werden.
schö 06.11.2019
4.
Wenn er recht hat er recht! Endlich einmal eine zutreffende Wortmeldung. Noch besser wäre gewesen, sich zB für Friedrich Merz als möglichen Kandidaten einzusetzen. Das meine ich nicht ironisch, weil mit Merz der SPD vermutlich ein differenzierteres Profil möglich wäre. Die Menschen sind einfach eine Beliebigkeit wie Merkel leid und erwarten eine Figur, die endlich Ecken und Kanten zeigt.
Ruhrtime 06.11.2019
5. Recht hat er
Warum einen Kandidaten aufstellen, wenn man bald bundesweit bei 15% liegt?
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