Nordkorea vor Anerkennung Quelle Gysi in heikler Mission

Die Bundesregierung will Nordkorea anerkennen und damit den Wiedervereinigungsprozess zwischen Süd- und Nordkorea unterstützen. Als "Sonderdiplomat" kehrte Gregor Gysi (PDS) gerade aus beiden Ländern zurück und gab SPIEGEL ONLINE einen Reisebericht.

Von Holger Kulick


Nach 52 Jahren vor der Anerkennung durch die Bundesrepublik: die Demokratische Volksrepublik Nordkorea, ...
DER SPIEGEL

Nach 52 Jahren vor der Anerkennung durch die Bundesrepublik: die Demokratische Volksrepublik Nordkorea, ...

Berlin - Überraschend hat der Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Karsten Heye mitgeteilt, dass die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen zu Nordkorea aufnehmen will. Einen Zeitplan sollen offizielle Gespräche klären. Bedingungen wären Fortschritte Nordkoreas im Dialog mit dem verfeindeten Südkorea, die Einhaltung der Menschenrechte und die Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Nordkoreas einziges nennenswertes Exportgut sind militärische Raketen.

Mit genau dieser Aufforderung an die Bundesregierung, den Schritt zur Anerkennung Nordkoreas zu vollziehen, ist der PDS-Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi gerade aus Korea zurückgekehrt. Auf Einladung beider Regierungen in Seoul und Pjöngjang referierte er dort über deutsch-deutsche Wiedervereinigungserfahrungen und

... die sich langfristig mit ihrem verfeindeten Nachbarn Südkorea vereinigen will.
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... die sich langfristig mit ihrem verfeindeten Nachbarn Südkorea vereinigen will.

spielte Diplomat zwischen den beiden Systemen. Seine Reise hatte er mit dem Kanzleramt abgestimmt. Zunächst hatte ihn Südkorea eingeladen, als die nordkoreanische Seite davon erfuhr, bat auch sie Gysi, Station zu machen.

Zehn Tage war der PDS-Stratege in Asien unterwegs, mit Zwischenstation bei den "besonders neugierigen Chinesen". Nord- und Südkorea empfingen den Reformsozialisten mit allen Ehren, in Pjöngjang mit Drei-Zimmer-Suite (davon zwei wegen der Kälte unbenutzbar) und in Seoul mit Polizeieskorte. Im Süden nahmen sich Premierminister Lee Han Dong und der Verteidigungsminister Zeit für längere Gespräche, im Norden der Präsident der Obersten Vollversammlung und der stellvertretende Außenminister ("bei drei Grad Celsius im unbeheizten Ministerium"). Noch plaudert Gysi nur ungern über seine Kontakte, weil er seine neue Diplomatenrolle nicht gefährden will. Denn die Aufgabe nimmt er ernst.

Wels-Revolution statt Weltrevolution

Neuerdings Korea-Diplomat: Gregor Gysi (PDS)
AP / M. Schreiber

Neuerdings Korea-Diplomat: Gregor Gysi (PDS)

Gysi muss zunächst Misstrauen abbauen, speziell in Nordkorea. "Dagegen war die DDR fast ein freies Land", grinst er, denn seine Gastgeber verboten ihm sogar, sein Hotel zu verlassen. Kontakte mit der Bevölkerung sind noch immer tabu. Die Menschen leiden an Hunger und Unterernährung, aber Gysis Gesprächspartner versicherten ihm als geschulte Propagandisten, dass jetzt die "Periode der Entbehrungen" beendet sei - durch drei Revolutionen zur Behebung des Hungers: erstens die Kartoffel-Revolution, denn die Essgewohnheiten im Lande werden auf das preiswert sättigende Produkt umgestellt. Zweitens die Samen-Revolution, denn die Bauern sollen das neue Saatgut schätzen lernen. Und drittens, die "Wels-Revolution". Welse könnten sich von Schlamm ernähren, und so würden vielerorts Wels-Teiche angelegt. Darüber hinaus ist noch ein "großer Marsch der roten Fahnen" geplant, dessen Hintersinn habe Gysi aber "nicht richtig begriffen".

Konföderation oder schrittweise Wiedervereinigung?

Unerwartete Gysi-Fans: Südkoreas Regierung unter Präsident Kim Dae Jung
DPA

Unerwartete Gysi-Fans: Südkoreas Regierung unter Präsident Kim Dae Jung

Die Wiedervereinigung ihrer verfeindeten Länder ist Staatsziel beider koreanischer Staaten. Nur die Wege unterscheiden sich. Der Norden wünscht zunächst eine Konföderation selbständiger Staaten, mit einer gemeinsamen Regierung nur für die Punkte, auf die man sich einigen kann. Südkorea folgt eher dem deutsch-deutschen Modell in der Phase vor 30 Jahren: schrittweise Annäherung von Vertrag zu Vertrag. "Die sind noch auf der Stufe Brandts in Erfurt", stöhnt Gysi, besonders weil ihm der Streit zwischen südkoreanischer Regierung und Opposition so bekannt vorkam. Diese ringen ähnlich miteinander, wie einst in den siebziger Jahren die Regierung Willy Brandts mit der Union über die neue Ostpolitik. Gysis Rat: "Die jahrelange Auseinandersetzung einfach abkürzen und gleich gemeinsam den Entspannungsweg gehen, den später auch CDU und CSU in der alten Bundesrepublik benutzten."

Nordkorea zur Abrüstung bereit?

Eindringlich warnt Gysi davor, die deutsch-deutsche "Crash-Lösung" von 1989 auf Korea zu übertragen. Auch eine "Implosion" im Norden hält er für unwahrscheinlich, selbst wenn der Parteiapparat allmählich zerfällt. Schwer einschätzbar wäre der Einfluss des Militärs, Staatschef Kim il Sung sei aber bereit, den Export von Raketen einzustellen, wenn die Einnahmen dafür ersetzt werden könnten.

Gregor Gysi auf Putins Spuren? Der russische Präsident besuchte Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il im vergangenen Juli
DPA

Gregor Gysi auf Putins Spuren? Der russische Präsident besuchte Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il im vergangenen Juli

Viele mühselige, kleine Schritte wären dazu aber wichtig, auf deren Grenzen selbst Gysi stieß. Mehr Tourismus? Das sei doch Umweltbelastung, blockten seine Gesprächspartner ab, um die Abschottung ihres Landes nicht aufzuweichen. Doch um Verkrustungen zu brechen, geizte Gysi nicht mit Tipps.

Vereinigungsrezepte auf Gysi-Art

Südkorea schlug er vor, seinen frierenden Nachbarn 500 Megawatt Stromkapazität zu schenken. Die Regierung sollte nur darauf bestehen, dass Nordkoreas Medien berichten, woher diese Stromspende stammt. So eine Nachricht wirke Wunder beim Abbau des Feindbildes. Auch auf Versäumnisse wies Gysi hin, den Dialog zu vereinfachen. Es gebe bislang nicht einmal einen ständigen vertraulichen Boten zwischen den Regierungen Koreas, so wie einst den Honecker-Vertrauten Rechtsanwalt Wolfgang Vogel als Emissär der DDR.

Zum Dank für seinen Unterricht winkten Gysi zwei neue Einladungen. So will Südkoreas Regierungspartei stärkere PDS-Kontakte knüpfen und Nordkoreas Partei der Arbeit natürlich auch. Die gaben ihm zudem eine Einladung an die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer mit nach Berlin. Aber das bereitet Gysi Kopfzerbrechen. Zum einen, "weil sich beide Parteien doch sehr unterscheiden", und zum anderen, weil "die deutschen Medien so etwas missinterpretieren werden".

Konsultationen mit dem Kanzleramt

Um Koreas Wandel "in Bescheidenheit" zu unterstützen, fordert Gysi nun die Bundesrepublik zu diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea auf - die Antwort kam prompt. Von nun an sollen offizielle Gespräche erfolgen. Schon im Vorfeld seiner Mission hatte Gysi den außenpolitischen Berater im Kanzleramt, Michael Steiner kontaktiert und sich abgestimmt. Das mag PDS-Anhänger irritieren, aber selbstbewusst stellt Gysi klar: "Man muss aus seiner Oppositionsrolle heraus, wenn man eine bestimmte Verantwortung wahrnehmen will." Und in Anspielung an alte Stasi-Verdächtigungen gegen ihn scherzt er: "Es soll aber keiner denken, ich sitze da als Geheimdienst-Quelle Kim."

Während der Reise neuer Frust über die eigenen Genossen

Verärgert über seine eigenen Genossen: Gregor Gysi
REUTERS

Verärgert über seine eigenen Genossen: Gregor Gysi

In seiner eigenen Partei ist ihm derweil das Lachen vergangen, momentan reize es ihn wenig, dort erneut für den Bundestag zu kandidieren, sagt er nach seiner Rückkehr. Zu viel "Unerfreuliches" sei passiert. Rivalitäten in der neuen Parteispitze und der Aufschub der Programmdebatte haben den PDS-Begründer frustriert. Dies vor allem, weil Gysis engster Vertrauter Lothar Bisky während seiner Asienreise in der Programmkommission der Reformsozialisten das Handtuch warf. Aber nun in die ihm angebotene Rolle eines Fernsehmoderators zu flüchten, will er offenkundig auch nicht ("Bis Mitte Februar muss ich mich entscheiden"). Denn nicht nur in Asien ist Diplomat Gysi derzeit als Brückenbauer gefragt.



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