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20. Oktober 2007, 17:20 Uhr

Nordrhein-Westfalen

Linke lockt SPD-Urgestein Dreßler

Von , Düsseldorf

Der nordrhein-westfälische Landesverband der Linkspartei sucht immer noch einen zugkräftigen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2010. Linke-Chef Lafontaine hätte dafür gerne seinen alten Freund Rudolf Dreßler - aber der ist immer noch in der SPD.

Düsseldorf - Der Angstgegner der nordrhein-westfälischen SPD sitzt in seinem Haus in Vinxel bei Bonn, zieht kräftig an einer Marlboro, lässt seinen Blick über den herbstlich-bunten Garten streifen und steckt Familienhund Tessa ein Leckerchen zu: Rudolf Dreßler, 66 Jahre alt und Botschafter im Ruhestand.

SPD-Politiker Dreßler (als Botschafter in Israel 2005): "Wenn ich aus der SPD austreten müsste, dann würde ich nicht automatisch in eine andere Partei eintreten"
DPA

SPD-Politiker Dreßler (als Botschafter in Israel 2005): "Wenn ich aus der SPD austreten müsste, dann würde ich nicht automatisch in eine andere Partei eintreten"

Zwei Parteien werben um seine Gunst, seitdem Dreßler vor knapp zwei Jahren aus Israel zurückkam - die Linke, die Partei seines Freundes Oskar Lafontaine, und die SPD, für die er 20 Jahre lang im Bundestag saß und genauso lange den einflussreichen Partei-Ausschuss für Arbeitnehmerfragen (AfA) leitete.

Mit einem wie Dreßler hätte die Linke in NRW endlich den bekannten Kopf, der ihr noch fehlt: Ein wortgewaltiger Sozialexperte, gegen den der selbsternannte Arbeiterführer, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers von der CDU, genauso blass aussehen würde wie SPD-Herausforderin Hannelore Kraft.

Die SPD würde mit ihm einen glaubwürdigen Vertreter aus einer Zeit verlieren, in der die Mehrheit der Wähler die Verteidigung der sozialen Gerechtigkeit als eine Grundtugend der Sozialdemokratie ansah. Darum suchen die SPD-Granden seit Wochen das Gespräch mit dem Mann aus Vinxel: Vorsitzende, ehemalige Vorsitzende, führende Köpfe der Fraktion und aus den Ländern. Sie appellieren an seine Verantwortung für die Partei, in die er 1969 eingetreten ist, um aktiv gegen die damals beschlossenen Notstandsgesetze zu kämpfen.

Dreßler genießt das Werben um ihn

Das gefällt dem gelernten Schriftsetzer aus Wuppertal, der 1998 von Kanzler Gerhard Schröder schnöde abserviert wurde, weil er den Beton-Sozi nicht in seiner so modernen rot-grünen Regierung haben wollte. Am Ende hat Dreßler, der vermutlich undiplomatischste Botschafter aller Zeiten, diesen Job so gut gemacht, dass ihm eine Verlängerung - auch über die sonst übliche Pensionsgrenze hinaus - angeboten wurde. Doch da waren die Schulen in Bonn für seine beiden Jungs, 11 und 14 Jahre alt, schon ausgesucht.

Nun hat er wieder Zeit, alte Freundschaften zu pflegen - zum Beispiel zu Oskar Lafontaine, dem abtrünnigen SPD-Vorsitzenden und derzeitigen Chef der Linkspartei. "Seitdem ich aus Israel zurück bin, haben wir unsere Verbindung intensiviert, treffen uns gelegentlich und telefonieren häufig miteinander", sagt Dreßler. Lafontaine und er kennen sich aus Bonner Zeiten und die beiden verbindet eine tiefe Abneigung zu Schröder und Franz Müntefering.

"Natürlich reden wir über die SPD, da gibt es ja genügend Anlass", schildert Dreßler. Aus solchen Gesprächen ergebe sich dann schon mal die Fragestellung, "ob ich Interesse habe, den Laden zu wechseln". Seit kurzem hat er sogar einen Aufnahmeantrag für die Linke auf dem Schreibtisch. Nicht von Freund Oskar, sondern von Sandra Maischberger, die vor einigen Wochen dem verblüfften Gast das Papier in ihrer Talkshow mit folgenden Worten überreichte: "Ich habe hier noch ein Stellenangebot für Sie."

Der Aufnahmeantrag liegt nicht zur Unterschrift in seinem Büro im Keller des Hauses. Da müsste er vorher seinen SPD-Austritt erklären, sagt Dreßler und auch der stehe nicht zur Unterschrift an. Aber, "man soll niemals nie sagen".

Dreßler amüsiert sich über den Richtungsstreit in der SPD

Den aktuellen Richtungsstreit in seiner Partei um den Links-Kurs von Parteichef Beck, verfolgt er mit unverhohlenem Vergnügen. "Schröder und Müntefering haben dafür gesorgt, dass die SPD ihre Identität verloren hat." Mit der Agenda 2010 sei die Sozialpolitik den Regeln des Marktes ausgeliefert worden, "mit dem Ergebnis, dass die SPD, bei denen, die überhaupt noch wählen wollen, bei 24 bis 28 Prozent liegt und eigentlich keine Volkspartei mehr ist". Viele Wähler hätten ihre Heimat in der SPD verloren und würden sich im einstigen Stammland der Genossen, in Nordrhein-Westfalen, inzwischen besser beim CDU-Politiker Rüttgers aufgehoben fühlen. Mit ihrer 'Die-Welt-ist-nun-mal-so-und-wir-müssen-uns-damit-abfinden-Politik', habe die SPD Wähler enttäuscht - und die Linke erst stark gemacht.

Nur noch 3,5 Millionen Arbeitslose, das sei doch ein Erfolg für Hartz IV & Co. - über solche Argumente seiner Genossen regt sich Dreßler wirklich auf: "Die feiern ihre Statistik, die sie selbst bereinigt haben. Tatsache sind 6,1 Millionen Arbeitslose, nur die Ein-Euro-Jobber, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die Geringbeschäftigten werden nicht mehr mitgezählt." Und was sei bitteschön mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der Kinderarmut von 2,7 Millionen in Deutschland? Und was mit dem wachsenden Niedriglohnsektor in unserem Land - 25 Prozent der Menschen in den alten Bundesländern verdienten weniger als den Durchschnittslohn, in den neuen Ländern liege die Quote bei 60 Prozent? Gleichzeitig senke die SPD die Unternehmenssteuern erst um 40 Milliarden und jetzt noch mal um sechs Milliarden Euro.

All das könnte auch von Freund Lafontaine stammen. Genauso die nächste Frage, die sich Dreßler stellt: "46 Milliarden Euro für die Unternehmer - aber die 800 Millionen Euro für die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für ältere Menschen haben wir angeblich nicht - wissen Leute wie Müntefering eigentlich was sie tun?"

Dreßler setzt auf Parteichef Beck

"Beck hat die Gefahr für die SPD erkannt", sagt Dreßler, beide haben erst vor kurzem lange miteinander gesprochen. "Beck zu unterschätzen, ist ein Fehler. Er hat mit großer Stetigkeit bisher alles bestanden und Erfolg gehabt, vom Gewerkschaftssekretär bis zum Ministerpräsidenten." Der SPD-Chef würde viel herumreisen und mit Menschen reden, ein Ergebnis dieser Gespräche sei die Verlängerung des Arbeitslosengeldes.

Aber da gibt es ja noch andere, die jetzt eine große Rolle in der SPD spielen: Peer Steinbrück, Matthias Platzeck, Frank-Walter Steinmeier. Mit ihrem Bild vom "Reparatur-Staat", wie Dreßler das Papier des Trios zum SPD-Parteitag nennt, der in der kommenden Woche beginnt. "Jeder hilft sich selbst und wenn er scheitert, dann hilft der Staat", das sei nicht seine Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit.

Zum Parteitag in Hamburg wird Dreßler nicht fahren, allein schon weil Schröder kommt. Aber er ist überzeugt, dass sich Beck durchsetzt. "Alles andere wäre so unwahrscheinlich wie die Wiederholung des Angriffs auf die Twin Towers." Und wenn doch? Die Antwort kommt im Konjunktiv, und darauf legt er besonderen Wert: "Wenn ich aus der SPD austreten müsste, dann würde ich nicht automatisch in eine andere Partei eintreten."

Und es gebe noch einen anderen Weg, den er vor fast 40 Jahren schon einmal gegangen ist: von Innen heraus für eine bessere SPD arbeiten. Er könnte ja noch mal antreten und als Delegierter auf Parteitagen kämpfen.

Dreßler ist 66 - Franz Müntefering ist noch ein Jahr älter.

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