Nervengift Alliierte wussten schon vor BND von Nowitschok

Stolz wollte der BND seinen alliierten Verbündeten vor Jahrzehnten den Kampfstoff Nowitschok präsentieren, den ein Überläufer besorgt hatte. Doch die wussten nach Informationen des SPIEGEL längst davon.
Ermittler in Salisbury, England

Ermittler in Salisbury, England

Foto: Matt Cardy

Mehrere Nato-Staaten verfügten Mitte der Neunzigerjahre über detaillierte Kenntnisse zum sowjetischen Kampfstoff Nowitschok - und hielten ihr Wissen vor der Bundesregierung Helmut Kohls (CDU) geheim. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Das musste der Bundesnachrichtendienst (BND) nach Informationen des SPIEGEL feststellen, als er damals die Verbündeten stolz über eine Probe Nowitschok informieren wollte, die ein russischer Überläufer dem BND besorgt hatte. Die Alliierten "wussten bereits Bescheid", ärgert sich noch heute ein Beteiligter. Viele Medien hatten jüngst berichtet, der BND habe mit seiner Probe "maßgeblich" dazu beigetragen, dass der Westen Nowitschok kenne.

Mit dem Nervengift wurde kürzlich im englischen Salisbury ein Anschlag auf den britisch-russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter verübt. Beide sind inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen. Indizien legen nahe, dass Moskau hinter dem Anschlag auf die beiden stecken könnte. Der Kreml streitet das aber vehement ab - und verweist auf das Wissen um Nowitschok in anderen Staaten. Die Existenz dieser Probe widerspricht nun ebenfalls der Behauptung Großbritanniens, der Kampfstoff könne nur aus Russland kommen.

Schon vor dem Mauerfall wusste der Westen, dass Moskau das Gift produzierte, bald darauf lag auch die Formel vor. Immerhin durften die Deutschen dank ihrer Probe bei einer Arbeitsgruppe in der Nato mitmachen, zu der Amerikaner, Briten, Niederländer, Kanadier und weitere Länder zählten. Die Geheimdienstler tauschten sich einige Male etwa über Toxizität, Nachweis- und Lagerfähigkeit von Nowitschok aus, dann löste sich die Gruppe auf.