NPD-Basis Lübtheen Siegeszug der braunen Siedler

NPD-Kader haben die idyllische Gegend um Lübtheen in Westmecklenburg zu ihrem neuen Zentrum erkoren. Die Rechten geben sich bürgernah, umwerben Handwerker, unterwandern Bürgerinitiativen und Vereine. Und vergiften das gesellschaftliche Klima. Nun wehrt sich das Städtchen.

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Lübtheen - Im einstigen Musterdorf der Nationalsozialisten fühlt sich Udo Pastörs, 53, richtig wohl. Wo sich unter dem Giebel eines Hofes noch ein verblasstes Hakenkreuz erkennen lässt und unter dem nächsten die Wolfsangel, das Symbol der Hitlerjugend - da hat sich der künftige Landtags-Fraktionschef der NPD mit seiner Frau 50 Hektar Land gekauft. Hier, am Rande des Fleckchens Briest im Landkreis Ludwigslust will er seinen Lebenstraum verwirklichen. Ihm geht es nicht um den Baumschulbetrieb, den er vorgeschoben hat, um überhaupt in der Mecklenburger Elbtalaue bauen zu dürfen. Deutsche Familien will er ansiedeln: im Park mit den deutschen Eichen, den Buchsbäumen und dem kleinen Weiher, U-förmig um sein rotes Backsteinhaus herum. Sein ganz eigenes deutsches Musterdorf.

NPD-Spitzenmann Udo Pastörs vor dem Schweriner Landtag: "Ich räume nie das Feld ohne Kampf"
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NPD-Spitzenmann Udo Pastörs vor dem Schweriner Landtag: "Ich räume nie das Feld ohne Kampf"

Ein paar Kilometer weiter sitzt Ute Lindenau im Rathaus von Lübtheen und sagt: "Das Image der Stadt ist hin." Draußen wiegen sich die Linden im Gegenlicht der tiefstehenden Spätsommersonne. Das Kopfsteinpflaster, die roten Backsteinhäuser, das Fachwerk, die geputzten Bürgersteige - alles wirkt wie mit einer güldenen Schicht überzogen. Die Idylle eines verschlafenen 5000-Einwohner-Städtchens. Ute Lindenau ist hier geboren. Seit fünf Jahren ist sie Bürgermeisterin und sagt heute: "Man kann das nicht mehr heilen."

Damals, als sie das Amt übernahm, hätte sie sich nie vorstellen können, jemals solche Sätze zu sagen über ihre schöne Heimat, über ihr Lübtheen. Doch es ist viel passiert in dieser Zeit. Die Jugend suchte ohne Perspektive das Weite - dafür kamen die braunen Siedler aus dem Westen.

Pastörs in Briest; NPD-Landeschef Stefan Köster in Pätow-Steege; der Kreisvorsitzende Andreas Theißen in Langenheide; Thomas Wulff, die rechte Hand von NPD-Bundeschef Udo Voigt, in Teldau: Weitgehend unbemerkt haben Rechtsextremisten und Neonazis alte Gutshäuser und günstige Grundstücke in der Gegend im Dreiländereck von Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hamburg gekauft. Von hier wollen sie ihren "nationalen Widerstand" organisieren.

"Der Uhrmacher ist ein bisschen rechts"

"Wir haben nichts davon gemerkt", gibt Ute Lindenau zu. Sicher, irgendwann habe mal einer erzählt: "Der Uhrmacher, der ist ein bisschen rechts." Da hatte Udo Pastörs sein Schmuckgeschäft im Zentrum von Lübtheen längst etabliert. Die Leute schätzten seine freundliche, zuvorkommende Art. "Ein anständiger Mann", sagen sie noch heute. Dass etwas faul war mit dem anständigen Mann, merkte die SPD-Politikerin Lindenau erstmals bei einer Veranstaltung ihrer Partei.

Gemeinsam mit Köster versuchte Pastörs die Sozialdemokraten lautstark in Bedrängnis zu bringen. Wortergreifung heißt das bei der NPD. Das war kurz vor der Kommunalwahl vor zwei Jahren. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst holten die Rechtsextremen in der Stadt schon 8,8 Prozent, bei der Landtagswahl am vergangenen Sonntag waren es 16,2. Die Partei hat Wurzeln geschlagen.

Über Jahre haben Pastörs und seine Gehilfen nüchtern kalkuliert: Bürgernähe bringt Wählerstimmen. Kaum hatte sich der Schmuckhändler in der Stadt niedergelassen, suchte er das Gespräch mit dem lokalen Mittelstand. Zum Frühstück am Morgen ins Café am Markt, in der Mittagspause ins "Deutsche Haus", abends ins Bistro - wo immer die Firmenwagen der örtlichen Unternehmer vor einer Gaststätte parkten, da kehrte auch Pastörs ein.

Eine Selbstverständlichkeit für ihn, dass er sich als Bürger auch gegen den geplanten Braunkohleabbau in der nahen Griesen Gegend engagierte und bei der Gründung einer Bürgerinitiative zur Stelle war. Bald warnten kritische Stimmen des Vereins "Braunkohle Nein" vor einer Instrumentalisierung durch die NPD. In der Tat machten die Rechtsextremen die drohenden Riesenbagger zum Wahlkampfthema. Mitte September entschloss sich die Bürgerbewegung, Pastörs auszuschließen. In einem Fax des Vorstands wurde ihm mitgeteilt, er spreche in Flugblättern der NPD "bewusst von Pommern als unserer Heimat und leiten damit unter Verkennung der Zwei-plus-Vier-Verträge Gebietsansprüche her". Akzeptieren will Pastörs den Rauswurf nicht: "Ich bin kein Mann, der das Feld räumt ohne Kampf", sagt er.

"Germanisches Kegeln" beim Sportfest

Thomas Pietz, Vorstandsmitglied im Lübtheener Sportverein "Concordia", warnt: "Wir müssen wachsam sein." Im schmucklosen Vereinsheim neben dem Sportplatz hängen graue Luftballons schlaff von der Decke, ernst blickt Turnvater Friedrich-Ludwig Jahn von der Wand. Gerne hätte Pastörs wohl dessen "patriotisches Turnen" belebt, doch die Juristen des Vereins klärten schon vorsorglich, wie eine Mitgliedschaft des NPD-Kaders zu verhindern wäre. Pastörs nahm Abstand von einem Antrag.

In der Zwergensportgruppe des Vereins machen auch die Kinder von Andreas Theißen, 34, mit. Theißen und seine Frau werden dem Umfeld der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) zugerechnet, der Nachfolgeorganisation der verbotenen Wiking-Jugend. Nachbarn des Neonazis im Dorf Langenheide berichten von Zeltlagern und Aufmärschen auf dem Anwesen der Familie. 1999 wurde Theißen wegen unerlaubten Sprengstoffbesitzes zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Am vergangenen Sonntag soll er bei der Wahlparty der NPD in Schwerin einen Journalisten attackiert haben.

Misstrauisch wurde die "Concordia", als Theißens Clique beim Sportfest "germanisches Kegeln" anbieten wollte. Der Vorstand lehnte ab. Als Theißen dann Ambitionen auf die Betreuung der zwei- bis sechsjährigen Jungen und Mädchen anmeldete, gab es endgültig Alarm im Sportverein: "Wir haben dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben", sagt Pietz.

An anderer Stelle ist das nicht passiert: Birkhild Theißen ist Elternratsvorsitzende der dritten Grundschulklasse ihrer Tochter.

Die Mädchen im Kleidchen mit adrett geflochtenen Zöpfen, die Jungs sauber gescheitelt in Knickerbockern - herausgeputzt, wie es sich in ihren Augen für ein deutsches Kind gehört: So schicken die Rechten ihre Kinder in die städtische Kindertagesstätte. Und auch hier gerieten die Demokraten in die Bredouille, als im Sommer ein Malermeister aus Patörs' Umfeld anbot, die Räume der Kita gratis zu renovieren. Da griffen die anderen Eltern lieber selbst zum Pinsel - bevor ein Mann mit seinem sozialen Herz Werbung für die NPD macht, in dessen Wohnzimmer ein Porträt von Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess hängen soll.

Überall der Verdacht: Wer ist hier rechts?

Der gesellschaftliche Umgang mit der Gefahr von rechts ist zum Problem geworden in Lübtheen. Darf man bei Nazis einkaufen? Darf man mit ihnen Geschäfte machen - wie der Bäcker, der auch der NPD frische Brötchen liefert, weil er sich ein Ablehnen von Aufträgen nicht leisten kann? Darf man bei ihnen einkaufen - wie Knut Willemer, der Pfarrer, der auch weiterhin in Pastörs' Geschäft gehen würde?

"Der Schmuck ist ja nicht rechtsradikal", sagt Willemer, 44, ein Pragmatiker. Seit 13 Jahren ist er Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lübtheen. Trotzdem hat auch er erst spät verstanden, was in der Stadt vor sich geht - bis die Nazis buchstäblich vor seiner Tür standen. Ausgerechnet auf dem Platz vor seiner Kirche wollte die NPD im Juni in Lübtheen ihren Wahlkampfauftakt begehen. Erst kurz vorher lenkte Pastörs im Gespräch mit Willemer ein und verlegte die Veranstaltung auf den Marktplatz. In der Kirche fand dann am selben Tag ein Gottesdienst gegen Rechts statt.

Die braunen Neubürger vergiften allmählich das gesellschaftliche Klima in der Stadt. Auf wessen Seite steht der Tischler? War die Taxi-Unternehmerin bei der NPD-Kundgebung, während 400 Bürger dagegen demonstrierten? Gehört sie deswegen zu den Rechten? Pfarrer Willemer beschreibt das Spiel mit den Verdächtigungen so: "Es werden manchmal Personen genannt, die angeblich Kontakte zum rechten Spektrum haben - und die das anschließend vehement bestreiten." Auch die Bürgermeisterin sagt: "Wir müssen vorsichtig sein."

Gegner werden eingeschüchtert, erfasst, fotografiert

Es kommt zu Drohungen, Einschüchterungsversuchen. Wer immer sich gegen den Vormarsch der Rechten engagiert, muss erwarten, von NPD-Aktivisten fotografiert zu werden. Pastörs soll über seine Gegner Buch führen, ihre Aussagen und Aktivitäten dokumentieren. An der Tür einer Mitbegründerin der parteiübergreifenden Initiative "Bürger gegen Rechts" klingelten ein paar lichtscheue Gestalten schon mal Sturm. Im Gästebuch auf der Stadt-Homepage hetzen NPD-Anhänger gegen die Bürgermeisterin und Linke gegen das "braune Nest" Lübtheen. "Das Schlimmste", sagt Ute Lindenau, "wird rausgenommen."

Sie wirkt entschlossen. Man traut dieser resoluten Frau zu, dass sie den politischen Kampf gegen Pastörs und seinen Lebenstraum gewinnt. "Die Masse ist nicht braun", so verteidigt die Bürgermeisterin ihren Heimatort.

Natürlich hat sie Recht. 84 Prozent der Wähler haben am Sonntag ihre Stimme einer demokratischen Partei gegeben. Die Wahlbeteiligung lag mit mehr als 70 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt. Ein Signal - wie das Plakat gegen Rechts, das Jusos am Strommast gegenüber von Pastörs' Grundstückseinfahrt in Briest befestigt haben.

Die Masse der Stadt ist nicht braun, sagt auch der Pfarrer. Aber er fügt hinzu: "Der Masse ist die NPD egal." Und das reicht nicht.



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