NPD-Hochburg Koblentz Dorf am rechten Rand

In den Dörfern Vorpommerns fischt die NPD immer mehr Wähler, und der 200-Seelen-Ort Koblentz ist ihre neue Hochburg: 33 Prozent haben die Neonazis hier bei der Landtagswahl geholt. Die Bürgermeisterin ist entsetzt - selbst ihr Sohn hat die Rechten gewählt.

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Koblentz - Ingelore Grygula sieht müde aus, der Tag hat Spuren hinterlassen. Morgens hat sie auf dem Acker gearbeitet, nachmittags im Dorfzentrum Reporter empfangen. Jetzt will sie endlich nach Hause, aber diesen einen Satz muss sie noch loswerden. Denn man kann es ja auch so rum sehen.

"Vielleicht", sagt Grygula trotzig, "ist das alles auch gar nicht so schlecht. Immerhin schenkt man uns jetzt mal ein wenig Beachtung."

Ingelore Grygula ist Bürgermeisterin im vorpommerschen Koblentz. Sie ist parteilos und sie liebt ihr Dorf, aber irgendwie ist ihr die Gemeindes entglitten, das Sagen haben jetzt andere. Seit der Landtagswahl am vergangenen Wochenende ist der verschlafene 200-Seelen-Ort nahe der polnischen Grenze die neue braune Hochburg in Mecklenburg-Vorpommern, ein Symbol rechtsextremer Macht. Von 97 gültigen Stimmen entfielen 32 auf die NPD. Nirgends im Land waren die Deutsch-Nationalen besser. Und die Republik fragt sich mal wieder, wie es dazu kommen konnte.

Es ist nicht so, dass es darauf keine Antworten gäbe. Koblentz ist einer jener Orte an der ostdeutschen Peripherie, die in den vergangenen Jahren von den demokratischen Parteien weitgehend sich selbst überlassen wurden. Die Infrastruktur verkommt, Geschäfte und Kneipen fehlen, Jobs gibt es kaum, und wenn es sie gibt, sind sie schlecht bezahlt. Ein Bäcker und Bofrost liefern hin und wieder Lebensmittel, alles andere muss im Nachbarort besorgt werden. Ein Bus fährt fünfmal am Tag, aber wer bis 14.30 Uhr nicht eingestiegen ist, muss das Taxi nehmen. Und das können die meisten nicht bezahlen.

Der Ort ist wie gemacht für die rechten Menschenfischer.

Natürlich, die NPD hat aggressiv Wahlkampf gemacht, hat das Dorf mit Broschüren geflutet, Funktionäre geschickt und Feste veranstaltet. Alles ganz bieder, versteht sich, die Partei will weg vom Schläger-Image. Nur die Plakate haben noch den bekannt aggressiven Ton. Wie Trophäen hängen sie an den Koblentzer Laternen: "Wehrt Euch!", "Sei kein Frosch - wähle deutsch", "Atomtod aus Polen stoppen".

"Hier ruft keiner Heil Hitler"

Rot-grün-schwarz-gelbe Konkurrenz? Fehlanzeige. "Von den Demokraten bin ich enttäuscht", sagt Manfred Häusler, ein grünennaher Bildungsarbeiter. "Sie haben den Braunen das Feld überlassen, und die sitzen jetzt hier drin. Wie Zecken."

"Die NPD war halt hier", sagt ein Rentner. "Die anderen haben mit ein paar Bildchen nur versucht, ihren Arsch ins Parlament zu retten."

Besonders braun wirkt Koblentz nicht. Es gibt keine Hakenkreuz-Schmierereien, keine Nazi-Symbolik, keine Schlägertrupps. Im Gegenteil. Kaum ein Mensch ist unterwegs. Neben der Dorfstraße stehen rechts und links adrette Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, ein paar Gänse schnattern, ein Hund bellt. Kleinbürgerliche Beschaulichkeit.

"Hier ruft keiner Heil Hitler", sagt Michael.

Der rechte Feldzug Richtung politischer Mitte, er ist in Koblentz angekommen - und Michael hat er mitgerissen. Er ist 24, ein stämmiger Bursche mit rundlichem Gesicht. Tagsüber fährt er Trecker, abends trifft er sich zum Bier in der Scheune. Wie viele seiner Freunde hat er NPD gewählt, Bürgermeisterin Grygula kennt ihn gut: Michael ist ihr Sohn.

"Dass sogar er die Rechten gewählt hat, macht mich wirklich traurig", sagt sie. Ihn lässt das kalt. "Ick bin Ick, und Mutti ist Mutti", sagt er.

Die Ziegen-AG ist das Heiligtum der Jugendlichen

Michael findet, dass die NPD seine Sorgen ernst nimmt, für bessere Löhne eintritt und in der Öffentlichkeit zu Unrecht verteufelt wird, ansonsten kann er nicht viel über die Partei sagen. Dass die Rechten im Schweriner Landtag vor allem durch Pöbeleien auffallen und stolz ihre Ordnungsrufe zählen, ist ihm entgangen. "Die Arbeitnehmer werden hier ausgebeutet, und die NPD ist die einzige Partei, die das ändern will", glaubt er. Michael klingt, als hätte er eine NPD-Werbebroschüre verschluckt.

Ausländerfeindlich ist er nicht. Sagt er jedenfalls. Mit zwei polnischen Familien, die in einem Neubau an der Dorfstraße wohnen, käme er gut aus. "Nette Menschen", sagt er.

Dass Michael die Neonazis wählt, ist für die Demokratie ein Trauerspiel. Mag sein, dass es Fassade ist, aber er macht einen gutmütigen Eindruck. Mit ein paar Freunden hat er im Dorf eine "Ziegen AG" gegründet, eine Lehmhütte mit angeschlossenem Kleintierzoo. Ein paar Schafe fressen sich durch die Wiese, die Karnickel liegen zufrieden in ihrer Bucht, weiter hinten grasen zwei Pferde. "Ich sach mal, das ist unser Kulturzentrum", sagt einer von Michaels Kumpels.

Die Hütte ist ihr Heiligtum, sie treffen sich hier jeden Abend. Neulich haben sie auf der Veranda eines ihrer Hängebauchschweine geschlachtet. "Staatlich anerkannter tuberkulosefreier Rinderbestand" steht an der Tür. Das Schild ist noch aus der DDR. Im Raum steht ein Kicker, im Schrank leuchten ein paar Billig-Pokale, an der Wand kleben halbstarke Trinksprüche. Sonst nichts. Nicht einmal eine Deutschland-Flagge.

Doch die rechten Parolen haben bei Michael und seinen Freunden verfangen. Die NPD hat ihnen das Gefühl gegeben, als kümmere sich jemand. "Jetzt braucht hier keiner anderer mehr kommen. Der Zug ist abgefahren", sagt Michael.

"Auf den Plakaten stand immerhin klipp und klar drauf, was die wollten"

Selbst Linke beginnen, sich mit den Rechten zu arrangieren. Zum Beispiel Olaf Krüger. Der 43-Jährige ist eigentlich Berliner, doch seit zehn Jahren wohnt er in einem Hof gleich am Ortseingang. Blaue Augen, Drei-Tage-Bart, Wuschelkopf. Würde er sich ein bisschen hermachen, wäre er der Robert Redford von Koblentz.

Krüger war Koch, tingelte durch die Welt, ging als Matrose auf See und widmete sich der Artenvielfalt. Ein Lebenskünstler. Jetzt ist er arbeitslos und hält sich in seinem Garten ein paar Gänse. Vor ein paar Jahren hatte er die einzige Kneipe im Dorf, er schloss sie wegen rechter Umtriebe. Irgendetwas ist seitdem mit ihm passiert. Inzwischen verteidigt er die Neonazis. "Die NPD in Schwerin macht knallharte Oppositionspolitik", findet er. Gegen "Lohndumping", gegen "Griechenland-Milliarden" und gegen "all diesen Betrug". Krüger sagt: "Die Rechten lügen nicht, die sagen nur nicht die ganze Wahrheit. Auf den Plakaten stand immerhin klipp und klar drauf, was die wollten."

Es kann sein, dass in fünf Jahren noch mehr Menschen in Koblentz rechts wählen. Es muss sich was ändern, so viel ist klar. Es wäre sicher schon hilfreich, wenn sich ab und an mal ein ernstzunehmender Politiker in die Region trauen würde. Koblentz ist ein Mahnmal, ein Signal an die demokratischen Parteien, sich wieder zu kümmern. Es gibt jetzt auch wieder viele Leute, die die NPD gerne verboten sähen. Doch die Sache ist heikel, juristisch und taktisch. Schon einmal sind die Initiatoren mit einem Verbotsverfahren gegen die Wand gefahren. Eine Blamage.

Soll man noch einen Versuch wagen? Anwohner Manfred Häusler, der in Schwerin schon seit Jahren auf das rechtsextreme Problem in der Region aufmerksam macht, schaut unschlüssig. "Tja", sagt er. "Ich weiß auch nicht." Das Risiko sei hoch, wenn es wieder schiefginge, sei der Schaden unermesslich.

"Andererseits", sagt Häusler, "könnte man dann die Menschenfischer der NPD endlich als das behandeln, was sie sind: Als Gauner und Verbrecher."

insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
Koolau 10.09.2011
1. ...
Wer NPD wählt hat mein Verständnis und meine Solidarität verspielt.
Hesekiel, 10.09.2011
2. Auf Thema antworten
Also, 32 Leute haben NPD gewählt und das ist bei SPON einen Artikel wert? Selbst im Miniaturdörfchen wird sich die Veränderung nach der Wahl in engen Grenzen halten, die Restwelt drumrum wird garnichts bemerken, gerade bei der schlechten Busverbindung.
latinistin 10.09.2011
3. ...
Zitat von sysopIn den Dörfern Vorpommerns fischt die NPD immer mehr Wähler, und der 200-Seelen-Ort*Koblentz ist ihre neue*Hochburg: 33 Prozent haben die*Neonazis hier bei der Landtagswahl geholt. Die Bürgermeisterin ist entsetzt - selbst ihr Sohn hat die Rechten gewählt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,785255,00.html
wenigstens sind es "nur" 32 npd wähler - die quote ist zwar peinlich für das dorf und sicher auch für mcpomm, das das nazi-image so wohl nie loswerden wird, aber auf der anderen seite sind es eben nur ein paar hanseln, die sich jetzt mit den stammtischparolen der rechten locken lassen. schade nur, dass es nichtmal mehr den stammtisch gibt. mich würde nur mal die zusammensetzung des dorfes interessieren....bildungsstand, alter etc. junge leute ohne perspektiven müsste es nicht geben....in der schule ordentlich reingehauen, ein paar semester studiert, ne ausbildung woanders u.ä. würde die perspektiven verändern und den tellerrand erweitern....und wenns dann im heimatbundesland nicht mit dem job klappt, üer alternativen nachdenken....das machen die meisten jungen menschen in deutschland, egal wo sie wohnen... wäre besser als die arbeitslosenmisere mit npd-plakaten ( ausländer nehmen die arbeitsplätze weg) zu verteidigen, oder zumindest zu akzeptieren (das wahlergebnis spricht dafür) in einem bundesland wo es bis auf den zigarettenverkäufer asiatischer herkunft vor dem supermarkt (wo auch die rechts-wähler ihre fluppen kaufen) kaum ausländer gibt!!!
blogotronic 10.09.2011
4. ...
Zitat von HesekielAlso, 32 Leute haben NPD gewählt und das ist bei SPON einen Artikel wert? Selbst im Miniaturdörfchen wird sich die Veränderung nach der Wahl in engen Grenzen halten, die Restwelt drumrum wird garnichts bemerken, gerade bei der schlechten Busverbindung.
Das ist zurecht einen Artikel wert. Ich kenne Leute hier im tiefen Südwesten, die das Ergebnis da hinten mit «Wird schon einen Grund haben, warum die an der polnischen Grenze so gewählt haben, die haben vermutlich ihre Erfahrungen gemacht!» kommentieren. Und dieser Artikel zeigt, dass es darum wohl gerade nicht ging.
linkslibero 10.09.2011
5. nix
NPD wählen ist kein Kavaliersdelikt und ausschließlich 'was für Doofe oder Unapettitliche. Halbwegs Schlaue und halbwegs Anständige wählen keine saudummen Nazis, die außer im Parlament rumpöbeln nix, aber auch gar nix Konstruktives zustande bringen.
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