NPD-Immobilien Die Neonazis nisten sich ein

NPD auf Immobiliensuche: Im Hunsrück bekommt der braune Nachwuchs ein Schulungszentrum. In Dresden könnte Ministerpräsident Milbradt bald in der Nachbarschaft von Rechtsextremen leben. Und in Wunsiedel geht die Angst vor einem "Rudolf-Heß-Gedächtniszentrum" um.

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Hamburg - Genuss hoch drei, ein kleines Wunder oder einfach nur hinreißend - die Kritiker überschlugen sich angesichts der edlen Küche, die Heinrich Schöpf seinen Gästen im "Jägerstüberl" in Wunsiedel im Fichtelgebirge bot. Die Kreationen "zwischen Heimat und weiter Welt" brachten dem Spitzenkoch sogar einen der begehrten Michelin-Sterne. Doch seit Jahresbeginn ist der Gourmettempel dicht, genau wie der angeschlossene Berggasthof "Waldlust". Aus wirtschaftlichen Gründen, heißt es. Schluss mit einem "Hauch Asien", einer "Prise Orient" und einem "mediterranen Touch" - die NPD will einziehen.

Rechtsextremisten beim "Rudolf-Heß-Gedenkmarsch" in Wunsiedel (2004): Will die NPD in der Stadt einen alten Gasthof kaufen?
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Rechtsextremisten beim "Rudolf-Heß-Gedenkmarsch" in Wunsiedel (2004): Will die NPD in der Stadt einen alten Gasthof kaufen?

Die rechtsextreme Partei nimmt nach mehreren vergeblichen Versuchen offenbar einen neuen Anlauf, in Wunsiedel Fuß zu fassen. Das Städtchen ist für die Szene ein symbolträchtiger Ort: Hier ist Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß begraben. Seit ein paar Tagen berichtet der "Kameradschaftsbund Hochfranken" auf seiner Internet-Seite von Plänen des Neonazis und NPD-Vorstandsmitgliedes Thomas Wulff, in dem Gebäudekomplex ein "Rudolf-Heß-Gedächtnis- und Dokumentationszentrum" einzurichten. Auch von einem "nationalen Schulungs- und Bildungszentrum" und der Wahlkampfzentrale für die bayerischen Landtagswahlen im kommenden Jahr ist die Rede.

Der bayerische NPD-Sprecher Günter Kursawe bestätigte, dass Wulff sich die "Waldlust" angesehen hat. Wulff ist die rechte Hand von NPD-Bundeschef Udo Voigt und wichtiges Bindeglied zwischen den Freien Kameradschaften und der NPD. Nach Kursawes Angaben liegt dem für seine bundesweiten Immobiliengeschäfte bekannten Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger ein konkretes Angebot der Eigentümerin vor. Es werde schon verhandelt. Rieger ist in Wunsiedel als Anmelder der "Rudolf-Heß-Gedenkmärsche" berüchtigt, die seit zwei Jahren verboten sind. 2004 trafen sich dort zuletzt mehrere Tausend Rechtsextremisten aus ganz Europa.

Die Stadt ist aufgeschreckt, zumal in den vergangenen Tagen schon ein Szenemitglied in dem Haus übernachtete, "um es zu bewachen", wie es bei der NPD hieß. Der alte Gasthof befindet sich mitten im Wald nur wenige hundert Meter von der Naturbühne der Luisenburg-Festspiele entfernt, die jedes Jahr im Sommer mehr als 100.000 Gäste besuchen.

Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU) muss nun befürchten, dass die Touristen künftig bei An- und Abreise einen nationalen Neonazi-Stützpunkt passieren müssen. Nach seinen Worten hat sich die Stadt aber ein Vorkaufsrecht für das Grundstück gesichert und steht selbst in Verhandlungen mit der Eigentümerin. Unklar sei, "inwiefern hier lediglich finanzieller Druck auf die Stadt ausgeübt werden soll", sagte Beck der "Süddeutschen Zeitung".

NPD-Parteitage in alter Tennishalle?

Auch in Dresden wird einmal mehr über braune Immobilieneinkäufe spekuliert. Schon seit Monaten gehen Gerüchte um, die NPD sei an einer längst geschlossenen Tennishalle im Stadtteil Pappritz interessiert - wenige hundert Meter vom Zuhause des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) entfernt. Auf dem Gelände hatte im vergangenen August schon die NPD-Postille "Deutsche Stimme" ihr "Pressefest" mit Tausenden Gästen aus der rechtsextremen Szene gefeiert.

Nun soll der NPD-Funktionär Uwe Meenen aus Unterfranken die Halle gekauft haben. Laut Bundesparteisprecher Klaus Beier fand der Notartermin am 30. Januar statt. Nur der Eintrag ins Grundbuch stehe noch aus. Den von der "Bild"-Zeitung kolportierten Kaufpreis von 3,25 Millionen nannte Beier "realistisch". Nach Angaben des NPD-Sprechers sollen in der Halle künftig Parteitage und andere Großveranstaltungen abgehalten werden. Auch die Wiederaufnahme des Tennisbetriebes sei denkbar.

Der sächsische Verfassungsschutz wollte zu den Plänen keine Stellung nehmen. Regierungschef Milbradt gab sich angesichts der möglichen neuen Nachbarn betont gelassen: "Man sollte sich von der NPD nicht erpressen lassen. Und wenn die in Pappritz Tennis spielen wollen, ist das politisch unbedenklich", sagte er der "Bild"-Zeitung. Die Stadt Dresden wollte sich vor einer Prüfung der Vorgänge nicht äußern.

Wie in Wunsiedel ist nämlich auch hier nicht auszuschließen, dass mit dem angeblich so weit gediehenen Deal wieder einmal nur der Kaufpreis für ein wenig begehrtes Grundstück in die Höhe getrieben werden soll. Es wäre nicht das erste Mal, dass NPD-Mann Meenen sich als vermeintlicher brauner Großinvestor ausgibt, um so Eigentümer Wolfgang Jürgens zu einer ansehnlichen Summe zu verhelfen.

Im Frühjahr 2005 hatte Meenen verkündet, er plane im oberpfälzischen Grafenwöhr ein "Nationales Zentrum". Auch hier war eine alte Tennishalle angebliches Objekt der Begierde. Die alarmierte Stadt machte von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und übernahm das Gebäude für 545.000 Euro. Das war der Preis, den zuvor Meenen ausgehandelt hatte.

Während die Stadtoberen im Nachhinein über eine "Art von Erpressung" jammerten und Sanierung und Umbau teuer bezahlten, rieb sich der frühere Besitzer die Hände. "Ich hätte noch 100.000 Euro mehr nehmen sollen", feixte Jürgens und nannte das rechtradikale Kaufinteresse unverhohlen "ein ganz gutes Druckmittel".

Schulungszentrum im Hunsrückdorf

Im Hunsrück dagegen sind die NPD-Bemühungen handfesterer Natur. So hat die Partei in der Gemeinde Morbach Räume in einer ehemaligen Grundschule des Ortsteils Gonzerath angemietet. Anfang März will der rheinland-pfälzische Landesverband sein "Schinderhannes-Zentrum" offiziell eröffnen.

Schon im Dezember trafen sich die Rechtsextremen hier zu ihrem Landesparteitag. Im Januar fand die erste Schulung für "Funktionäre, Aktivisten und (mögliche) Kandidaten" statt, die ab sofort an jedem dritten Samstag im Monat abgehalten werden soll. Der NPD-Landesverband kündigt auf seiner Internet-Seite an, dass dabei "Grundlagen nationaler Politik" gelehrt werden sollen. Dazu zählen Begriffsdefinitionen von "Rasse, Volk, Nation, Staat", das "lebensrichtige Menschenbild" der Rechtsextremen und das NPD-Programm.

Gonzeraths Ortsvorsteher Dietmar Thömmes ist entsetzt über die drohende braune Kaderschmiede im Ort. Man fühle sich derzeit hilflos, habe den Widerstand aber nicht aufgegeben, sagte der CDU-Politiker.

Dass der Eigentümer überhaupt an die NPD vermietet habe, führt Thömmes auf einen Streit mit der Gemeindeverwaltung zurück. Das Ordnungsamt habe dem Mann seinen bissigen Hund weggenommen - woraufhin der ankündigte, der Verwaltung ein "schönes Päckchen zu schnüren".



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