NPD-Landtagskandidat Püschels größte Show

Er gibt sich als Anti-Politiker, als ehrliche Haut: Hans Püschel, Bürgermeister und langjähriges SPD-Mitglied, tritt für die NPD in Sachsen-Anhalt als Landtagskandidat an. Interne E-Mails zeigen, wie sich Püschel den Rechtsextremen geradezu andiente - und die Öffentlichkeit täuschte.

NPD

Berlin/Krauschwitz - Hans Püschel liebt das Theaterspielen. Regelmäßig tritt er in dem Dörfchen Eulau im Hoftheater Uhlenaue auf. "Den Räuberhauptmann Hotzenplotz spielen oder den Frater Walther oder Otto-Reutter-Abende geben", das mache ihm eine Menge Spaß, erzählte Püschel kürzlich der -Postille "Deutsche Stimme".

Hans Püschel, 62, scheint auch ein großer Freund des politischen Theaters zu sein. Denn wie interne E-Mails zeigen, hat der Mann aus Sachsen-Anhalt sich frühzeitig bei der NPD angedient, zielgerichtet seinen Rauswurf bei der SPD vorangetrieben und in enger Absprache mit den Rechtsextremen seine Strategie abgestimmt. Inzwischen ist er NPD-Landtagskandidat für den Wahlkreis Weißenfels-Hohenmölsen.

Landtag könnte am 20. März

Bisher ging Püschels Kalkül und das seiner neuen Freunde auf: Man redet über ihn, man redet über die NPD. Der Einzug in den klappen - vor allem dank des Bürgermeisters und Ex-Sozialdemokraten.

Wer den E-Mail-Verkehr gelesen hat, stellt sich allerdings die Frage: Ist der Bürgermeister der 560-Einwohner-Gemeinde Krauschwitz wirklich die ehrliche Haut, als die er sich im Kampf gegen die etablierten Parteien geriert? Insbesondere die Kommunikation zwischen ihm und NPD-Landeschef Matthias Heyder ergibt ein anderes Bild. Mit den E-Mails konfrontiert, sagte Püschel SPIEGEL ONLINE: "Da sind so viele E-Mails hin- und hergegangen", er könne sich nicht genau erinnern. Die Reaktion von Heyder: "So etwas kommentiere ich nicht".

Ein Schauspiel in vier Akten

Es ist ein politisches Schauspiel in mehreren Akten, das Püschel und Heyder inszeniert haben.

1. Akt: Püschel provoziert - und beginnt einen Deal mit den Rechtsextremen. Am 9. November schreibt Püschel einen Leserbrief an die "Mitteldeutsche Zeitung", in dem er von seinem Besuch auf dem NPD-Bundesparteitag in Hohenmölsen berichtet und einige Sympathien mit den Rechtsextremen und manchen ihrer Positionen offenbart. Zusätzlich stellt ihn Püschel auf eine SPD-Mitgliederseite und in ein weiteres Forum im Internet. Irgendwie sei dann wohl auch die NPD darauf aufmerksam geworden - so Püschels damalige Darstellung gegenüber Journalisten. Tatsächlich ist er es, der die Rechtsextremisten darauf aufmerksam macht: Noch am selben Tag schickt Püschel den Leserbrief per E-Mail an die NPD. In einer späteren Mail schreibt er hinterher: "Bitte auch deshalb so verlautbaren, daß die NPD den Brief aus dem Internet hat."*

2. Akt: Püschel hält seine Partei hin und kungelt mit NPD-Landeschef. Als führende SPD-Landespolitiker auf den Leserbrief aufmerksam werden und Püschel scharf attackieren, gibt der sich erstaunt: Er habe vom NPD-Parteitag doch nur "eine Beschreibung abgeliefert", sagt Püschel - ein SPD-Austritt komme für ihn nicht in Frage. In einer E-Mail an NPD-Landeschef Heyder, in der er ein gemeinsames Mittagessen vorschlägt, redet Püschel dagegen Tacheles: "Als NPD-Mann wäre ich sofort raus aus den medien - dann wärs nichts besonderes. Halte mir also im Moment die SPD-größen warm und schiebe den krach so lange wie möglich raus." Und: "Werde jeden Übertritt natürlich brüsk zurückweisen! Deshalb nicht nervös werden."

3. Akt: Püschel gibt seinen neuen Freunden Wahlkampf-Tipps. Während manche Genossen noch um Püschel kämpfen, lässt der sich bereits von der NPD als Werbeträger nutzen. In einer E-Mail vom 17. November schlägt Heyder in Bezug auf die Forderung seiner Partei nach kostenlosem Mittagessen für Schulkinder vor: "Wenn Sie allerdings, als neutraler und außenstehender Beobachter lancieren würden, daß Ihnen diese NPD Forderung gefällt dann stellt sich das schon anders dar." Püschels Antwort: "Also Mittagessen ist gut, …würde es aber unbedingt auf die Kitas ausdehnen."

4. Akt: Püschel schafft Fakten, die NPD leistet Argumentationshilfe. Mitte Dezember beginnen Heyder und Püschel sich darüber auszutauschen, wie und wann der Noch-Sozialdemokrat seinen Austritt verkünden sollte, damit er und die NPD maximal davon profitieren. Am 16. Dezember schreibt Püschel an Heyder: "Ich persönlich rechne damit, daß die Kandidatur auf jeden Fall auch zweitstimmen bringt, vermutlich mehr." Er habe "die Presse bis jetzt so hingehalten, daß ich das Wochenende noch zum Überlegen brauche". Heyders Antwort: Püschel solle seinen Austritt am Montag öffentlich machen und dann sofort die Kandidatur für die NPD erklären. "Formulierungsvorschlag: '…ich stimme nicht mit allem überein, was die NPD macht, aber so kann man in einer Demokratie nicht mit Menschen umgehen, nur weil sie eine andere Meinung haben.'" Genauso kommt es.

Kurz vor Weihnachten sind Püschel und Heyder dann schon beim Du angelangt: Die gemeinsame Aktion können beide als vollen Erfolg verbuchen. Zudem ist es gerade dem Krauschwitzer Bürgermeister über Wochen gelungen, die Öffentlichkeit zu narren.

Allerdings ist die Frage: Hält die NPD ihren neuen Vorzeigemann nicht mitunter ebenfalls kräftig zum Narren? Das wurde beispielsweise Mitte Januar deutlich, als Püschel zum Wahlkampfauftakt der Rechtsextremisten in Berlin ein Grußwort an die Kameraden richtete. Zur Begründung seines Engagements für die rechtsextreme Partei bemühte er die Kommunistin Rosa Luxemburg und sprach von der Freiheit der Andersdenkenden. Da gab es die ersten Lacher im Saal. Einer seiner Vorredner, der Berliner NPD-Chef Uwe Meenen, hatte Luxemburg eine "polnische Jüdin, die es geschafft hat, durch eine Scheinheirat hier in Deutschland Aufenthaltsrecht zu erlangen" genannt.

Schließlich gab Püschel zum Abschluss ein umgeschriebenes Gedicht Otto Reutters zum besten: "Deutschland muss sich erneuern, Probleme stehen an, doch es braucht nicht nur neue Steuern, sondern auch einen neuen Steuermann." Dafür gab es zwar auch Beifall, doch in den hinteren Reihen machte man sich weiter lustig über den Krauschwitzer Bürgermeister.

Etwa ein junger Mann mit zackigem Haarschnitt: Der teilte seinem Sitznachbarn feixend mit, dass Püschel wohl "tatsächlich" daran glaube, man streite in der NPD für die Demokratie.

*Anmerkung der Red.: Die E-Mail-Zitate werden im Original wiedergegeben, orthographische oder grammatikalische Fehler wurden daher nicht korrigiert