Ortsvorsteher-Wahl in Hessen "Ich hatte in dem Moment wohl einen Aussetzer"

Der NPD-Mann Stefan Jagsch ist in Altenstadt auch mit den Stimmen des türkischstämmigen Sozialdemokraten Ali Riza Agdas zum Ortsvorsteher gewählt worden. Warum hat er das getan?

Ortschild von Waldsiedlung: Hier wurde ein NPD-Funktionär zum Ortsvorsteher gewählt
DPA

Ortschild von Waldsiedlung: Hier wurde ein NPD-Funktionär zum Ortsvorsteher gewählt

Ein Interview von


Er war einer von sieben Ortsbeiräten, die am vergangenen Donnerstag im hessischen Altenstadt den NPD-Mann Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher gewählt haben: Ali Riza Agdas, 65, sitzt seit 15 Jahren für die SPD im Ortsbeirat Waldsiedlung.

SPIEGEL: Herr Agdas, Sie sind Sozialdemokrat und türkischstämmig, also persönlich in besonderer Weise von der Hetze rassistischer Parteien bedroht. Wie konnte es passieren, dass Sie NPD-Mann Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher gewählt haben?

Agdas: Es war ein großer Fehler, und ich kann es im Nachhinein auch nicht erklären. Es ging alles sehr schnell. Ich war davon ausgegangen, dass sich der bisherige Stellvertreter des Ortsvorstehers von der CDU zur Wahl stellt. Aber dann hat sich niemand gemeldet. Bis eben Jagsch kandidierte. Dann haben wir ihn gewählt, alles hat nur fünf Minuten gedauert.

SPIEGEL: Aber sie wussten doch, dass Jagsch ein hochrangiges NPD-Mitglied ist.

Agdas: Ja, aber ich habe nur noch die Person gesehen. Ich sitze seit 15 Jahren im Ortsbeirat, Jagsch kenne ich seit 13 Jahren. Er hat sich im Ortsbeirat nie rassistisch geäußert. Und ich habe gedacht, er sitzt ja eh im Gemeindeparlament. Trotzdem weiß ich über seine Aktivitäten und seine Einstellungen Bescheid. Ich habe erst später realisiert, was ich da getan habe. Ich hatte in dem Moment wohl einen Aussetzer.

SPIEGEL: Wie ging es nach der Sitzung weiter für Sie?

Agdas: Ich bin nach Hause gegangen, und dann hat meine Frau gesagt: Was hast du nur getan? Ich habe dann verstanden: Ich habe die NPD gewählt. Ich habe deshalb auch meinen Rücktritt angeboten. Aber meine Partei hat gesagt, jeder kann einen Fehler machen und mich gebeten zu bleiben.

SPIEGEL: Was gab es für Reaktionen? Wer hat sich bei Ihnen gemeldet?

NPD-Mann Stefan Jagsch
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NPD-Mann Stefan Jagsch

Agdas: Es kamen sogar Anrufe aus der Türkei - von Angehörigen, die gesagt haben: Was ist mit Dir los, hast du plötzlich deine Meinung geändert? Und von Freunden und meiner Familie in Deutschland. Wir sind 110 Leute hier mit allen Cousins und so weiter. Die waren entsetzt. Und ich ärgere mich sehr über mich selbst.

SPIEGEL: In Hessen gibt es eine große gewaltbereite rechtsextreme Szene. Haben Sie je persönlich Gewalt oder Rassismus erlebt?

Agdas: Nein, nie, auch meine Angehörigen nicht. Zum Glück.

SPIEGEL: Warum sind Sie in die SPD eingetreten?

Agdas: Weil ich durch und durch Sozialdemokrat bin, meine ganze Familie, auch die in der Türkei.

SPIEGEL: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Agdas: Das müssen wir sehen, wir bereiten jetzt die Abwahl von Stefan Jagsch vor. Mal schauen, wie er danach mit uns umgeht.

SPIEGEL: Wie wollen Sie mit ihm umgehen?

Agdas: Wir wollen Herrn Jagsch abwählen und dann normal im Ortsbeirat mit den anderen Mitgliedern und auch ihm zusammenarbeiten.

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