NPD-Verbot Wie Lorenz Caffier den Kampf gegen die braunen Truppen führt

Die NPD sitzt im Parlament, sie schlägt Wurzeln überall im Land: Täglich wird Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier mit den Rechtsextremen konfrontiert. Entschlossen kämpft der CDU-Mann für ein Verbot der braunen Truppe - und steht damit allein in der Union.

Von , Schwerin


Schwerin/Burg Stargard - Das Problem steht vor der Tür, und für einen Augenblick befürchtet die zierliche, junge Frau, es kommt herein. Diana Kietzmann stoppt mitten im Satz und wirft einen ängstlichen Blick über die Schulter, als der ziemlich große, ziemlich breite Herr mit dem ziemlich kurz geschorenen Kopf über die Schwelle tritt. "Schon okay", brummt Lorenz Caffier freundlich vom Stuhl neben ihr. Keine Sorge, will er sagen, der gehört zu uns - mein Bodyguard.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier: "Ein langer Weg bis zum NPD-Verbot"
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Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier: "Ein langer Weg bis zum NPD-Verbot"

Die Verunsicherung der Sozialpädagogin ist nachvollziehbar. Auf der Straße vor dem Jugendclub in Burg Stargard ist ein braunes Dutzend aus dem Dunstkreis der NPD und regionaler Kameradschaften aufmarschiert, um dem Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, der sich hier vor Ort über die vom Bund geförderte Projektarbeit für Toleranz und Demokratie informieren will, ein hämisches Willkommen zuzurufen.

Lorenz Caffier, 53, hat sich an ungebetene Empfangskomitees gewöhnt. Die Neonazi-Szene hat den CDU-Politiker zum Feindbild erkoren, weil er versucht, ihr das Leben so schwer wie möglich zu machen. Beharrlich wirbt er seit Wochen für ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD, selbst wenn er damit in seiner Partei ziemlich alleine dasteht. Und wo immer der Minister sich nun im Land erkundigt, wie sich Bürger gegen Rechtsextremisten wehren, ist meist auch schon ein Trupp aus dem braunen Lager da.

Es ist Provokation durch Präsenz: In Burg Stargard demonstriert die "Mecklenburgische Aktionsfront", NPD-Aktivist Jens Blasewitz bietet sich als Gesprächspartner an, der örtliche rechte Stadtrat Norman Runge - über eine Bürgerinitiative ins Kommunalparlament eingezogen - fotografiert die Teilnehmer der Runde im Jugendzentrum.

Viel Bürokratie, wenig Engagierte

Drinnen sitzen die Bürgermeisterin, Jugendpfleger, Sozialarbeiter, Vereinsvertreter und eine Handvoll Jugendliche in einem dunklen, holzvertäfelten Raum mit Partykeller-Charme und klagen dem Minister bei Lachsschnittchen, Keksen und Kaffee ihr Leid - von zu viel Bürokratie und zu wenig Interesse am Ehrenamt. Der Gast hat die Krawatte abgelegt, zieht mit Daumen und Zeigefinger Kreise um den Schnauzer, macht sich Notizen. "Ich bin vor allem zum Zuhören gekommen", sagt er. Caffier kennt die Probleme, es sind die gleichen wie an etlichen anderen Orten im weiten, bevölkerungsarmen Küstenland. Und gerade deswegen nimmt er sie ernst.

Zu viel Hoffnung an falscher Stelle aber will der Christdemokrat, der nach der Wende in dieser Gegend seine politische Karriere begann, den engagierten Bürgern nicht machen. Wenn Gelder fließen, müssen nun mal Verwendungsnachweise geschrieben werden. Daran kann auch ein Behördenchef nichts ändern, der in seinem Hause auch nicht gerade als Freund der komplizierten Dienstwege gilt. Und wenn es an Leuten mangelt, die mit anpacken, nimmt Caffier die Jugendlichen in die Pflicht: "Nicht nur auf'm Sofa rumhängen", fordert er die Jungs und Mädchen auf, die sich auf die Couch ganz hinten im Raum verdrückt haben. Sie schweigen.

Schmale Schultern, starkes Rückgrat

Der Kampf gegen Neonazis lastet in Burg Stargard bisweilen auf ziemlich schmalen Schultern. Vor sieben Jahren hat Diana Kietzmann, 31, die Leitung des Jugendclubs übernommen. Damals begrüßte die Besucher ein riesiges Porträt des germanischen Gottes Odin, an der Wand hing die "Rudolf-Heß-Zeitung". Rechtsradikale hatten den Club in der Hand und die Betreuer gleich mit.

Die kleine Pädagogin schaffte die Wende: Heute kommt kein Neonazi mehr hierher. Dass damit das Problem nicht aus der Welt ist, wissen alle am Tisch - nicht nur wegen der Gestalten vor der Tür. Die Rechten betrinken sich nun in ihren Garagen; bei der Landtagswahl im September 2006 kam die NPD in Burg Stargard auf 10,5 Prozent.

Landesweit waren es 7,3 Prozent, sechs Abgeordnete sitzen seit jenem Herbst im Landtag. Und Caffier weiß, dass es schwierig ist, den Leuten in den Dörfern zu erklären, sie mögen dafür sorgen, dass kein Neonazi Feuerwehrchef wird, wenn zugleich Rechtsextremisten im Schweriner Schloss ihr Unwesen treiben und dafür auch noch Geld vom Staat bekommen. "Wenn wir uns doch alle einig sind, dass diese Partei verfassungsfeindlich ist, dann ist den Menschen kaum zu vermitteln, dass wir nicht gegen sie vorgehen", sagt Caffier.



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