Führungsstreit in NRW CDU eröffnet Kampf um Röttgens Erbe

In der nordrhein-westfälischen CDU droht ein Machtkampf um die Röttgen-Nachfolge. Karl-Josef Laumann und Armin Laschet wollen beide den Ex-Parteichef beerben. Dabei geht es um die Frage, in welche Richtung die Christdemokraten steuern - die Rivalen könnten kaum unterschiedlicher sein.
CDU-Politiker Laumann, Laschet: Wer übernimmt den Parteivorsitz?

CDU-Politiker Laumann, Laschet: Wer übernimmt den Parteivorsitz?

Foto: dapd

Es ist zwölf Uhr mittags, als der Generalsekretär erklären soll, was geschehen ist. Oliver Wittke kommt schnell zum Punkt: "Es ist die bitterste, schwerste, umfassendste Niederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen." Gegen den Gute-Laune-Wahlkampf der SPD habe die verkopfte Kampagne der Christdemokraten nicht bestehen können, sagt er. Hinzu seien handwerkliche Fehler gekommen, wie der, dass sich Norbert Röttgen nicht deutlich für Düsseldorf und gegen Berlin ausgesprochen habe.

So weit, so schlecht.

Doch es dauert nicht lange, da folgen der bitteren Bestandsaufnahme schon mahnende Worte. Von der Geschlossenheit seiner Partei spricht Wittke nun, davon, dass es um Himmels willen keine "Grabenkriege" geben dürfe in den kommenden Tagen. "Das muss unsere Verpflichtung sein." Die Frage allerdings ist, ob die Christdemokraten diesen friedenserhaltenden Ratschlägen ihres Generalsekretärs tatsächlich folgen werden. Derzeit sieht es eher nicht so aus.

Denn um das Erbe des umgehend zurückgetretenen Landesvorsitzenden Norbert Röttgen scheint sich ein Machtkampf anzubahnen. Erneut stehen sich dabei Karl-Josef Laumann und Armin Laschet gegenüber, andere Kandidaten sind bislang nicht in Sicht. Und weil die beiden Kontrahenten unterschiedlicher nicht sein könnten, geht es in diesen Tagen nicht nur darum, wer die CDU mit ihren 150.000 Mitgliedern in Nordrhein-Westfalen anführen wird, sondern auch darum, wohin der stärkste Landesverband steuert.

Laschet will Partei modernisieren

Laschet, einst unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Integrationsminister, verkörpert die großstädtische, bürgerlich-liberale CDU. Der 51-jährige Aachener, wortgewandt, rhetorisch gewieft, im Landtag nicht selten zur Attacke blasend, will die Partei modernisieren.

Dabei musste der ehrgeizige Politiker 2010 gleich zwei Niederlagen einstecken: Erst verlor er die Wahl um den Fraktionsvorsitz knapp gegen Laumann, dann den Mitgliederentscheid um die Landesspitze klar gegen Röttgen. Seitdem ist der gelernte Journalist Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion, ein Job, der ihn aber nicht auszufüllen scheint.

Laschet gibt sich dieses Mal auffallend zurückhaltend, er will wohl nicht schon wieder den Fehler machen, sich vorzeitig aus der Deckung zu wagen. Vor zwei Jahren war er noch am Wahlabend nach Rüttgers' Niederlage vorgeprescht und hatte sich im Fernsehen zum neuen Hoffnungsträger der Partei erklärt. Die entschied sich dann allerdings gegen ihn.

Laumann gibt sich volkstümlich

Laumann, gelernter Maschinenschlosser aus dem Münsterland, vertritt dagegen die ländlich-konservative CDU. Der 54-Jährige gibt sich volkstümlich, geht gern auf Schützenfeste und in die Bierzelte. Er pflegt eine derbe Sprache und poltert auch schon einmal kräftig. In seiner Fraktion ist der ehemalige Sozialminister beliebt, er gilt als menschlich und fair. Allerdings hat er eine Schwäche: Bei seinen Auftritten im Landtag purzeln zuweilen Buchstaben und Worte so durcheinander, dass Zuhörer seinen Ausführungen kaum folgen können.

Derzeit sieht es nicht danach aus, als ob einer der beiden seine Ambitionen bremsen könnte. Das macht die Lage verzwickt, denn damit liefe es auf einen Kompromiss oder eine Kampfabstimmung hinaus, beides kann die CDU eigentlich nicht wollen.

Tatsächlich halten es viele Christdemokraten für das Beste, wenn Landes- und Fraktionsvorsitz künftig in einer Hand lägen, "die Kräfte gebündelt" würden, wie der frühere Generalsekretär und Europaabgeordnete Herbert Reul sagt. Nur so träte die Partei geschlossen und mit Gewicht an. Es müsse "mit einer Stimme gesprochen" werden, so der Landtagsabgeordnete Gregor Golland.

Die Sorge der Christdemokraten ist nämlich groß, dass sich der rhetorisch begabte FDP-Landes- und Fraktionsvorsitzende Christian Lindner demnächst als oberster Oppositionsführer in Nordrhein-Westfalen profilieren könnte. Während sich die CDU also mit sich beschäftigte, werde Linder in den Umfragen stetig zulegen. Dieses Schreckensszenario entwirft ein Politiker aus der Führungsebene der Partei, der jetzt eine "vernünftige Lösung" erreichen möchte.

"Wenn das stimmt, gibt es richtig Ärger"

Gerüchten zufolge soll Laumann zu diesem Zweck sogar ein Posten in Berlin angeboten worden sein, doch es ist schwer vorstellbar, dass der in seiner Heimat stark verwurzelte Münsterländer einen solchen Ruf erhören wird. In Parteikreisen heißt es bereits, Laumann wolle sich am Dienstagmorgen von der Fraktion in seinem Amt als Vorsitzender bestätigen lassen. "Wenn das stimmt, gibt es richtig Ärger", sagt ein Laschet-Vertrauter. Am Montagabend tritt in Düsseldorf erst einmal der Landesvorstand zusammen, um eine Einigung zu erzielen.

"Ich glaube schon, dass man auf Dauer eine Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nur gewinnen kann, wenn man im Land Verantwortung trägt", so Laschet selbst. Dies sei sowohl bei Jürgen Rüttgers als auch bei Hannelore Kraft so gewesen, die beide vor ihrer Zeit als Regierungschef Oppositionsführer waren. Jetzt müssten sich alle verständigen, "wie wir es machen." Nötig seien "ein, zwei Tage Zeit zum Nachdenken".

Karl-Josef Laumann wiederum ist derzeit übrigens noch amtierender Schützenkönig der westfälischen Ortschaft Birgte. Pfingsten 2011 hatte er dort den Vogel abgeschossen. Selbst der Fraktionschef der Grünen, Reiner Priggen, gratulierte seinerzeit: "Um es mit Shakespeare zu sagen: Gut sind die Waffen, ist nur die Absicht, die sie führt, gerecht."