NRW-Vizeregierungschef Stamp »Verzicht auf Präsenzgottesdienste ist diesmal ein Akt der Nächstenliebe«

Nordrhein-Westfalens Vizeministerpräsident Stamp appelliert an die Kirchen, über die Festtage auf Präsenzgottesdienste zu verzichten. Hier begründet der FDP-Politiker seinen Vorstoß.
Ein Interview von Severin Weiland
Bestuhlung in Marktkirche in Hannover: Abstand für Weihnachtsgottesdienste

Bestuhlung in Marktkirche in Hannover: Abstand für Weihnachtsgottesdienste

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

SPIEGEL: Herr Stamp, die Kirchen wollen zu Weihnachten Präsenzgottesdienste abhalten. Sie sind dagegen. Warum?

Stamp: Ich bin in großer Sorge, dass vor allem ältere Menschen aus einem gewissen Pflichtempfinden heraus in Gottesdienste gehen. Wir müssen im Moment alles versuchen, um Ansammlungen von Menschen zu unterbinden. Und Gottesdienste, die in Kirchenräumen stattfinden, könnten sich zu Infektionsherden entwickeln. Gerade während des Weihnachtsfestes kommen Menschen zusammen, nehmen sich nach dem Gottesdienst in den Arm, es ist ein Fest der Nähe. Leider müssen wir es diesmal anders handhaben. Deswegen wende ich mich gegen Gottesdienste mit Menschen in Kirchenräumen.  

Zur Person
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Federico Gambarini/ dpa

Joachim Stamp, Jahrgang 1970, ist in der schwarz-gelben Koalition in Nordrhein-Westfalen seit Ende Juni 2017 Vizeministerpräsident und Landesminister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. 2017 folgte er in seinem Heimatland dem heutigen FDP-Chef Christian Lindner als Landesvorsitzender der Freien Demokraten.

SPIEGEL: Weihnachten und Ostern sind die zentralen christlichen Feste. Zu Ostern gab es bereits Einschränkungen. Die beiden großen Kirchen haben seit Monaten versucht, mit Hygienekonzepten und Abstandsregeln auf die Corona-Pandemie zu reagieren und sich auf den Heiligabend vorzubereiten.

Stamp: Ja, die Kirchen haben das mit unglaublichem Fleiß und viel ehrenamtlichem Engagement getan. Mir blutet ja selbst das Herz, ich komme aus einer Theologenfamilie, mein Großvater war der letzte Stadtdekan von Breslau. Ich bin selbst ein bekennender und praktizierender Christ, der Weihnachten oft auch zweimal in der Kirche ist. Ich habe darüber viel nachgedacht, aber ich glaube, der Verzicht auf Präsenzgottesdienste ist diesmal ein Akt der Nächstenliebe, um Menschen nicht in die Gefahr einer Ansteckung zu bringen.

SPIEGEL: Manche Gemeinden wollen Gottesdienste im kleineren Rahmen und mit Abständen unter freiem Himmel abhalten, etwa auf Gemeindehöfen. Was halten Sie davon?

Stamp: Das ist eine Alternative. Wichtig ist aber, dass es dabei nicht zu Ansammlungen von Menschen kommt. Ich habe die Befürchtung: So gut die Hygienekonzepte auch sein mögen, so kann es dann doch außerhalb der Gottesdienste zu Begegnungen kommen. Das zu verhindern, ist sehr schwierig. Ich würde mir wünschen, dass die Kirchen vor allem auf Onlineübertragungen setzen, auch wenn diese kein gleichwertiger Ersatz für Gottesdienste mit Menschen sind.  

SPIEGEL: Manche Leute haben keinen Internetzugang.

Stamp: Das ist ein Problem. Ich würde mir daher wünschen, dass die Gemeinden, wo es ihnen möglich ist, einsame Menschen an Heiligabend telefonisch erreichen.

SPIEGEL: Im Verlaufe des Jahres hat sich gezeigt, dass mitunter evangelische freikirchliche Gemeinden sich nicht ausreichend an Abstands- und Hygieneregeln hielten. Im Sommer führte das in einigen Fällen zu Masseninfektionen.  Wie soll man damit umgehen?

Stamp: Ich appelliere auch hier, diesmal auf Gottesdienste mit Präsenz zu verzichten.