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Hannelore Kraft im Videoblog "Ist 'ne Abendveranstaltung mit elegant und so"

Hannelore Kraft filmt ihren Alltag und macht Eigenwerbung: In ihrem neuen Videoblog präsentiert sich die NRW-Ministerpräsidentin als Landesmutter - fleißig, fröhlich, nahbar.

Hannelore Kraft sitzt auf der Rückbank ihres Dienstwagens, neben ihr liegen Postmappen und Zeitungen. "Morgens kurz vor 9 auf dem Weg nach Düsseldorf", sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin in die Kamera. Augenringe, Achselzucken: "Erstmal muss ich gucken, dass ich klarkomme."

So startet Tag eins ihres "Vlogs" , des neuen Videoblogs der SPD-Politikerin. Die Kamera hält Kraft selbst, ihre Finger sind teilweise auf der Linse zu sehen. Hektische Schwenks durchs Auto, über Bahnsteige oder durch SPD-Büros unterstreichen: die Videos sind handgemacht. Kraft will einen Einblick in ihren Alltag geben. "Ich werd's zumindest regelmäßig versuchen", sagt sie.

Dass eine Ministerpräsidentin ein Videoblog dreht, ist neu. Bisher versuchten sich eher Abgeordnete aus der zweiten oder dritten Reihe an solchen Formaten. Peter Tauber machte aus seinem Videoblog "Schwarzer Peter" 2010 ein schriftliches Blog , noch bevor er CDU-Generalsekretär wurde. Offenbar wurde es ihm zu aufwändig.

Übertragung aus dem Dienstwagen

Mit dem Blick in die Fischaugen-Linse tritt Kraft nun dem Vorurteil entgegen, Politiker ernährten sich ausschließlich von Lachshäppchen auf festlichen Empfängen. Zwischen Kabinettssitzung am Morgen und SPD-Dinner am Abend macht sie vor allem: "Lesen, lesen, lesen". Politik heiße nicht, in Talkshows zu sitzen. Sondern: "Hart arbeiten, in den Themen sein und sich 'ne Meinung bilden", erklärt Kraft.

Das sei ein großartiger Ansatz und "sehr gut gelungen", meint Politikberater und Blogger Martin Fuchs . Viele Bürger hätten keine Ahnung, was eine Landeschefin den ganzen Tag mache. Was bei Krafts Videoblog fehle, sei jedoch ein roter Faden. Konkrete Inhalte wären hilfreich. Etwa: Wie geht die Chefin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes die Umsetzung eines neuen Gesetzes an? "Sonst wird das zu langweilig", so Fuchs.

Apropos Lachshäppchen: "Es wird ja immer gerne von den dicken Autos gesprochen, die Politiker fahren", sagt Kraft. Im Gegensatz zu ihrem kleinen Privatauto sei ihr Dienstwagen deshalb so groß, weil er eben gleichzeitig ihr Büro sei. Dann erklärt sie die Unterschiede zwischen Dienstfahrt, Kurierfahrt und Leerfahrt, die sie ihrem Fahrer Michael abzeichnen muss.

Und sonst? Hetzt Kraft von der Ministerpräsidentenrunde in Berlin zum Gespräch mit der Kanzlerin und zum Kramermahl nach Münster. "Wie man sieht, ich bin jetzt schon aufgehübscht für heute Abend, weil ist 'ne Abendveranstaltung mit elegant und so", sagt Kraft.

VIDEO: "Ich bin schon aufgehübscht"

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Dass Hannelore Kraft aus dem Ruhrgebiet kommt, ist nicht zu überhören. Über sie selbst erfährt der Nutzer, dass sie im Wartesaal am Flughafen Krimis liest und morgens schon die erste Sporteinheit hinter sich hat. Ansonsten sagt sie: "My home is my castle - niemanden lass ich da rein." Stattdessen zeigt sie die SPD-Zentrale.

Kraft plaudert über ihren Alltag: Während sie ein Spiel der Handball-Nationalmannschaft guckt, macht sie "nebenbei noch'n bisschen meine Rede". Die Rede selbst ist dann aber nicht im Video zu sehen. Sie nennt die Sitzungsthemen - von Flüchtlingen über Integrations- oder Strukturpolitik -, geht aber inhaltlich nicht weiter darauf ein.

Zuletzt wurde sie nicht nur für ihre Äußerung, dass sie nicht an einer Talkshow teilnehmen will, wenn AfD-Politiker geladen seien, kritisiert. Außerdem habe sie zu spät auf die sexuellen Übergriffe in Köln an Silvester reagiert, hieß es. Will Kraft nun mit dem Videoblog dagegen steuern?

Im "Vlog" sagt sie, dass sie dazu eine Anfrage zu ihrer AfD-Äußerung beantworten wolle: "Ich glaub, das muss man erklären." Die Erklärung nuschelt sie jedoch in ihren Schal: "Ich hab überhaupt nicht über Elefantenrunde oder ähnliches gesprochen", sagt sie. Mehr nicht.

"Mach weiter so"

Politikberater Fuchs vermutet hinter dem Harmlosigkeit des Blogs eine Strategie: "Diejenigen, die sich für die politischen Inhalte interessieren, folgen ihr schon auf Facebook  oder Twitter, beziehungsweise konsumieren kontinuierlich Medien. Die Zielgruppe des "Vlogs" dürften vielmehr diejenigen sein, "die gar nicht so an Politik interessiert sind".

Die Reaktionen der Nutzer fallen tatsächlich positiv aus: "Großartige Idee", "Wusste gar nicht, dass sie so viel Arbeit haben" und "Mach weiter so", heißt es in den Kommentaren unter den YouTube-Videos . Oder: "Ist natürlich auch PR. Aber interessant."

Kraft wurde oft als mögliche Kanzlerkandidatin gehandelt. Auf die Vorschläge sagte sie, sie wolle "nie, nie" Kanzlerin werden , Berlin sei ihr zu groß. Aber: "Als Landesmutter ist sie beliebt", sagt Blogger Fuchs. "Das weiß sie auch." Beliebter etwa als SPD-Chef Sigmar Gabriel.

In den Videos kann die SPD-Vizechefin nun selbst bestimmen, was läuft und was nicht. Sie verspricht: "Ich hab selbstkritisch draufgeguckt." Wichtige Dokumente dürften zwar nicht zu erkennen sein, aber: "Da wird nicht viel geschnitten, nicht viel dran gearbeitet." Kritische Fragen kommen aber auch nicht.

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