NRW-Wahl Sigmar Gabriel trifft Sigmund Freud

Für SPD-Chef Sigmar Gabriel ist die NRW-Landtagswahl eine Bewährungsprobe. Doch der Sozialdemokrat hat Pech: Ausgerechnet die erste wichtige rot-grüne Wahlkampfaktion geriet wegen eines Freud'schen Versprechers zum Flop.
NRW-Wahl: Sigmar Gabriel trifft Sigmund Freud

NRW-Wahl: Sigmar Gabriel trifft Sigmund Freud

Foto: Herbert Knosowski/ APN

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

Berlin - Es sollte der große Wurf werden. Akribisch hatte man diesen Termin in den Parteizentralen von SPD und Grünen vorbereitet, um drei Wochen vor der wichtigen ein Signal zu setzen. Die gemeinsame Botschaft sollte lauten: "Rot-Grün kann es schaffen."

Sigmar Gabriel

Doch dann kam der Auftritt von SPD-Chef vor den versammelten Journalisten der Bundespressekonferenz - und plötzlich taucht wieder ein altes Gespenst auf: Rot-Rot-Grün.

Cem Özdemir

Gabriel ist bestens gelaunt, als er sich an diesem Montag an den linken Rand des Podiums setzt, neben ihm seine NRW-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft. Mit dabei das Team der Grünen, die Parteichefs Claudia Roth und sowie ihre Landtags-Spitzenfrau Sylvia Löhrmann. Tatsächlich scheint Rot-Grün rechnerisch wieder möglich in Nordrhein-Westfalen - also hebt der SPD-Chef an, die Notwendigkeit des Machtwechsels in Düsseldorf zu beschreiben. Doch dann folgt der peinliche Patzer. "Die Wahl ist entschieden, wenn die Wahlbeteiligung hoch ist", sagt er. Und fährt fort: "Dann hat Rot-Rot-Grün eine eigene Mehrheit."

Es wird für einen Moment still im Raum, dann lachen die ersten.

Rot-Rot-Grün: Ist das nicht die Horror-Koalition, vor der alle warnen - Gabriel eingeschlossen? Will er sie insgeheim doch ansteuern, obwohl er öffentlich stets das Gegenteil beteuert? Wurde da die wahre SPD-Wahlkampfplanung offenbart?

"Was hab ich gesagt?", fragt Gabriel nach seinem Fauxpas die Journalisten. Und versucht zu retten, was selbst für einen Charmebolzen wie ihn nicht mehr zu retten ist: "Da saß die Angst im Nacken bei mir", dabei sei er doch am "wenigsten verdächtig" als Anbahner eines Bündnisses mit der NRW-Linken. Und auch der Hilfe-Versuch von Grünen-Chef Claudia Roth verpufft: "Damit meinte er doch mich."

Gabriel hat sich einen Versprecher geleistet, wie er Politikern möglichst nicht unterlaufen sollte. Klar kann man mal EU-Kommissionspräsident Barroso zufällig als Barolo bezeichnen oder das Land verwechseln, in dem man sich befindet. Das ist auch schon Kanzlern passiert. Aber ein Versprecher, der womöglich wahre Absichten offenlegt - das ist zu viel des Guten.

Schwarz-Gelb wird den Patzer ausschlachten

Schon lässt sich ausmalen, wie Union und FDP den Patzer im Wahlkampf genüsslich ausschlachten werden - YouTube lässt grüßen. In den Wahlkampfzentralen an Rhein und Ruhr haben sie reichlich gelacht. Seit Wochen versucht Schwarz-Gelb der SPD nachzuweisen, dass sie eine rot-rot-grüne Koalition nach der Landtagswahl plant. Nun hat man so etwas wie einen Beleg. A la Freud zwar nur. Aber immerhin.

die Linke

Vor Beginn der Pressekonferenz demonstrierte vor dem Gebäude ein Häuflein der CDU-Nachwuchsorganisation "Junge Union": Sie wollten mit Plakaten Stimmung gegen Rot-Rot-Grün machen. Nur die Partei von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers habe doch überhaupt ein Interesse daran, sagt Gabriel, dass über die Linke geredet werde. Tatsächlich dürfte es für ein rot-grünes Zweier-Bündnis nur dann reichen, wenn die Partei von Oskar Lafontaine den erstmaligen Einzug ins NRW-Parlament verpassen würde. Zurzeit liegt in Umfragen bei oder knapp über den dafür notwendigen fünf Prozent.

Deshalb versuchen SPD und Grüne, die Linke nach Maßen zu ignorieren. Und erst recht die mögliche Notwendigkeit, nach der Wahl über ein linkes Dreier-Bündnis nachdenken zu müssen - was Linke-Chef Lafontaine im Interview mit SPIEGEL ONLINE erst am Montag offerierte. SPD-Spitzenkandidatin Kraft gibt auf entsprechende Fragen ebenso ausweichende Antworten wie ihre Grünen-Kollegin Löhrmann.

Das Mantra lautet: Rot-Grün ist möglich

Stattdessen wiederholen sie ihr Mantra: "Wir schaffen den Wechsel mit Rot-Grün", sagt Kraft und wird dafür von Löhrmann angelächelt. Bei ihr klingt das so: Die Koalition mit der SPD "sei in greifbarer Nähe".

Was 2005 - nach sieben Jahren gemeinsamen Regierens im Bund - wegen des schwachen SPD-Ergebnisses zerbrach, soll nun in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland erneut gelingen. Um die wiederentdeckte Nähe zu demonstrieren, wird viel gescherzt und gestrahlt.

Aber es ist nicht der Tag des Sigmar Gabriel, auch weil Grünen-Chef Cem Özdemir immer wieder gegen ihn und seine einst stolzen Sozialdemokraten stichelt. Beispielsweise mit dem Hinweis, in seiner schwäbischen Heimat sei beim Blick auf SPD und Grüne längst nicht mehr klar, welche die kleine und welche die große Partei sei. Das ist nicht böse gemeint, weil Gabriel und Özdemir sehr gut miteinander können. Aber der SPD-Chef soll schon merken, dass die Koch- und Kellner-Zeiten vergangen sind.

Vor allem, weil die Grünen inzwischen auch Regierungs-Optionen ohne die SPD haben: Sollte es für Rot-Grün nicht reichen, könnten sich selbst Vertreter der Parteilinken inzwischen eine Koalition mit der Rüttgers-CDU vorstellen. Aber heute "geht es nicht um mögliche Zweit-Optionen", sagt Grünen-Spitzenkandidatin Löhrmann.

Egal, Gabriel hat es ohnehin verpatzt.

Aber was wäre die Politik ohne Optimisten? Sigmar Gabriel ist so einer. Er verabschiedet sich artig und erklärt den Grünen: "Hat Spaß gemacht." Na denn.

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