Kandidat Laschet vor NRW-Wahl Der weichste Hardliner der CDU

NRW ist SPD-Land, der CDU-Herausforderer ziemlich zahm. Und doch könnte Armin Laschet gegen Ministerpräsidentin Kraft das Wunder schaffen. Es wäre ein Sieg gegen seine Kritiker - und für die Kanzlerin.

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No-go-Areas bekämpfen, null Toleranz gegen Einbrecher, kriminelle Ausländer rigoros abschieben! Wenn Angela Merkel in diesen Tagen in Nordrhein-Westfalen unterwegs ist und dem CDU-Spitzenkandidaten lauscht, dann glaubt man bisweilen, eine gewisse amüsierte Verwunderung in ihrem Gesicht zu lesen.

Was ist denn in Armin Laschet gefahren?

Nicht nur die Kanzlerin dürfte sich das fragen. Laschet spielt im Wahlkampfendspurt den Hardliner. Jener Laschet, dem einst sein Job als Integrationsminister den Beinamen "Türken-Armin" eingebracht hat. Der in der Flüchtlingskrise treu an der Seite der Kanzlerin stand.

Der CDU-Landesvorsitzende hat die innere Sicherheit als offene Flanke der rot-grünen Landesregierung ausgemacht. Seit Wochen greift er SPD-Innenminister Ralf Jäger an, wirft ihm vor, Kriminalitätsprobleme zu verharmlosen, Polizei und Sicherheitsbehörden nicht im Griff zu haben - siehe Kölner Silvesternacht oder den Berlin-Attentäter Anis Amri. Laschet nennt Jäger ein "Sicherheitsrisiko".

Das eigentliche Ziel der Attacken ist Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die an Jäger festhält. Am kommenden Sonntag wird in NRW gewählt, und Laschet hofft auf einen Überraschungscoup. Der Christdemokrat will die 55-jährige SPD-Politikerin nach sieben Jahren aus der Düsseldorfer Staatskanzlei drängen - und Angela Merkel nach den Siegen im Saarland und in Schleswig-Holstein einen weiteren Schub für die Bundestagswahl im September geben. (Am Ende des Textes oder hier können sie die Sonntagfrage zur NRW-Wahl beantworten.)

Schafft Laschet den Sieg in NRW, im mit 17 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Bundesland, im SPD-Stammland, in dem die Genossen 50 Jahre fast ununterbrochen regierten, in der Heimat des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, dann wird es ganz schwer für die Genossen, bis zum 24. September noch so etwas wie Wechselstimmung in der Republik zu erzeugen. Dann scheinen Merkel vier weitere Jahre im Kanzleramt fast schon sicher.

Kein Wunder also, dass sich die CDU-Chefin reinhängt in NRW. Insgesamt neun Auftritte wird Merkel bis zum Wahltag hingelegt haben, am Mittwochabend war sie in Haltern am See und in Brilon, am Samstag kommt sie zur Abschlusskundgebung nach Aachen. Jedes Mal knöpft sie sich erstaunlich kämpferisch die rot-grüne Bilanz vor, NRW werde "unter Wert regiert", ruft sie.

Der Spitzenkandidat ist derweil von morgens bis abends mit seinem Wahlkampfbus im Land unterwegs, mit literweise Kaffee und gelegentlichen Zigarillos hält er sich bei Laune. "60 Sekunden dauert es", so geht Laschets Standardsatz, "bis einen der erste Bürger am Wahlkampfstand auf die Sicherheitssituation im Land anspricht."

Law-and-Order-Pose passt nicht zu Laschet

Im Praxis-Check bestätigt sich das selten, was auch daran liegt, dass es den Tross des Herausforderers vor allem in klassische CDU-Hochburgen zieht. Das Kalkül: Es ist wichtiger, die eigenen Anhänger zu mobilisieren, als sich vergeblich mit der SPD-Klientel im Ruhrgebiet abzumühen.

Im Sauer- oder Münsterland, am Niederrhein und in Ostwestfalen aber haben die Menschen selten Angst, im Dunkeln vor die Tür zu gehen, auch die Flüchtlingsarbeit klappt meist reibungslos. Wenn die CDU in Soest zum Bürgerfrühstück lädt, dann fragen die Leute zuerst nach dem Landesentwicklungsplan, nach Förderschulen oder dem G9-Abitur.

Laschet ficht das nicht an. Unermüdlich verweist er auf die hohen Einbruchszahlen in NRW, unterstellt Rot-Grün mangelnden Willen, Recht und Ordnung durchzusetzen, ruft nach Schleierfahndung, mehr Videoüberwachung und zusätzlichen Polizisten.

Das Problem ist: Man nimmt ihm die Law-and-Order-Pose nicht ab. Sie passt weder zur politischen Vita noch zu Laschets Naturell und Erscheinung. Laschet ist ein leutseliger Mensch mit verschmitztem Lächeln, eher klein von Statur, das Hemd stets etwas knitterig, schlendert er mehr durch seine Termine, als dass er sie stramm durchschreitet.

Laschet, der liberale "Ausländerversteher", sei viel zu zahm, heißt es in konservativeren Kreisen des Landesverbands, ein netter Typ, aber kein harter Hund. Chaotisch ist noch so ein Attribut, das ihm Parteifreunde zuschreiben. Dann wird gerne an die Geschichte erinnert, als er vor Jahren Dozent an der RWTH Aachen war und einen Stoß Klausuren verschlampte. Noten verteilte er trotzdem, nur zu viele, weswegen die Sache aufflog.

Aber Laschet ist auch zäh, er hat einige Rückschläge in seiner Karriere weggesteckt, ist inzwischen Vizechef der Bundespartei. Das Glaubwürdigkeitsdefizit in der Sicherheitspolitik versucht er mit prominenten Wahlkampfhelfern auszugleichen: Wolfgang Bosbach etwa, den populären CDU-Innenexperten und Merkel-Kritiker, hat er ins Team geholt, genauso Peter Neumann, den TV-bekannten Terrorismusforscher vom Londoner King's College.

Auch die Schwesterpartei eilte zur Unterstützung: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und CSU-Chef Horst Seehofer warben für Laschet. NRW solle so sicher wie Bayern werden, gibt die CDU als Ziel vor. Böse Zungen in der Partei spotten, Laschet mache sich im Wahlkampf zum Horst.

 Grünen-Ministerin Sylvia Löhrmann macht Scherze mit Kraft und Laschet
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Grünen-Ministerin Sylvia Löhrmann macht Scherze mit Kraft und Laschet

Trotz allem kann der CDU-Landeschef vom Wunder träumen. Zunächst schien der Schulz-Effekt auch die schwächelnde Kraft-SPD nach oben zu ziehen, in den jüngsten Umfragen aber liegt die CDU wieder in Schlagdistanz, gleichauf oder sogar knapp vor der SPD.

Um den Regierungschef zu stellen, müsste die CDU wohl stärkste Partei werden. Angesichts der grassierenden Ausschließeritis scheint derzeit eine Große Koalition nach der Wahl am wahrscheinlichsten - fragt sich eben nur, unter wessen Führung. Für Rot-Grün oder Schwarz-Gelb reicht es eher nicht, die FDP sperrt sich gegen eine Ampel, die Grünen gegen Jamaika, die SPD gegen Rot-Rot-Grün.

Aber auch wenn es nichts wird mit der Staatskanzlei - sollte Laschet das katastrophale Ergebnis von 2012 steigern, sollte die CDU künftig womöglich als Juniorpartner mitregieren, dann wird ihm das Angela Merkel nicht zum Vorwurf machen. Einen Sieg in NRW hat die Kanzlerin nicht eingepreist, das weiß auch Laschet.

Er kann also nur überraschen.

insgesamt 97 Beiträge
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th.diebels 11.05.2017
1. Kraft und Laschet
sind eigentlich beide unwählbar ! Ein Generationswechsel in allen sogen. "seriösen" und "Volks"-Parteien ist längst überfällig ! Anscheinend scheint aber Laschet das "kleine" Übel in NRW zu sein ! Wahrlich: die Bürger, Wähler und Steuerzahler haben eigentlich bessere, intelligentere und glaubwürdigere Politiker verdient!
Sportzigarette 11.05.2017
2. Hannelore!
Na klar, Frau Kraft war als Tuner gestartet und ist als Bettvorleger gelandet. Schade eigentlich, die Frau kann eigentlich mehr, aber die Grünen sind eben auch nicht einfach in NRW und das Land erlebt einen ähnlichen Strukturwandel wie seinerzeit die 5 neuen Länder im Osten. Aber wer glaubt mit schwarz gelb ginge es in NRW endlich wieder Bergauf, der glaubt auch an den Weihnachtsmann! Darum schön SPD wählen liebe NRWler! ...und bitte den braunen Spuk so gering wie möglich halten!
KingTut 11.05.2017
3. Reale Probleme
Die von Herrn Laschet angesprochenen Probleme existieren ja real in NRW. Dafür spricht auch, dass Spiegel Online das Bundesland als einen Failed State bezeichnete und dies anhand besorgniserregender Tendenzen, auf die auch Herr Laschet im Wahlkampf verweist, begründete. Eine Wiederwahl von Frau Kraft könnte ich angesichts dieser Tatsachen nicht verstehen. Ich hoffe hier auf die Klugheit der Wähler, die mal nach Bayern schauen sollten, wo die Staatsverschuldung nur ein Fünftel so hoch ist und dies mit sinkender Tendenz, wie Herr Scheuer letzten Sonntag im ZDF betonte. Frau Kraft trägt zu Recht den Beinamen Schuldenkönigin und ich hoffe inständig, dass sie dafür am kommenden Sonntag die Quittung bekommt. Denn ihre Wiederwahl würde ein Weiter so auf niedrigem Niveau für das Bundesland bedeuten. Es ist Zeit für einen Wandel!
Wassup 11.05.2017
4. Ergebnis der Kraft-SPD: Nehmerland im Länderfinanzausgleich!
NRW schwächelt - es hängt jetzt sogar am Tropf des Länderfinanzausgleichs! Die einst führende Industrie-Region, auf die ganz Deutschland aufgeschaut hat, mit Millionen von Zugezogenen, die dort Jobs fanden, ist auf dem Abstieg. Das liegt bestimmt nicht an den Menschen in NRW, die sind nicht dümmer als die Bayern. Es liegt wohl daran, das NRW die Beste aller Landesregierungen hat mit der Besten aller Kräfte an der Spitze.
aliti 11.05.2017
5.
Ich frage mich nur, warum die SPD als größte Konkurrent zur CDU großgeschrieben wird. Hätte die SPD die gleiche Aufmerksamkeit wie Grüne und Linke, dann wäre die SPD da wohin sie hingehört. Bei einstelligen Prozentzahlen.
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