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14. September 2012, 18:20 Uhr

Pannen bei NSU-Aufklärung

Schweigen, verschlampen, vertuschen

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Panne reiht sich an Panne, bei der Aufklärung der NSU-Mordserie versagen die Behörden auf ganzer Linie. Dabei steht die Kanzlerin im Wort: Sie hat den Angehörigen der Terroropfer versprochen, alles für die Aufarbeitung zu tun. Tatsächlich ist von einem Willen zu Transparenz nichts zu spüren.

Berlin - Vielleicht muss man einfach noch mal daran erinnern, um was es hier geht: Da tauchen Ende der neunziger Jahre in Thüringen drei junge Hardcore-Neonazis unter, formieren sich zu einem Terrortrio, und ziehen mordend durch die Republik. Sie erschießen mutmaßlich zehn Menschen, verletzten etliche weitere mit einer Nagelbombe. Und bis die Bande im November 2011 durch einen Zufall auffliegt, haben die deutschen Sicherheitsbehörden keinen blassen Schimmer.

Eine Katastrophe also, eine "Schande für Deutschland", so hat es Angela Merkel genannt. Es gäbe bei den Behörden also reichlich Grund für Demut, reichlich Grund, alles, aber auch wirklich alles dafür zu tun, die Versäumnisse aufzuklären, "damit sich das nie wieder wiederholen kann", wie es die Kanzlerin den Angehörigen der Opfer versprochen hat. Doch davon kann keine Rede sein.

Ob beim Inlandsgeheimdienst, beim Bundeswehrgeheimdienst oder den Ermittlungsbehörden der Polizei - ständig kommen neue Pannen ans Licht, tauchen wichtige Akten und Dokumente erst nach Monaten oder überhaupt nur durch Zufall oder beharrliche Recherche Dritter auf. "Unsensibel" nennt der sonst so auf Akkuratesse bedachte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) das. "Solche Vorgänge" würden "kein günstiges Licht auf unsere Sicherheitsbehörden" werfen, sagt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU). So kann man das sehen.

Man kann aber auch sagen: Die Sicherheitsbehörden haben nicht nur bei der Verfolgung der Mördernazis versagt. Sie versagen auch bei der Aufarbeitung. Es wird gemauert, geschlampt - und womöglich auch gezielt vertuscht. Aufklärungswille? Fehlanzeige.

Wut im Untersuchungsausschuss wächst

Der Ärger ist groß, quer durch die Parteien. "Das Vertrauen in den Rechtsstaat droht angesichts der fortlaufenden Pleiten- und Pannenserie langfristig beschädigt zu werden", warnt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, der auf die Aktenzulieferungen der Geheimdienste und Ermittlungsbehörden angewiesen ist, wächst die Wut. "Hochgradig verärgert" ist der Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD) nach den SPIEGEL-ONLINE-Enthüllungen über einen langjährigen V-Mann des Berliner Landeskriminalamts (LKA) aus dem Umfeld des Terrortrios. "Das hat eine neue Qualität", meint Edathy. Grünen-Obmann Wolfgang Wieland empört sich: "Wir wissen buchstäblich nichts."

Das aber ist ein Problem für die parlamentarischen Aufklärer. Inzwischen kommen die Abgeordneten kaum noch nach, mehr Kooperation und Transparenz einzufordern. Ein Überblick über die schlimmsten Pannen:

Löschaktionen, Zufallsfunde, Desinformation - mit jeder Panne wird deutlicher, wie dringend die deutschen Geheimdienste einer Reform bedürfen. Im Gestrüpp der föderalen Zuständigkeiten scheint niemand mehr den Überblick zu haben, wer sich mit wem absprechen sollte, wer welche Akten besitzt oder besitzen sollte, wo Kopien lagern oder längst vernichtet wurden.

Merkel steht im Wort

Die vergangenen Monate hätten eindrucksvoll bewiesen, "dass die deutsche Sicherheitsarchitektur grundlegend überarbeitet gehört", sagt Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und fordert "eine Straffung des föderal organisierten Verfassungsschutzes". Wenn es nach der FDP-Politikerin ginge, würden die derzeit 16 Landesämter zumindest teilweise zusammengelegt.

Das allerdings wird nicht funktionieren. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) scheiterte vor wenigen Wochen vorerst mit dem Versuch, das Bundesamt gegenüber den Landesämtern in seinen Kompetenzen deutlich zu stärken. Statt aufrichtiger Reformbereitschaft herrscht Missgunst und Sorge vor Bedeutungsverlust. Auch die lauter werdenden Rufe nach einer Abschaffung des Bundeswehrgeheimdienstes MAD verhallen ungehört. Er soll im Zuge der Bundeswehrreform lediglich "personell verschlankt" und organisatorisch umgestellt werden. Ob der große Umbau der Sicherheitsbehörden hin zu mehr Schlagkräftigkeit und Effizienz so wirklich gelingt, ist ungewiss - auch wenn jede neue Panne zusätzlicher Ansporn sein sollte.

Genauso fraglich ist, ob die wiederholten Beteuerungen der Bundesregierung, die Aufklärung der Versäumnisse bei der Verfolgung der NSU-Terroristen "in jeder Hinsicht" zu unterstützen, irgendwann auch in allen Unterabteilungen der Sicherheitsbehörden ankommen werden. Dafür zu sorgen, sollte im ureigenen Interesse der zuständigen Minister und Senatoren liegen. Und im Interesse der Kanzlerin: Angela Merkel steht mit ihrem Versprechen bei den Angehörigen im Wort.

Dass die jüngste Panne auch die letzte war, daran aber mag mancher im NSU-Untersuchungsausschuss nicht glauben. Nach den Berliner V-Mann-Berichten konstatierte der Grünen-Abgeordnete Wieland, man sei ja "Schläge in die Magengrube mittlerweile gewohnt". Klingt ganz danach, als richte er sich auf weitere überraschende Hiebe ein.

Mitarbeit: Severin Weiland

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