Nürnberger Parteitreffen SPD-Basis bejubelt die Schwan-Show

Sie sagt nicht viel Substantielles, aber die Genossen himmeln sie an: Das knappe Grußwort von Gesine Schwan war der emotionale Höhepunkt beim SPD-Zukunftskonvent in Nürnberg. Die Begeisterung offenbart die Misere der Partei - die Professorin ist ihre letzte echte Hoffnungsträgerin.

Von , Nürnberg


Berlin - Der Zukunftskonvent der SPD neigt sich schon dem Ende zu, da fällt Generalsekretär Hubertus Heil noch ein letzter Motivationstrick ein. "Sprecht mir nach: Yes, we can", ruft Heil in die Nürnberger Messehalle, und brav stimmen einige Genossen ein: "Yes, we can. Yes, we can".

Schwan in Nürnberg: Vergiftetes Lob an Beck
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Schwan in Nürnberg: Vergiftetes Lob an Beck

Mit dem Schlachtruf hat US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama die demokratische Partei in den USA revitalisiert. Doch die fränkische Version ist ein trauriger Abklatsch des Originals. In Nürnberg hingegen wirkt die Parole nicht belebend, sondern offenbart die ganze Einfallslosigkeit der deutschen Sozialdemokratie.

Der Slogan gilt Gesine Schwan, die gerade in die Halle kommt - "direkt aus Italien, unsere nächste Präsidentin", ruft Heil im Tonfall des amerikanischen Vorbilds. Die Professorin aus Berlin soll für die SPD das schaffen, was Obama für die Demokraten vollbracht hat. Sie ist die einzige Hoffnungsträgerin, auf die die SPD-Basis ihre Sehnsüchte projizieren kann.

Die Euphorie der Parteibosse wirkt noch etwas aufgesetzt - schließlich waren sie allesamt vor kurzem noch gegen eine Schwan-Kandidatur und mussten sich erst mühsam umstimmen lassen. Doch sollen die Streitereien nun vergessen sein. Schwan selbst erhebt den Streit im Vorfeld ihrer Kandidatur zur demokratischen Tugend. Sie habe nichts gegen kontroverse Argumente. Im Gegenteil: Sie sei froh, in einer diskussionsfreudigen Partei zu sein. Schließlich habe schon der französische Philosoph Montesquieu gesagt, Freiheit sei die Sicherheit, beim Diskutieren nicht verhaftet zu werden.

"Ich bin nun mal Professorin", entschuldigt sie solches Name-Dropping. Diskussionen bedeuteten allerdings keineswegs, dass die Partei gespalten sei. Sie wisse aus den siebziger und achtziger Jahren, was Teilung und Spaltung in der SPD seien, sagte sie in Anspielung auf ihren Ausschluss aus der Grundwertekommission. Heute sei die SPD keine gespaltene Partei, das habe sie bei ihrer Mitarbeit am Grundsatzprogramm erlebt: "Wir können das, und wir machen das auch zusammen sehr schön".

"Ja, wenn ihr wollt, macht"

Es ist nur ein kurzes Grußwort, was Schwan zugestanden wurde, und viele der 3000 Teilnehmer des SPD-Konvents sind bereits auf dem Sprung zum Bahnhof, wo der ICE wartet. Doch ihre neue Galionsfigur wollen sie sich nicht entgehen lassen. Bis zum Schluss harren sie aus. Immer wieder wird Schwan von Beifall unterbrochen, an mehreren Stellen ist sie selbst überrascht. "Ja, wenn ihr wollt, macht", sagt sie lachend. Die Rolle der angehimmelten Kandidatin spielt sie sichtlich mit Genuss.

Inhaltlich sagt sie nicht viel Substantielles. Die Politik müsse die Wirtschaft gestalten, Europa könne eine "tolle Rolle" in der Welt spielen, und die Medien sollten aufhören, hinter jeder politischen Äußerung immer nur Tricksereien zu sehen. Alles Dinge, die Sozialdemokraten gerne sagen.

Auch eine Abgrenzung von der Linkspartei nimmt sie vor. Nachdem sie bei ihrer Vorstellung in Berlin erklärt hatte, um die Stimmen der Linkspartei werben zu wollen, scheint ihr ein bisschen Distanz wohl geboten. Es gebe derzeit nur zwei Parteien, deren Programme auf der Höhe der Zeit seien, sagt sie: "Die SPD und die Grünen". Das gelte hingegen nicht für diejenigen, die soziale Politik in nationaler Verantwortung betreiben wollten, also die Linkspartei.

Der Konvent hängt förmlich an Schwans Lippen. Der Applaus am Ende will kein Ende nehmen. Auch Kurt Beck, der neben ihr steht, klatscht ihr lächelnd zu. Er hätte allen Grund, neidisch zu sein, doch er lässt sich nichts anmerken. Für ihn hat sie ein paar tröstende Worte parat. Sie staune ja immer über das öffentliche Bashing, was er so aushalte, sagt Schwan: "Ich gratuliere dir dafür, dass du das lächelnd tust."

Es ist ein vergiftetes Lob. Wer lässt sich schon gern dazu beglückwünschen, die Rolle des Buhmanns ganz hervorragend zu spielen? Zumal von jemand, der gerade stürmisch gefeiert wird. Aber man soll ja nicht immer hinter allem Tricksereien vermuten.



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