Obamas Außenpolitik Merkel ersehnt Ende der US-Alleingänge

Mehr Absprachen, mehr Vernunft beim Klimaschutz, weniger Haudrauf-Rhetorik - Kanzlerin Merkel und ihre Regierung knüpfen große Erwartungen an Barack Obama. Eine neue Ära der Dauer-Harmonie ist aber kaum zu erwarten: Der neue US-Präsident dürfte bald unangenehme Forderungen stellen.

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Berlin - Die Kanzlerin erfuhr wie viele Bürger im Lande vom Wahlsieg Barack Obamas - am frühen Morgen per Fernsehen. "Na, ich hab' bis zum Ins-Bett-Gehen natürlich das auch verfolgt", sagte sie an diesem Mittwoch im Kanzleramt. Zwischendurch sei sie mal aufgewacht und habe sich "kurz vergewissert", dann sei sie aber wieder eingeschlafen.

Merkel, Obama im Juli in Berlin: "Natürlich das auch verfolgt"
DDP

Merkel, Obama im Juli in Berlin: "Natürlich das auch verfolgt"

Als Merkel aufwachte, war klar: Barack Obama hatte es geschafft. Die Kanzlerin wird die Nachricht nicht überrascht haben - der Sieg des ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten hatte sich in den vergangenen Umfragen angedeutet. Das politische Berlin gratulierte am frühen Morgen - als erstes Bundespräsident Horst Köhler, dann Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier.

Merkel selbst hatte Obama im Sommer kennengelernt - bevor der US-Kandidat vor der Siegessäule in Berlin eine Rede vor mehr als 200.000 Menschen hielt. Am Mittwoch nun lud sie ihn zu einer offiziellen Visite nach Deutschland ein und wünschte ihm "Freude an seiner Arbeit, Kraft und auch das notwendige Glück".

Obama und Merkel - verstehen sie sich? Bekanntlich kamen George W. Bush und die Kanzlerin gut miteinander aus - trotz inhaltlicher Differenzen in der Klimapolitik oder in der Frage der Weltfinanzmärkte. Unvergessen bleibt die Nackenmassage, die Bush vor zwei Jahren der überraschten Merkel während des G-8-Gipfels in St. Petersburg verpasste.

Obamas zurückhaltender Stil dürfte dem Naturell Merkels eher entgegenkommen als die gelegentliche Raubeinigkeit Bushs. Im Juli, bei der Stippvisite im Kanzleramt, fiel zumindest der freundliche Umgangston zwischen den beiden auf. Die Chemie, so scheint es, stimmt. Dabei hatte es zuvor durchaus Zwistigkeiten gegeben, weil Obamas Team ursprünglich das Brandenburger Tor als Redeort ins Auge gefasst hatte - was Merkel wegen des hohen Symbolgehalts ablehnte.

Kurzzeitig entzündete sich in der Großen Koalition eine Debatte - Vizekanzler und Außenminister Steinmeier sah in einem Auftritt vor dem Tor kein Problem. Der SPD-Politiker war es auch, der an diesem Mittwoch in seiner Gratulation an Obama mit einem Schlenker noch einmal an dessen Auftritt vor der Siegessäule hinwies. Dort habe er eine "große Rede" gehalten, so der SPD-Kanzlerkandidat. Auch war Steinmeiers Gesicht abzulesen, wie sehr ihn der Wahlsieg des Demokraten erfreute.

Die SPD ist im Obama-Lager gut vernetzt - unter anderem durch den Außenpolitiker Gert Weisskirchen. Es sei wichtig, dass Obama sich mit den Alliierten treffe, ihnen zuhöre und "eng mit ihnen zusammenarbeitet", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Es gebe einen "Berg von Dingen, die seine Aufmerksamkeit erforderten". Weisskirchen nennt nur einige Stichworte - der Nahe Osten, das Verhältnis des Westens zu Russland, Iran. Er müsse eine klare Prioritätenliste entwickeln und mit solchen Problemen beginnen, die er lösen könne, damit der Beginn seiner Präsidentschaft ein Erfolg wird.

Die ersten außenpolitischen Schritte wird Obama schon in der kommenden Woche machen. Am 15. November treffen sich 20 Staats- und Regierungschefs in der US-Hauptstadt zu einer Konferenz über die Finanzkrise. Zwar ist George W. Bush dann noch im Amt - die Vereidigung des neuen Präsidenten erfolgt erst im Januar. Obama aber wird bei dieser Gelegenheit auch die Kanzlerin sehen - und damit aus erster Hand seine Sicht auf eine neue Weltfinanzordnung erläutern.

Die Meisterung der Krise ist eines der vordringlichsten Anliegen der deutschen Außenpolitik. Dabei verlässt sich Merkel nicht nur auf die USA: Bei ihrem China-Besuch warb sie für ein gemeinsames Agieren. Neue Verbündete zu suchen und Washington nicht zu verprellen - das wird die Kunst sein, um der Finanzwelt neue Regeln zu geben.

Die bisherigen Erfahrungen waren nicht allzu gut: Noch frisch ist in Berlin die Erinnerung an die Ablehnung, die Deutschland während der eigenen G-8-Präsidentschaft erfuhr. Deutschlands damalige Forderungen nach einem transparenteren Finanzmarkt und einer strengen Hedgefonds-Kontrolle scheiterten an der amerikanischen und britischen Regierung.

Vor allem hofft man in Berlin auf einen atmosphärischen Neuanfang. Die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin betonte, auf Grundlage der tiefen Freundschaft zwischen Deutschland und den USA "werden wir auch die Probleme, die anstehen, lösen können, davon bin ich überzeugt". Außer der Finanzkrise meinte sie die Bekämpfung des Terrorismus und den Klimaschutz.

Ihre Hoffnung: dass die Zeit der US-Alleingänge zu Ende ist. "Wir werden das tun in dem Geist, dass keiner alleine heute die Probleme der gesamten Welt lösen kann", so Merkel.

Ähnlich äußerte sich auch Steinmeier. Er habe Obama als einen Mann kennengelernt, "der Schwierigkeiten überwindet, der zusammenführt, der zuhören kann und der am Ende sehr besonnen, der souverän und sehr überlegt handeln kann".

Zuhören und gemeinsam agieren - zwei Stichworte, die immer wieder fallen. "Die USA sollten ihre Alliierten vor wichtigen Entscheidungen konsultieren und nicht nur informieren", sagt der Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, Karsten Voigt zu SPIEGEL ONLINE.

Und Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, meint: "Ich wünsche mir, dass die Attraktivität der USA wiederbelebt wird und die Sympathiewerte des Landes in der Welt wieder steigen." Die seien in den vergangenen acht Jahren "arg unter die Räder gekommen", so der CDU-Politiker und Merkel-Vertraute zu SPIEGEL ONLINE. Sein CDU-Kollege aus dem Europaparlament, Elmar Brok, wünscht sich "eine echte transatlantische Gemeinschaft mit gemeinsamen strategischen Debatten und Entscheidungen".

Die deutschen Außenpolitiker wissen, dass möglicherweise noch ganze andere Herausforderungen auf Deutschland zukommen - und dass auch ein Obama aus den Realitäten der Welt nicht einfach aussteigen kann. Pakistan bleibt ein Krisenherd, der den neuen US-Präsidenten beschäftigen wird. Von dort aus wird die Destabilisierung Afghanistans durch die Taliban vorangetrieben.

Schon bei seiner Berliner Rede hatte Obama die Verbündeten an unangenehme Wahrheiten erinnert. In Afghanistan hätten die USA und Deutschland "ein gemeinsames Interesse" daran, dass die erste Mission der Nato außerhalb ihrer Grenzen zum Erfolg werde. Noch ist es zu früh, Obamas außenpolitischen Kurs klar zu erkennen. Doch könnte ein Satz aus seiner Berliner Rede, der auf den Hindukusch gemünzt war, durchaus programmatische Grundlage sein. "Amerika schafft das nicht allein", hatte Obama im Sommer den Hunderttausenden Menschen im Tiergarten zugerufen.

In Berlin wurde auch ganz pragmatisch gedacht. Als Bundeswirtschaftsminister Michael Glos das deutsche Konjunkturprogramm vorstellte, hoffte er auf einen "Obama-Effekt". Durch dessen Wahl, so der CSU-Politiker, könne in der Wirtschaft wieder "mehr Zuversicht" einkehren.

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