Obamas Buchenwald-Besuch "Dieser Ort hat nichts von seinem Schrecken verloren"

Keine historische Rede, kein politisches Statement, nur Lernen und Erinnern. Bei seinem Besuch in Buchenwald zeigte sich Barack Obama tief erschüttert - der Überlebende Elie Wiesel rief ihm zu: "Sie tragen unsere Hoffnungen, Mr. President."

Buchenwald - Der Himmel ist grau verhangen, ein kalter Wind bläst über die Ruinen der Häftlingsunterkünfte. Märzwetter im Juni. Das Licht über dem ehemaligen Konzentrationslager auf dem Ettersberg bei Weimar ist trüb.

Dies soll keiner der üblichen Jubelauftritte des US-Präsidenten werden.

Barack Obama will in Buchenwald erfahren, was er bisher nur aus Erzählungen seines Großonkels Charles Payne weiß. Jenem Mann, über den man sich in Obamas Kindheit erzählte, wie er sich nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg monatelang von der Familie abkapselte: wegen der Schrecken, die der US-Soldat vor allem bei der Befreiung des Buchenwald-Außenlagers im thüringischen Ohrdruf im April 1945 erlebt hatte.

Mehr als 60 Jahre später schreitet an diesem Freitagnachmittag sein Großneffe über den Buchenwalder Appellplatz, in den Händen eine weiße Rose, an der Seite Bundeskanzlerin Angela Merkel und zwei Überlebende des KZ. Einer der beiden Alten ist Elie Wiesel, der als 16-Jähriger interniert wurde und hier seinen Vater verlor. Der andere ist Bertrand Herz, Vorsitzender des Buchenwald-Komitees.

Es sind nur wenige Schritte vom Eingangstor mit der zynischen Inschrift "Jedem das Seine" bis zu einer Gedenkplatte. Sie ist ständig auf 37 Grad geheizt, um an die Lebenstemperatur der Buchenwald-Opfer zu erinnern. Zunächst legt Obama seine Rose nieder und verharrt für einen Moment, Merkel und die beiden KZ-Überlebenden folgen ihm. Dann setzt sich die Gruppe wieder in Bewegung, in Richtung des sogenannten Kleinen Lagers.

Wortlaut: Die Reden in Buchenwald

Es wird ein bewegender Geschichtsgang für den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wiesel, einem guten Freund Obamas, kommen im Kleinen Lager die Tränen. Schließlich stehen sie im ehemaligen Krematorium Buchenwalds.

Der Ort, an dem mehr als 50.000 Menschen starben, scheint für den Gast aus Washington an diesem Tag fühlbar zu werden. "Dieser Ort hat nichts von seinem Schrecken verloren", sagt Obama nach dem Rundgang. "Die Schönheit der Landschaft, der Horror des Lagers" - der US-Präsident ist spürbar bewegt.

Die Kanzlerin, die nicht zum ersten Mal auf dem Ettersberg zu Besuch ist, findet klare Sätze. "Buchenwald war kein Ort des Lebens, sondern des Todes", sagt sie. Man müsse das Gedenken an die Ermordeten auch in der Zukunft bewahren und alles tun, "dass so etwas nie wieder geschieht". Dann sagt Merkel: "Ich verneige mich vor allen Opfern."

Der Zukunftspräsident Obama, in den so viele Menschen überall auf der Welt enorme Hoffnungen setzen, schaut in Buchenwald in die Vergangenheit des Nazi-Wahnsinns. Elie Wiesel spricht, nachdem ihm Obama das Mikrofon überlassen hat, über den Tod seines Vaters, den Schmerz darüber, die Ohnmacht. Es ist ein bewegendes Plädoyer für einen Blick in die Vergangenheit, um aus den Schrecken zu lernen. "Erinnerung ist die Pflicht von guten Menschen", sagt der alte Mann mit dem zerzausten grauen Haar schließlich und dreht sich zu Obama: "Sie tragen unsere Hoffnungen, Mr. President."

Ein paar Minuten später ist dieser Präsident schon wieder in der Luft - am Donnerstag war er noch in Ägypten gewesen, am Morgen in Dresden, am Abend steht der Besuch des großen US-Stützpunkts in Rheinland-Pfalz auf seinem Programm. Barack Obamas Leben als Präsident ist eine einzige Aneinanderreihung von Terminen.

Aber die zwei Stunden auf dem Ettersberg waren mehr als nur ein Termin.

Das KZ Buchenwald

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