Obdachlose in Berlin Die Stadt, die Nacht und der Schnaps

Das Wohnzimmer auf der Straße: Zehntausend Menschen sind in Berlin obdachlos. Die einzige Rettung vor dem totalen Absturz sind oft soziale Einrichtungen. Hier gibt es nicht nur warmes Essen - zu Besuch am Breitscheidplatz.

Von


Berlin - Das Kinderkarrussel dreht sich lärmend, Abbas "Chiquitita" scheppert aus den Lautsprechern über den Weihnachtsmarkt am Ku'damm. Hinter den Rückwänden der Verkaufsstände, neben der Gedächtniskirche, die wie ein hohler Zahn über dem Weihnachtstrubel am Ku'damm lehnt, stehen Berlins Obdachlose Schlange. Es regnet in Strömen, riesige Pfützen haben sich gebildet.

Warmes Essen an der Gedächtniskirche: "Die Luft ist raus"
SPIEGEL ONLINE

Warmes Essen an der Gedächtniskirche: "Die Luft ist raus"

Wie jeden Montag geben Mitarbeiter der "Arche" - einem Kinderprojekt aus Berlin-Hellersdorf, das auch Erwachsenen in Armut hilft - hier warmes Essen aus. Und wie jeden Montag kommen um die hundert Menschen. Manche von ihnen sind "typische" Obdachlose, die trinken und Drogen nehmen, völlig verwahrlost aussehen. Ein Mann mit blau-unterlaufenem Auge und zersausten Haaren rüttelt an den Türen der Kirche. "Ich will hier rein, sonst rufe ich die Polizei", schreit er.

Aber in der Schlange vor den großen Styrophorbehältern mit dem Essen stehen auch Leute wie der 51-jährige Dirk V. Er hat einen dunkelblauen Anzug an und eine schwarzumrandete dicke Brille auf. Seit einem halben Jahr ist er obdachlos, aber wie jemand, der auf der Straße lebt, sieht er nicht aus. Dirk V. hat Germanistik studiert, das Studium abgebrochen, hat dann in Büros gearbeitet. Irgendwann aber hat er den Job verloren. "Und irgendwann wollte meine Familie nichts mehr von mir wissen", sagt er. Freunde seien gegangen. Vor einem halben Jahr dann habe er auch noch die Wohnung verloren. Warum genau, das kann er auch nicht sagen.

"Eine Wohnung als Basis"

Fragt man nach den Gründen für sein Abrutschen in die Wohnungslosigkeit, bleibt Dirk V. vage - wie viele hier am Breitscheidplatz. Eine Frau erzählt von den Schikanen ihrer Nachbarn, ein Mann gibt die Trennung von seiner Frau als Grund für das Ab in der Armutsspirale an. Es ist eine Mischung aus Scham und der Wut darüber, völlig alleine dazustehen. Wer nicht wirklich in Not ist - sozial oder finanziell - wird kaum an den Breitscheidplatz kommen: in die Kälte, in den Regen, um im Stehen zu essen, von den Plastiktellern.

Zehntausend Menschen in Berlin haben keine Wohnung, schätzen Sozialarbeiter. Auf der Armutskala der zehn Millionen Deutschen, die laut Statistischem Bundesamt in Armut leben oder von Armut bedroht sind, stehen die Obdachlosen ganz unten. Auffällig sei, dass man sich für Obdachlosigkeit anscheinend immer weniger schäme, sagt ein Streetworker von der "Treberhilfe" "Viele, die mit mehreren Hunden auf der Straße sitzen, machen daraus ein richtiges Happening. Sie errichten sich ihr Wohnzimmer auf dem Bürgersteig", sagt er.

Für Dirk V. bedeutet die Obdachlosigkeit "ziemlich viel Stress". Ständig müsse er überlegen, wo er tagsüber hin geht. Oft hält er sich einfach tagsüber in Kaufhäusern auf. Es ist warm dort und meist würde ihn auch niemand komisch ansehen. "Meine saubere Kleidung ist auch mein letzter Kampf dagegen, völlig abzurutschen" sagt er. Zwei Paar Socken besitzt Dirk V. , und den dunkelblauen Anzug. Abends wenn er in das Obdachlosenheim in der Franklinstraße in Berlin-Charlottenburg gehe, wäscht er sie im Waschbecken. Dass jemand in einem reichen Land wie Deutschland arm sein müsse, kann er nicht verstehen. "Das muss doch besser geregelt werden können", sagt er. Eine Wohnung wünsche er sich schon deshalb, weil er dann endlich wieder selbst kochen könne. "Eine Wohnung wäre eine Basis, von der aus ich mich bewegen kann", sagt er.

Wegen der warmen Mahlzeit, aber auch wegen der Kontakte kommen viele hierher zur Suppenküche hinter der Gedächtniskirche. Einer erklärt die Sozialstruktur wie folgt: "Man kennt sich seit Jahren, man redet miteinander - aber niemals übereinander. Das ist hier ein ungeschriebenes Gesetz. Zu schnell würden Gerüchte entstehen. "Und wer sich dann verraten oder provoziert fühlt, der kann schnell ungemütlich werden", sagt er.

"Jetzt bin ich wegen Hartz IV arm"

Jörg H., der zusammen mit seinem Kumpel Andreas L. das Abendessen, Bratkartoffeln und Buletten, löffelt, meint: "Das Schlimmste ist doch die Langeweile". Er selbst hat noch eine Wohnung, aber einen Job schon lange nicht mehr. Kohlenträger war er mal. Neben den beiden Männern steht eine 53-jährige Frau mit Locken, die lange Zeit obdachlos war. "Und jetzt bin ich wegen Hartz IV arm", sagt sie.

Überhaupt ist Hartz IV für viele der Menschen, die am Breitscheidplatz um Essen anstehen, das Schlagwort, mit dem sie ihre Situation erklären. Wer ihnen genau zuhört, merkt schnell, dass nicht Hartz IV allein das Problem ist. Doch Hartz IV ist kaum die Ursache ihrer Probleme. Es ist eher die Paarung wenig Geld und Einsamkeit. Verwandte? "Hatte ich nie, bin gleich ins Heim gekommen", sagt die Frau mit den Locken. Jörg H. sagt: "Ich bin froh, dass ich keine Kinder hab, sonst säßen die ja auch noch mit in der Scheiße".

Auf der anderen Seite des Bahnhof Zoo haben die Streetworker von der "Treberhilfe" ihren Bus geparkt . Viele Drogenabhängige kommen hier her, sie können gebrauchte Spritzen gegen Saubere tauschen. Neben dem Stand mit dem heißen Zitronentee steht ein Mann, der seinen Namen nicht sagen möchte - grüne Outdoorjacke, randlose Brille, Jeans. Die Familiengeschichte, die er erzählt ist haarsträubend. Vor ein paar Jahren ist er aus einem Dorf in Brandenburg nach Berlin gekommen. Als er trotz, wie er sagt, guter Aussichten keinen Job bekam, begann auch sein Abstieg. Und auch bei ihm kam zu den psychischen Problemen das Pech, dass er niemanden hatte, der ihn auffangen wollte. Immer wieder war er obdachlos - wie auch heute. "Zwischendurch habe ich ein paar Jahre mit einer Frau zusammengelebt - da war alles gut", sagt er.

"Armut hat viele Gesichter", sagt der Streetworker der Treberhilfe - es sind zum Beispiel die über zweihundert Kinder die jeden Tag in die "Arche" kommen und es sind tausende Obdachlose. Und wer einmal ganz unten ist, der bleibt oft da. "Ich muss sagen, nach sieben Jahren ist bei mir auch ziemlich die Luft raus, mir jetzt noch 'n Job zu suchen", sagt der Mann mit der Outdoorjacke.

Am Breitscheidplatz machen die Weihnachtsbuden jetzt die Laden dicht. Die Männer von der "Arche" verteilen Decken und Schlafsäcke. Der obdachlose Mann mit den zersausten Haaren sitzt betrunken in einer Ecke. Als der Arche-VW-Bus abfährt, ist er wieder alleine mit der Nacht und dem Schnaps.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.