Ode an die Festtage Der Irrsinn macht mal Pause

Plötzlich geht die Welt doch nicht unter. Zumindest sind die üblichen Apokalyptiker alle nicht erreichbar, um sich auch noch darüber aufzuregen, bemerkt Christoph Schwennicke. Mit den Feiertagen ist Stille eingekehrt in den globalen Empörungsapparat. Und siehe: Sofort geht alles besser.

Occupy-Aktivist als Weihnachtsmann vor der Europäischen Zentralbank: Erquickendes Nichts
dapd

Occupy-Aktivist als Weihnachtsmann vor der Europäischen Zentralbank: Erquickendes Nichts


Vielleicht wurde Tante Milla jahrzehntelang Unrecht getan. Vielleicht hatte Tante Milla einfach recht. Vielleicht sollte viel öfter Weihnachten sein. Am besten jeden Tag. In Heinrich Bölls Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit" trieb die alte Dame damit alle in den Wahnsinn, und "Frieden" - "Frieden" hauchte der Engel, bis alle Tante Milla am liebsten an die Gurgel gegangen wären, ganz unfriedlich.

Merken Sie was? Nein? Eben. Es ist nichts. Wunderbares, erquickendes Nichts.

Die Welt geht nicht unter, säuft nicht ab, obwohl das Thermometer an Heiligabend in Berlin fast 14 Grad anzeigte und die Narzissen schon sprießen. Kein Apokalyptiker ist erreichbar, der das sofort und zweifelsfrei der globalen Erderwärmung anlastet.

Der Euro geht auch nicht unter, sondern erholt sich sogar, und die Italiener können in aller Ruhe Anleihen am Markt platzieren, die dieser in aller Ruhe akzeptiert und nicht verweigert wie fauliges Essen. Keiner steht parat und sagt, dass das alles nicht reicht, was der neue Premier Mario Monti da macht, weshalb man auch besser die Finger von den italienischen Anleihen lassen solle. Sogar der Goldpreis gibt nach, ohne dass eine Spekulationsblase platzt.

Rhetorisches Feuer ohne Geist kann gefährlich sein

Es ist nicht zu übersehen und zu überhören: Der Irrsinn macht Pause. Es steht auch einem schnellen Medium wie SPIEGEL ONLINE gut zu Gesicht, dies einmal mit einem wohligen Seufzer in der stillen Zeit zwischen den Jahren festzustellen. Ruhe, einfach Ruhe - und siehe: Es tut nicht nur gut, es hilft auch. Dem Euro, Europa, der Besonnenheit.

Es wird besser, jedenfalls nicht schlechter, wenn einfach einmal nicht Etwas ist, sondern Nichts.

Was haben wir uns alle durchs Jahr gehetzt, das nun zu Ende geht. Fukushima, FDP, Europas scheinbarer Todeskampf, der Aufbruch der arabischen Welt. Und dann der gar nicht altersmilde, sondern hitzköpfige Stéphane Hessel, der mit seiner globalen Version des Hessischen Landboten zum Aufstand aufrief. Der fulminante Hitzkopf Georg Büchner war damals im Vormärz 21 Jahre alt, Hessel ist 94 Jahre alt, und die Verhältnisse waren zu Büchners Zeiten himmelschreiend ungerechter. Es ist ein Privileg der Jugend, ungestüm zu sein. Der Schlachtruf "Wir sind die 99 Prozent" von Occupy ist das "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" des beginnenden 21. Jahrhunderts. Das ist auch völlig in Ordnung so.

Aber wenn inzwischen auch die Alten alle Besonnenheit und Weisheit des Alters fahren lassen und wirre, aber umso flammendere Pamphlete schreiben, dann ist die Kernschmelze der Vernunft nicht mehr weit. Cicero wusste schon, weshalb er sich zur Beredsamkeit immer die Weisheit hinzuforderte: Weil er wusste, wie gefährlich und zerstörerisch rhetorisches Feuer ohne Geist sein kann.

Die Nachrichten machen auch mal Pause

Und dann ist plötzlich Weihnachten. Die Nachrichten-Umwälzpumpen laufen nicht heiß, sondern stehen still, die Ex-Kollegen von Dirk Müller, dem vormaligen Mister Dax, machen auch mal Pause und wetten nicht auf den Untergang Europas oder versuchen gezielt, einzelne Länder herauszujagen wie eine Meute Löwen eine Antilope aus dem Herdenverband lösen, um sie dann zu hetzen und zu erlegen. Und alle Ökonomen, die sonst vor dem Niedergang der europäischen Volkswirtschaften warnen, sind stumm.

Wahrscheinlich sind sie Skifahren oder kurbeln anderweitig den Binnenkonsum an.

Und sieh da, mit einem Mal hören sich die Worte eines Wolfgang Schäuble nicht mehr so verzweifelt und gehetzt an, wenn der deutsche Finanzminister in die Ruhe der Weihnachtszeit hinein verkündet: Ich sage euch, es wird gut werden. Der Euro wird nicht verschwinden, und Europa wird nicht auseinanderbrechen.

Man bekommt sogar wieder ein bisschen Zuversicht, dass die wichtigsten Regierungen der Welt gemeinsam den außer Kontrolle geratenen Finanzmarkt-Kapitalismus wieder in den Griff bekommen - weil sie schließlich am Ende alle dessen Opfer sein oder werden können und nichts zu gewinnen haben, wenn in diesen No-go-Areas der Politik weiter ungeniert mit dem Wohlergehen der Welt gezockt werden kann.

Hoffentlich ist bald wieder Weihnachten. Und weniger Wahnsinn.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
snickerman 31.12.2011
1. aha...
Nicht drüber reden- und schon ist alles gut? Und warum schreiben Sie dann drüber? Ist doch irgendwie kontraproduktiv... Guten Rutsch- und nicht bis Ostern prostern, ihr Einachtsmänner...
ZiehblankButzemann 31.12.2011
2. Ich halte es da mit Dieter Nuhr...
..."Die Welt geht auf jedenfall unter! Es kann nur noch ein paar Millionen Jahre dauern!" Also mit Bitte um Geduld!
senfdazu 31.12.2011
3. Nicht die Nachrichten....
Zitat von sysopPlötzlich geht die Welt doch nicht unter. Zumindest sind die üblichen Apokalyptiker alle nicht erreichbar, um sich auch noch darüber aufzuregen, bemerkt Christoph Schwennicke.*Mit den Feiertagen ist Stille eingekehrt in den globalen Empörungsapparat. Und siehe: Sofort geht alles besser. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806394,00.html
...sollen die Fakten vorgeben, sonder die Fakten die Nachrichten !!!
stull0r 31.12.2011
4. Spiegeltest
Es scheint sich immer mehr zu bewahrheiten, was Stefan Niggemeier schon lange sagt: Journalisten und "die Medien" bestehen den Spiegeltest samt und sonders nicht. Wer wäre wohl besser geeignet und in der Lage als SPON, NICHT jede Mücke zu einem Elefanten aufzublasen und diesen dann in Rekordzeit durchs Dorf zu jagen?! Recherche, das Zauberwort aus längst vergessenen Tagen, würde zu einer entschleunigten, versachlichten Debatte jedenfalls einen gewaltigen Beitrag leisten. Also, Herr Schwennicke, nehmen Sie ein paar ihrer Kollegen an die Hand und gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Sie wissen ja jetzt, wie schön wir es dann alle hätten.
felisconcolor 31.12.2011
5. nicht zu vergessen
Zitat von stull0rEs scheint sich immer mehr zu bewahrheiten, was Stefan Niggemeier schon lange sagt: Journalisten und "die Medien" bestehen den Spiegeltest samt und sonders nicht. Wer wäre wohl besser geeignet und in der Lage als SPON, NICHT jede Mücke zu einem Elefanten aufzublasen und diesen dann in Rekordzeit durchs Dorf zu jagen?! Recherche, das Zauberwort aus längst vergessenen Tagen, würde zu einer entschleunigten, versachlichten Debatte jedenfalls einen gewaltigen Beitrag leisten. Also, Herr Schwennicke, nehmen Sie ein paar ihrer Kollegen an die Hand und gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Sie wissen ja jetzt, wie schön wir es dann alle hätten.
das dazu auch entschleunigte gut recherchierende und sachliche Leser gehören, die nicht bei jedem Pups gleich aussterben wollen. Zu jeder Sache gehören immer zwei Seiten.
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