OECD-Studie Familienpolitik floppt trotz Staatsknete

Kindergeld, Elterngeld, Steuererleichterungen: Bares vom Staat als Familienförderung bringt wenig, moniert die OECD in ihrem neuen Report. Deutschland liegt bei der Geburtenrate im Ländervergleich auf einem der letzten Plätze - trotz viel Cash.

Mutter mit Kinderwagen: Nur 1,36 Kinder bekommen Frauen in Deutschland durchschnittlich
AP

Mutter mit Kinderwagen: Nur 1,36 Kinder bekommen Frauen in Deutschland durchschnittlich


Berlin - Auf großen Plakaten wirbt das Arbeitsministerium von Ursula von der Leyen (CDU) für deren Prestigeprojekt - das Bildungspaket. Dafür, dass arme Familien Gutscheine beantragen, für kostenloses Mittagessen in Kitas und Schulen, für Nachhilfe, Musikunterricht, Ausflüge.

Ministerin Leyen hatte das Gutscheinmodell gegen heftige Kritik verteidigt. Das Mantra vieler Wohlfahrtsverbände lautet nämlich: Nur Bargeld bringt mehr für arme Hartz-IV-Familien.

Dieser These widerspricht nun sehr grundsätzlich der neue vergleichende Familienbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in 34 Mitgliedsländern - und stützt damit von der Leyens Ansatz. Das Fazit der Studie: Cash für Familien hat weniger positive Auswirkungen als gezielte Förderung. Der Staat müsse Geld in Musikunterricht, Sport und Bildung im Vorschulalter stecken. Denn, so die Organisation: Wer schon als Kleinkind gefördert werde, entwickle ein sozialeres Verhalten, ein besseres logisches Denkvermögen. Als Erwachsene würden Kinder, die ihre Talente schon als Kleinkinder verwirklichen könnten, seltener kriminell, verdienten später durchschnittlich mehr.

Gutscheine und Investitionen für mehr Bildung sind laut OECD also der richtige Ansatz - insgesamt aber stellen die Forscher Deutschlands Familienpolitik ein schlechtes Zeugnis aus. Obwohl der Staat für jedes Kind bis zum 18. Lebensjahr insgesamt 146.000 Euro für Ausbildung und Familienpolitik zahlt (OECD Schnitt 124.000 Euro) belegt Deutschland bei der Geburtenrate mit 1,36 Kindern pro Frau den viertletzten Platz der 34 OECD-Länder. "In Deutschland und Österreich, wo jede Frau statistisch kaum anderthalb Kinder bekommt, konnte die Vielzahl der Fördermöglichkeiten den Trend zu weniger Nachwuchs jedenfalls nicht umkehren", lautet das OECD-Fazit.

Als positives Beispiel nennt die OECD Dänemark: Das Land investiere 27.000 Euro für jedes Kind in die Kinderbetreuung, an Kindergeld oder anderen finanziellen Leistungen bekommen Familien für ihren Nachwuchs bis zum 17. Lebensjahr aber nur die verhältnismäßig niedrige Summe von 38.000 Euro in direkten Zahlungen oder Steuererleichterungen. Dänemark hat unter allen OECD-Ländern die wenigsten armen Kinder - hier liegt die Quote bei nur 3,7 Prozent (in Deutschland bei 8,3 Prozent). Als arm gilt den Forschern, wer in einer Familie heranwächst, deren Haushaltseinkommen weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt.

Schlecht schneidet Deutschland auch bei den Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern ab: Sie betragen für das Durchschnittseinkommen 25 Prozent, im OECD-Schnitt sind es nur 16 Prozent. Anders in den skandinavischen Ländern. Dort seien Männer und Frauen beruflich und privat durchschnittlich gleichberechtigter - zwar kriegen Frauen hier später Kinder, aber insgesamt ist die Geburtenrate in diesen Ländern höher als in vielen Gesellschaften, in denen traditionelle Geschlechterrollen herrschen.

In Ländern, in denen viele Frauen berufstätig sind, werden weniger Kinder geboren - dieser Zusammenhang besteht laut OECD kaum mehr.

anr/AFP

insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Demokrator2007 27.04.2011
1. Der selbstproduzierte Familienpolitikflop
Zitat von sysopKindergeld, Elterngeld, Steuererleichterungen: Bares vom Staat als Familienförderung bringt wenig, moniert die OECD in ihrem neuen Report. Deutschland liegt der Geburtenrate im Ländervergleich auf einem der letzten Plätze - trotz viel Cash. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,759234,00.html
Dafür liegt das Exportvolumen dank Niedriglohnpolitik auf hohem Niveau. Ein Schelm wer glaubt das könne irgendwie zusammenhängen?
eagle1903 27.04.2011
2.
Schön das man erkannt hat, dass Cash vom Staat nicht unbedingt mehr Kinder bedeutet die eigentliche Frage wird auch von der Studie nicht beantwortet warum werden in Deutschland weniger Kinder geboren als anderswo ? Wenn es das Geld nicht ist, was dann ?
Camarillo Brillo, 27.04.2011
3. ...
Zitat von Demokrator2007Dafür liegt das Exportvolumen dank Niedriglohnpolitik auf hohem Niveau. Ein Schelm wer glaubt das könne irgendwie zusammenhängen?
"Glauben" kann man, also auch Sie, was immer man möchte ... meinetwegen auch an die jungfräuliche Geburt oder daran, dass die Erde eine Scheibe ist ... !!
Bayerr, 27.04.2011
4. Verschwiegen wird,
dass auch das hochgelobte Dänemark mit 1,76 Geburten/Frau weit davon entfernt ist, seine Bevölkerungszahl zu halten. Man schafft sich nur etwas langsamer ab als wir.
braintainment 27.04.2011
5. direkte "Knete" bringt gar nichts!
Geld vom Staat verleitet nur diejenigen zum Kinderkriegen, die beabsichtigen damit ihren Lebensunterhalt dauerhaft zu bestreiten. Die Mittelschicht ist auf dieses Geld nicht vornehmlich angewiesen, hat aber viel mehr Angst davor, dass ihre Kinder keine Perspektive zum Aufstieg oder zumindest zum Verbleib in dieser Mittelschicht erhalten. Ergo, wenn hier Nachwuchs erwünscht ist, müsste sämtliche "Knete" in Kindergärten, Schulen und Universitäten fließen. Ferner wäre das Geld besser in Ganztagsbetreuung, Vereinen, etc. angelegt, als es der oben skizzierten Familie für das x-te Kind auszuzahlen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.