ÖDP-Spitzenkandidat Suttner Reißzwecke unter dem Hintern des bayerischen Löwen

Er war in der CSU, bei den Grünen - und dann gründete er eine grüne CSU: die Ökologisch-Demokratische Partei. Bernhard Suttner wird wohl auch bei dieser Bayernwahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Aber er setzt sowieso auf "direkte Demokratie" - die Kraft des Volksbegehrens.

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Berlin/Windberg – Seit 17 Jahren ist Bernhard Suttner bayerischer Landesvorsitzender der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) und hat immer noch kein Handy. "Das würde mir die letzten Reste meiner Erholungszeiten nehmen." So ist Suttner telefonisch nur erreichbar, wenn er zu Hause in seinem 900-Seelen-Dorf Windberg im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen ist. Und da ist er derzeit selten.

ÖDP-Spitzenkandidat Bernhard Suttner: Gegen "abgehobene und bürgerfremde Politik"
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ÖDP-Spitzenkandidat Bernhard Suttner: Gegen "abgehobene und bürgerfremde Politik"

Suttner tingelt durch Bayern – und das ausschließlich ökologisch korrekt per Bahn. Er fordert für Bayern den Verzicht auf Atomenergie, gentechnikfreie Landwirtschaft und Erziehungsgehalt: Mindestens tausend Euro pro Monat für Eltern in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes.

Familie ist neben Energie das große ÖDP-Thema im Wahlkampf. Suttners Partei tritt in diesem Jahr erstmals mit dem erweiterten Namen "ÖDP/Bündnis für Familien" bei der Landtagswahl an. Als er sich um seine zwei leiblichen Kinder und seinen Pflegesohn kümmerte, gab er "Familienmann" als Hauptberuf an. Hausmann findet er als Begriff unpassend, da er "nicht das Haus, sondern die Menschen" versorgt habe.

Die Grünen in Unfrieden verlassen

Zuvor hatte der Politologe und Pädagoge 13 Jahre als Referent der katholischen Bildungsstätte in Windberg die Jugendarbeit geleitet. Mit 40 Jahren gab er die Stelle auf, weil er "nicht zum Berufsjugendlichen" werden wollte. Mittlerweile verdingt er sich als freiberuflicher Referent in der Erwachsenenbildung.

Seine politische Karriere begann Suttner bei der CSU. 1972 war bei der Jungen Union aktiv. Die verließ er schnell wieder, um im selben Jahr die bayerischen Grünen mitzugründen. Doch nach acht Jahren war Schluss: Wie viele eher konservativ gefärbte Öko-Anhänger ging er in Unfrieden, weil er gegen das "Eindringen kommunistischer Sektierer" und gegen grüne Positionen in der Abtreibungsfrage war - "es gab null Rechtsschutz für ungeborenes Leben".

Auf kurzfristige Diskussionen zu beliebigen Themen wie bei den Freien Wählern lässt sich Suttner nicht ein: "Verlässliche themenorientierte Langzeitpolitik ist das, was zählt." 1981 baute er die ÖDP in Bayern und bundesweit mit auf. Mittlerweile hat die Partei in Deutschland insgesamt 7000 Mitglieder, knapp 4000 davon in Bayern.

Auch ein kleiner Reißnagel kann einen Hintern bewegen

"Was wir mit direkter Demokratie an Fakten gesetzt haben in Bayern, lässt sich sehen", sagt Suttner selbstbewusst. Dabei spricht er wie immer ruhig und besonnen.

Das ÖDP-Wahlplakat zeigt das Verständnis seiner Partei: einen weiß-blauen Löwen, der sich gerade auf eine Reißzwecke setzt. Daneben steht der Spruch: "Auch ein kleiner Reißnagel kann einen großen Hintern bewegen."

Gemeint ist die CSU, die Suttner seit Jahren für ihre "abgehobene und bürgerfremde Politik" angreift. "Wir sind der Stachel im Fleisch der CSU", sagt der Spitzenkandidat.

Per Volksbegehren erreichte der Niederbayer zum Beispiel im Jahr 2000, dass der Senat, die zweite Kammer des Parlaments, abgeschafft wurde. Und das, obwohl sein Vater viele Jahre lang als CSU-Mann selbst Senator war. Suttner erreichte zudem, dass fünf potentielle Standorte für Atomkraftwerke aus dem Landesentwicklungsprogramm gestrichen und der Landtag verkleinert wurde.

Bei den Kommunalwahlen im März nahm die ÖDP der CSU Wähler weg, vor allem bei den jungen katholischen Familien auf dem Land. Suttner sieht seine Partei, die auch grüne CSU genannt wird, im Aufwind: Sie gewann erstmals drei Bürgermeisterposten und hat nun 324 Mandate, eine Steigerung von 33 Prozent im Vergleich zu 2002.

Der Wahl-O-Mat bleibt offline

Bei der Landtagswahl will Suttner "natürlich wie alle kleinen, die Fünfprozenthürde knacken". Das dürfte mehr als schwierig werden. Umfragen sehen die ÖDP bei unter drei Prozent.

Deshalb waren Suttner und seine Öko-Demokraten auch nicht beim Wahl-O-Mat in Bayern dabei, der elektronischen Wahl-Orientierungshilfe der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bayerischen Jugendring. Die ÖDP fühlte sich ausgegrenzt, klagte und hat nun einen vorläufigen Sieg vor dem Verwaltungsgericht München errungen. Das stellte fest, dass die ÖDP nicht weiter ausgeschlossen werden darf.

Ergebnis: Der Wahl-O-Mat bleibt erst einmal offline. "Wir wollten ihn nicht kippen, wir wollten dabei sein", sagt Suttner. Er gibt zu, dass sich das Ganze leichter vorgestellt habe. Ob sich die bayerischen Wähler über das Urteil freuen, ist fraglich: Der Wahl-O-Mat ist sehr beliebt.



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