Öko-Skandal "Kriminelle Vermischung"

Fieberhaft untersuchen die Ermittler in verschiedenen Ländern Eier und Futtermittel auf mögliche Nitrofen-Verseuchung, Hunderttausenden von Tieren droht die Schlachtung. Meldungen, wonach auch in konventionellen Betrieben Nitrofen gefunden wurde, bestätigte das niedersächsische Landwirtschaftministerium nicht.


Bioeier oder nicht? Die Hühner wurden mit Ökofutter gefüttert, die Eier aber ohne Ökosiegel verkauft
DDP

Bioeier oder nicht? Die Hühner wurden mit Ökofutter gefüttert, die Eier aber ohne Ökosiegel verkauft

Berlin - Der Damm schien gebrochen: Der Öko-Skandal sollte nicht mehr nur "öko" sein, das Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen ist bei einem konventionellen Betrieb aufgetaucht. Die Meldungen stimmen und sind gleichzeitig falsch - jedenfalls nach Meinung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Der betroffene Betrieb in der Wesermarsch, bei dem verseuchte Eier festgestellt wurden, verkaufte diese zwar ohne Biosiegel, also konventionell. Doch das Futter für seine Hühner sei ausschließlich Biofutter gewesen, so der Sprecher der niedersächsischen Agrarministeriums, Hanns-Dieter Rosinke. Der Halter habe das Biofuttermittel "günstig bei der GS agri erstanden". Es sei also immer noch kein "echter" konventioneller Betrieb betroffen. Zudem wolle man noch das Ergebnis einer zweiten Probe abwarten, das am Freitag komme. Allerdings bleibt unklar, wieviele weitere "normale" Betriebe verseuchten Ökoweizen bei der GS agri gekauft haben.

Der konventionelle Hof hatte, wie alle betroffenen Betriebe, kontaminiertes Biofutter von dem Futtermittelhersteller GS agri bezogen. Nach ersten Messergebnissen wurden Nitrofen-Belastungen festgestellt, die bis zu achtmal höher als der früher geltende Grenzwert lagen. Der Hof steht - ebenso wie zwei Öko-Hennenbetriebe in Niedersachsen - unter Quarantäne. Sämtliche Tiere werden geschlachtet. In Niedersachsen sind 59 Öko-Betriebe mit insgesamt 350.000 Tieren geschlossen worden. Sie bleiben so lange gesperrt, bis Proben sie entlasten.

In Mecklenburg-Vorpommern haben die Behörden am Donnerstag die endgültigen Ergebnisse aus zunächst fünf gesperrten Öko-Geflügelunternehmen erhalten. Bei zwei Betrieben wurde Entwarnung gegeben, bei den drei anderen mit insgesamt 98.000 Tieren wird die Sperrung aufrechterhalten, weil Nitrofen in Futtermitteln, Eiern, Legehennen und Puten nachgewiesen werden konnte. Ob die Tiere geschlachtet werden, ist noch unklar. Bei den Proben von Futtermitteln wurden Werte von bis zu 2,5 Milligramm Nitrofen je Kilogramm Futter festgestellt. Auch diese Betriebe hatten das Futter ausschließlich bei der GS agri gekauft, so eine Sprecherin des Agrarministeriums. Nach Angaben aus niedersächsischen Behördenkreisen soll der Futtermittelhersteller GS agri noch diese Tage geschlossen werden. Der Firma wird vorgeworfen, trotz alarmierender interner Tests kontaminiertes Futter verkauft zu haben. Wie gegen die GS agri ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg auch gegen einen Geflügelerzeuger. Am Freitag sollen erste Ergebnisse der Untersuchungen bekannt gegeben werden.

Vorläufig gute Nachrichten vermeldet indessen Schleswig-Holstein. Bei der Analyse von Futtermitteln habe man hier noch kein Nitrofen gefunden, sagte die Landwirtschaftsministerin Ingrid Franzen (SPD). Das ergaben 25 Proben bei landwirtschaftlichen Betrieben und bei Mischfutterherstellern. Die Untersuchungen würden allerdings noch ausgeweitet.

Auch in Brandenburg gehen die Untersuchungen voran. Ein Hamburger Privatlabor gab jetzt eine Nitrofen-verseuchte Ökoweizenprobe frei, die angeblich aus einem anfangs verdächtigten Betrieb aus Stegelitz stammen sollte. In dem Betrieb war nach mehreren Tests kein Nitrofen gefunden worden. Mittels eines besonderen Versuchsverfahrens könne man feststellen, aus welcher Region Deutschlands die Probe stamme, so ein Mitarbeiter im Verbraucherministerium. Am Montag erwarte er das Ergebnis.

Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) sieht in dem Öko-Skandal Anhaltspunkte für "kriminelle Machenschaften". Auch der Grünen-Agrarexperte Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf vermutet "eine offensichtlich bewusste, kriminelle Vermischung", sagte er im ZDF. Die Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL) allerdings schließt Sabotage als Ursache nicht aus. Grund sei die "unwahrscheinlich hohe Konzentration", in der das Nitrofen in Öko-Tierfutter entdeckt worden sei, sagte Uli Zerger von der Stiftung. Deswegen könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Substanz in der Landwirtschaft verwendet worden sei. Konkrete Hinweise gebe es aber nicht.

Bis auch die Angaben über die Ausweitung des Skandals nicht konkreter werden, will Tschechien die Einfuhr von deutschem Geflügel und Geflügelprodukten verbieten - für mindestens 14 Tage. Nach Angaben der tschechischen Staatlichen Veterinärverwaltung sei Nitrofen in dem Land seit 15 Jahren verboten.

Die Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) hat unterdessen Rücktrittsforderungen weiter zurückgewiesen. Sie kündigte an, die Reform der Agrarwirtschaft zu beschleunigen. Am Nachmittag trifft sich Künast mit ihren Amtskollegen der betroffenen Länder, um Konsequenzen aus dem Skandal zu besprechen.

Nicole Janz



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