Öko-Skandal Nitrofen auch in Eiern aus konventionellen Höfen

Vom Skandal um verbotene Pflanzenschutzmittel sind nicht mehr nur Öko-Betriebe betroffen. Nitrofen wurde erstmals auch in Eiern aus konventioneller Landwirtschaft festgestellt.


Nitrofen: Nicht nur in Bio-Eiern wurde das Gift entdeckt
DDP

Nitrofen: Nicht nur in Bio-Eiern wurde das Gift entdeckt

Oldenburg - Das Gift sei in einer Vorprobe in Eiern eines Agrarbetriebs in der Wesermarsch gefunden worden, teilte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) in Oldenburg mit. Die Gegenprobe soll am Freitag vorliegen. Der Betrieb hatte Bio-Futter von dem Hersteller GS agri aus Niedersachsen bezogen, der im Verdacht steht, Verursacher des Skandals zu sein.

GS agri soll bewusst Öko-Futtermittel verkauft haben, das mit Nitrofen versetzt war. Die Firma bestreitet die Vorwürfe. Dem Landesagrarministerium zufolge sind in Niedersachsen 59 Ökobetriebe mit über 350.000 Tieren von dem Futtermittelhersteller beliefert worden. Derzeit werden Proben analysiert, die über eine mögliche Schlachtung der Tiere entscheiden.

Die Opposition verlangte unterdessen den Rücktritt von Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast. Vor einer Sondersitzung des Agrarausschusses bezeichnete Künast die Rücktrittsforderungen als "Schmarrn". Nach der Sitzung des Agrarausschusses im Bundestag wird Künast mit ihren Amtskollegen aus den Ländern über mögliche Konsequenzen des Tierfutterskandals beraten. Schon jetzt ist klar, dass in Mecklenburg-Vorpommern voraussichtlich 63.000 vergiftete Legehennen getötet werden.

In Eiern und Geflügelfleischproben in Mecklenburg-Vorpommern waren Spuren des Herbizids Nitrofen entdeckt worden. Agrarminister Till Backhaus (SPD) sagte, die Proben von Bauernhöfen seien damit bis zum 18fachen des Grenzwertes belastet gewesen. Auch die Eier der 63.000 Legehennen müssten vernichtet werden. Es gebe aber keine Anordnung des Landes, sagte eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums. Diese könne nur bei ansteckenden Krankheiten ausgesprochen werden. Den mittlerweile gesperrten Betrieben bleibe aber nichts anderes übrig.

Backhaus ging davon aus, dass belastete Lebensmittel auch in den Verkauf gelangt sein könnten. Es bestehe zwar keine akute Gesundheitsgefährdung, bei dauerhaftem Verzehr der Lebensmittel könne sich das Nitrofen jedoch im Körper anreichern. Das verbotene Unkrautvernichtungsmittel gilt als erbgutverändernd; in Versuchen mit Ratten wirkte es Krebs erregend. Backhaus sagte weiter, Mecklenburg-Vorpommern werde rechtliche Schritte einleiten, da einige zuständige Stellen schon viel früher über die Vorgänge informiert gewesen seien.

Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) sieht in dem Öko-Skandal Anhaltspunkte für "kriminelle Machenschaften". Dagegen sei niemand gefeit. Auch der Grünen-Agrarexperte Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf vermutet "eine offensichtlich bewusste, kriminelle Vermischung", sagte er im ZDF.

Die Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL) allerdings schließt Sabotage als Ursache nicht aus. Grund sei die "unwahrscheinlich hohe Konzentration", in der das Nitrofen in Öko-Tierfutter entdeckt worden sei, sagte Uli Zerger von der Stiftung. Deswegen könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Substanz in der Landwirtschaft verwendet worden sei. Konkrete Anhaltspunkte gebe es jedoch nicht.



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