Attacke auf Bürgermeister in Oersdorf "Demokratie muss wehrhaft sein"

Der Bürgermeister einer schleswig-holsteinischen Gemeinde ist attackiert worden - womöglich, weil er sich für Flüchtlinge einsetzt. Auch nach der Tat gibt es neue Drohungen gegen die Gemeinde. Ein Ort unter Schock.

Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD)
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Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD)

Aus Oersdorf berichten und


"Demokratie muss wehrhaft sein", sagt Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD). Er steht vor dem Gemeindehaus der 900-Einwohner-Gemeinde Oersdorf. Am Donnerstagabend hat nur ein paar Dutzend Meter entfernt ein Unbekannter den Bürgermeister des Ortes mit einem Kantholz niedergeschlagen, noch ist Joachim Kebschull deshalb im Krankenhaus. So etwas darf nicht passieren, sagt Studt.

Jetzt stehen Bürgermeister der Nachbarorte, Gemeindevertreter, Flüchtlingshelfer und Studt vorm Gemeindehaus, um ihre Solidarität mit Kebschull zu bekunden. Sie alle sind erschüttert. Studt wünscht der Gemeinde, "dass man keine Angst haben muss, kommunalpolitisch Verantwortung zu übernehmen".

Oersdorf liegt am Rand des Hamburger Speckgürtels, bei Kaltenkirchen. Gepflegte Häuser, viel Grün, aber auch ein mit Schlaglöchern übersätes Straßenstück - nicht alles ist Idylle in Oersdorf.

Bombendrohungen beim Bauausschuss

Bürgermeister Kebschull war auf dem Weg in die Bauausschuss-Sitzung, als er angegriffen wurde. Für die Oersdorfer stand ein umstrittenes Thema auf der Tagesordnung: Die Gemeinde hat ein Gebäude im Dorfzentrum gekauft und will es sanieren. Vier Wohnungen sollen darin entstehen - vermutlich für Oersdorfer Senioren oder für junge Familien. Vielleicht auch für Flüchtlinge: Das hätte die Oersdorfer Wählervereinigung, der Kebschull angehört, begrüßt. Einen entsprechenden Antrag hatte die Gemeinde im Sommer 2015 allerdings abgelehnt. Um Flüchtlinge, gar um ein Flüchtlingsheim, sollte es an diesem Donnerstag beim Bauausschuss also gar nicht gehen.

Doch der Bürgermeister und andere Beteiligte, darunter die Architektin, hatten wiederholt Drohbriefe erhalten. "Wer nicht hören will, muss fühlen" und "Oersdorf den Oersdorfern", hieß es darin, berichtet die Polizei. Die Kriminalpolizei ermittelt seit Juli und schließt fremdenfeindliche Motive nicht aus. Nach der Tat sind bei der Gemeinde nun auch E-Mails eingegangen, in denen gedroht wird: "Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt", hieß es dort unter anderem.

Schon zweimal musste der Bauausschuss seine Sitzung wegen Bombendrohungen vertagen. Am Donnerstag sollten sechs Polizisten vor Ort für die Sicherheit der Teilnehmer sorgen - der 61-jährige Kebschull wurde außerhalb ihres Sichtfelds angegriffen. Wie das passieren konnte, ob nicht Personenschutz angebracht gewesen sei? Hinterher sei man immer schlauer, sagt Innenminister Studt.

Angst, dass die Grundstückspreise sinken

Das Bauprojekt sorgt ganz ohne Flüchtlingsdebatte für Ärger. Kauf und Modernisierung seien viel zu teuer, erzählt eine Anwohnerin. 280.000 Euro habe die Gemeinde für das marode Gebäude bezahlt, die Sanierung solle jetzt fast 900.000 Euro kosten. Sie vermutet, dass es noch teurer wird. Das sei ja bei Bauprojekten immer so - Elbphilharmonie, Stuttgart 21, man kenne das. Vielleicht, mutmaßt sie, geht es nicht um die Flüchtlinge, sondern allein um das Haus. Schließlich sei es aktuell ja gar nicht um Wohnraum für Flüchtlinge gegangen.

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Es gebe aber im Ort etliche, die nicht wollen, dass hier Flüchtlinge herziehen. Fremdenfeindlichkeit? "Sie fürchten, dass die Grundstückspreise sinken."

Ihren Namen will sie lieber nicht nennen. Auch ein Flüchtlingshelfer aus dem Nachbardorf zögert. Nein, Angst sei ein zu großes Wort. Andererseits - "für so etwas wurde hier gerade jemand niedergeschlagen". Eine andere Anwohnerin meint: "Das gibt bloß Ärger."

Bis jetzt sind keine Flüchtlinge in Oersdorf untergebracht, während das Nachbardorf Kisdorf mehr als 40 aufgenommen hat. Er wurde bisher nicht bedroht, bei ihnen gebe es keine Probleme, sagt der Kisdorfer Bürgermeister Reimer Wisch. Dass jetzt ein Bürgermeister niedergeschlagen wurde, "das macht einen nachdenklich".

Mehrere Flüchtlingshelfer aus Kisdorf berichten von ihren positiven Erfahrungen. Man kriegt alles hin, wenn man nur will, meinen sie. Ein "Wir schaffen das" auf kommunaler Ebene.

Angst machen lassen wollen sie sich nicht.

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