Oettingers gescheiterte Ehe Die neue Kantinen-Mentalität

Trennungen und Scheidungen - für Strauß und Dregger noch undenkbar, für Wulff und Oettinger kein Problem. Unionspolitiker profitieren vom Zerfall der Normen, mit denen sie früher Wahlen gewannen. Doch das "Jeder-wie-er-mag-Verhalten" ist gefährlich für die Konservativen.

Von Franz Walter


Göttingen - Ein christdemokratischer Ministerpräsident erklärt öffentlich, dass er und seine Frau getrennte Wege gehen wollen. Als liberale Menschen sagen wir auch hier: Seine Sache. Und: Ihm, natürlich ebenfalls seiner Frau, alles Gute! Hoffentlich trifft ihn in den nächsten Wochen nicht das, was in den früheren Jahren zuweilen einige Rote und Grüne erlebten, wenngleich politisch ohne allzu negative Folgen. In altchristdemokratischen Kreisen jedenfalls galt das Paarungsverhalten von Fischer und Schröder als verwerflicher Ausdruck einer wertentbundenen unbürgerlichen Lebensweise. Mit der Empörung darüber konnten auch sonst ganz und gar moderne CDU-Strategen die eigenen Kerntruppen verlässlich in die Wahlkämpfe schicken. Damit dürfte es vorbei sein. Mindestens kulturell-lebensweltlich also wird das Land immer mehr zu einer Allparteienkoalition.

Zugleich wird das traditionelle Terrain der Christdemokraten schmaler, da immer weniger Menschen im nachtraditionellen Deutschland noch folgsame Schüler päpstlicher oder episkopaler Moralimperative sind. Diese sozialkulturelle, von den Roten und Grünen kräftig geförderte Entwicklung öffnete den Raum eben auch für christdemokratische Führungsleute, neue Liebes- und Paarbeziehung zu beginnen. In den ersten Jahrzehnten der rheinisch-katholisch geprägten Alt-Bundesrepublik wäre das für einen prominenten CDU-Repräsentanten politisch sehr viel weniger gefahrlos gewesen, weil er damit in den eigenen Reihen und der dort produzierten gesellschaftlichen Normmentalität auf Widerstand und kräftige Ablehnung gestoßen wäre.

Insofern profitieren nun auch christdemokratische Spitzenpolitiker ganz privat von einer Entwicklung, die für die Union auch Probleme bereit hält. Schließlich sind die Vorboten davon bereits seit Ende der neunziger Jahre unschwer zu erkennen. Denn durch die Abschwächung des einst so emotionalisierenden kulturellen Konflikts mit der moralisch als lasziv gekennzeichneten Linken gelingen der CDU keine Kulturkämpfe mehr. Die militante Gesinnungsfront dafür ist zerbröselt. Die normative Basis in der christlichen Anhängerschaft ist nach vielen Jahrzehnten homogener Eintracht gesprengt; die einst tief konservativen Moralüberzeugungen, Ethiken, Glaubensinhalte im Bürgertum Deutschlands haben sich seit den sechziger Jahren gelockert und gelöst. Das junge und mittelalte Bürgertum in Deutschland ging und geht ebenso zweite und dritte Ehen ein, will sich ebenso wenig für alle Zeiten in Partnerschaften, Religionsgemeinschaften und lokalen Sozialkontrollen zwingen und festbinden lassen wie der früher gerade deshalb wütend geächtete linke Gegner. So gesehen hat "68" , zumindest in dieser Beziehung, tatsächlich gewonnen.

Für die CDU als Partei wird es dadurch schwieriger. Man kann es derzeit in Hessen gut beobachten. Gerade hier verstand sich die Union über Jahrzehnte als politische Kampfgemeinschaft. Doch solche Truppen brauchen das fest umrissene Feindbild. Das aber ist eben bestenfalls schemenhaft nur noch zu erkennen, da man sich ihm selbst im Lebensstil den früheren Gegnern weitgehend angenähert hat. Zu den kittenden Feinden der Christlichen Union gehörten einst insbesondere auch die Kritiker des Nationalen, die Polemiker gegen Heimat und Patriotismus. Doch dieser Typus befindet sich heute massenhafter im global agierenden Bürgertum als unter den Schutz- und Protektionssozialisten der eher kleinbürgerlichen Restlinken.

Adieu Bürgertum

Nach dem Niedergang des östlichen Staatssozialismus blieb den Christdemokraten alten Schlages eine Zeitlang noch eine genuine bürgerliche Lebensweise, das distinguierte Kulturelle, das konservativ Moralische. Nun also ist auch das perdu. Die Dämme, welche die Union gegen die Kulturrevolte, den Hedonismus, den libertären Postmaterialismus errichtet hatte, sind gebrochen. Die neue christdemokratische Parteielite hat die Waffen gegen das, was die Filbingers, Strauߒ und Dreggers noch verächtlich den "Zeitgeist" nannten, gestreckt. Die christdemokratischen Anführer goutieren nun selbst, jeder für sich, die Vorzüge bindungsoffenerer Individualität.

Konservativ-katholische Prinzipienorthodoxie ist unter den Führungsfiguren der CDU jedenfalls rar geworden, ohne dass vergleichbar tief wurzelnde, lagerüberspannende Einstellungsmuster an ihre Stelle getreten wären. Die Liberalisierung der Partei war gewiss fällig geworden. Doch sie hat dabei unzweifelhaft zu einer spirituellen Leere geführt. Etwas überspitzt formuliert: In der modernen CDU herrscht normativ gleichsam eine Kantinenmentalität. Man nimmt sich aus den Vitrinen, was kulinarisch jeweils gefällt. Daher fällt auch das neue Programm der CDU so auffällig sammelsurisch aus. Deshalb wirkt die CDU im Jahr 2007 wie eine normativ mäandernde Assoziation, der kaum noch etwas elementar wichtig ist.

Merkwürdig ist das schon. Denn schließlich: In den Tiefenschichten der Gesellschaft wachsen die Bedürfnisse nach Bindung, Zuordnung, Sicherheiten, wenn man so will: nach Verlässlichkeit, Gemeinschaft, Glaubwürdigkeit. Kaum einmal in den letzten vierzig Jahren war das kulturelle Terrain infolgedessen günstiger für eine Politik der Authentizität, der überzeugenden inneren Haltung, der Beheimatung in stabilen Beziehungen und Normen. Doch vagabundieren diese Einstellungen derzeit ohne politsche Repräsentanz durch die Flure der Republik.



insgesamt 9 Beiträge
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Hans58 10.12.2007
1. suum cuique...
Zitat von sysopTrennungen und Scheidungen - für Strauß und Dregger noch undenkbar, für Wulff und Oettinger kein Problem. Unionspolitiker profitieren vom Zerfall der Normen, mit denen sie früher Wahlen gewannen. Doch das "Jeder-wie-er-mag-Verhalten" ist gefährlich für die Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,522377,00.html
...oder wie Du mir, so ich Dir etc. usw... Warum soll es Menschen, die im Licht oder Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, nicht gestattet sein, sich vom Partner zu trennen? Das Familienrecht im BGB ist in den 70er Jahren mit den Stimmen der Konservativen geändert worden, sie dürfen seit her auch daran teilhaben. Im Übrigen ist die Tatsache als solche meiner Meinung nach nicht wert, eine Diskussion im Forum zu eröffnen.
Elfriede 10.12.2007
2. Vorzeige-Ehe
Es ist noch nicht so lang her, als auf Grüne und Rote, die sich aus Ehe- und Partnerschaft verabschiedeten von den Konservativen mit dem moralischen Finger gezeigt wurde. Nun ist die Realität auch in der CDU angekommen. Nur bei Grünen und Roten schaut das Wählerklientel nicht mit Argusaugen auf das Privatleben ihrer politischen Vorbilder. Sondern dort spielt die Qualität der Politik eine größere Rolle, als die Doppelmoral eines CDU-Politikers. Wer weiß, ob Herr Oettinger sein sattes Wahlergebnis bei der Wahl zum Parteivorsitzenden erreicht hätte, wenn dort schon bekannt gewesen wäre, dass er sich von seiner Frau Inken trennen würde. Aber er ist ja evangelisch und nicht katholisch. Kantinen-Mentalität ist das richtige Wort für die Orientierungslosigkeit in der CDU.
kurz&knapp 10.12.2007
3. Neue Beliebigkeit in der Union
Die prinzipienorthodoxen (angeblich christlichen) Wähler schimpfen wie die Rohrspatzen, ... und wählen CDU. Belege? Meine Verwandtschaft!
freqnasty, 10.12.2007
4. hauptsache, der schein bleibt gewahrt...
das große "glück" der CDU liegt im traditionsbewußtsein und mehr oder minder bedingungslosen konformitätsdenken ihrer wähler. deshalb kommt es hier auch nicht zu einer zerfaserung der konservativen, eine art konservatives gegenstück zur linkspartei droht daher nicht zu entstehen. eine menge konservativ denkender menschen, scheint sich auch gar nicht dafür zu interessieren, ob "ihre" politiker die ewig bemühten werte auch leben, hauptsache der schein bleibt erhalten. sehr gut war dies am eva-herman-phänomen zu beobachten. diese dame stieg in diesen schichten zu einer ikone auf, obwohl sie NICHTS, absolut NICHTS von alledem lebt/gelebt hat, was sie selbst propagiert. diese himmelschreinde dissonanz zwischen realität und eigenem anspruch wurde von den betreffenden kreisen gar nicht wahrgenommen. es wäre doch egal, denn das würde nichts daran ändern, daß sie recht habe, hieß es dann immer... deswegen können die wulffs, oettingers oder seehofers privat tun und lassen was sie möchten, ohne dafür von der moralisch konservativen wählerschaft angefeindet zu werden.
Vaterliebe 10.12.2007
5. oder er hat sich für uns geöpfert
Zitat von sysopTrennungen und Scheidungen - für Strauß und Dregger noch undenkbar, für Wulff und Oettinger kein Problem. Unionspolitiker profitieren vom Zerfall der Normen, mit denen sie früher Wahlen gewannen. Doch das "Jeder-wie-er-mag-Verhalten" ist gefährlich für die Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,522377,00.html
Nur weil seine Frau sich von ihm trennen will, heißt lange kein Zerfall des Spitzenpolitikers in die 'Vorzüge bindungsoffenerer Individualität.' Ganz im Gegenteil: Wenn er selbst der verlassene Ehemann ist, wie es sich anhört, dann könnte er sich fortan eher verstärkt für die christlichen Familienwerte einsetzen als umgekehrt. Bitte vorab die eigentliche christliche Lehre wahrnehmen! Wenn die eine Seite in einer Partnerschaft auf Trennung besteht, gestattet der Partner dies doch in aller christlichen Liebe. Siehe z.B. 1.Korinther 7,15 (hier in der Einheitsübersetzung): 'Wenn ... der Ungläubige sich trennen will, soll er es tun. Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht wie ein Sklave gebunden; zu einem Leben in Frieden hat Gott euch berufen.' Die Einwilligung beim Scheidungsantrag heißt nicht Sünde, sondern christliche Liebe. Nicht nur bei den Spitzenpolitikern ist das Phänomen zu beobachten. In manchen Familien kann der Familienvater kaum noch wagen, sich als Jugendtrainer in seinem hiesigen Sportverein aufzutreten, ohne dass er Angst haben muss, von seiner Frau zum Zahlvater degradiert zu werden. Ich denke in diesem Bezug an Colin Powell, der farbige und außerordentlich beliebte amerikanische Politiker, zuletzt Verteidigungsminister, der zuvor haushoch gegen Bush hätte kandidieren können. Er trat nicht bei der Wahl 2000 auf sehr offenbar, weil seine Ehefrau es nicht hinnehmen wollte. Sie trat selbst beim Fernsehsender militant auf, um ihren eigenen Widerstand zur Kandidatur Nachdruck zu verleihen. Schade, wirklich, denn wir hätten ansonsten nicht zuletzt bestimmt keinen Iraq-Krieg. Wenn Herr Oettinger sich dagegen mutvoll für den Dienst beim Land entschied, dann hut ab! Er tat es aus Nächstenliebe für uns alle. Liebe Redaktion, bitte! Nicht den Opfer für sein eigenes Leid beschuldigen!
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