Özdemir gegen Ratzmann Grüne ziehen in den Chefwahlkampf

Abtasten bei den Grünen: Die Parteichefkandidaten Özdemir und Ratzmann haben das erste Vorsprechen vor der Reformerfraktion hinter sich gebracht. Beide punkteten - allerdings machte der "anatolische Schwabe" in der internen Runde die bessere Figur.

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Der Wahlkampf um den frei werdenden Posten im Parteivorsitz der Grünen hat still und heimlich begonnen. An diesem Samstag stellten sich die beiden Kandidaten Cem Özdemir und Volker Ratzmann beim sogenannten Reformertreffen vor. Ohne Öffentlichkeit wollte der Flügel, dessen Mitglieder sich früher Realos nannten, die zwei Kandidaten austesten. Jeder erhielt 20 Minuten Redezeit, danach wurde diskutiert. Ganze drei Stunden haben sich die Reformer für diesen Tagesordnungspunkt gegeben.

Özdemir, Ratzmann: Bodenständig oder technokratisch?
DDP

Özdemir, Ratzmann: Bodenständig oder technokratisch?

Bei dem Vorbereitungstreffen für den Parteitag im November mussten die aus der Republik zahlreich angereisten Politiker zusammenrücken. Es war eng im Tagungsraum in einer Bank in Berlin-Mitte.

Weil das Rennen um die Gunst der Anwesenden fair verlaufen sollte, wurde ausgelost, wer anfangen darf. Der Europapolitiker Cem Özdemir, 42, kam als erster dran. Er wollte mit Vertrautheit punkten und schmückte seine Rede mit persönlichen Anekdoten und Geschichten aus der langen gemeinsamen Vergangenheit mit grünen Bundespolitikern. Anwesende Reformer berichten, er habe gleich am Anfang die Kritik an seiner Kandidatur aufgegriffen. "Wenn ich immer darauf gehört hätte, als die Leute zu mir sagten: 'Du kannst das nicht', wäre ich heute Kfz-Meister in Bad Urach", sagte Özdemir.

Der türkischstämmige Kandidat nannte als einen Themenschwerpunkt die Sicht auf Europa. Man müsse den Menschen die EU näherbringen. Als zweites Steckenpferd beansprucht Özdemir die Ökologie. Er las aus einem von ihm gestellten Antrag vor, mit dem er sich vor fast 20 Jahren für die Rettung von Kletterpflanzen einsetzte. Als drittes wichtiges Thema nannte Özdemir Bildung.

Über den "anatolischen Schwaben", wie Özdemir sich selber nennt, äußerten sich Insider einstimmig: Gut gemacht habe er das. Weltmännisch und humorvoll habe er sich gezeigt. "Der perfekte Mann für den Job", findet eine Bundestagsabgeordnete.

Doch auch Volker Ratzmann, 48, habe sich sehr gut geschlagen, hieß es. Kaum jemand wollte den Kandidaten, der von Bundestagsfraktionschefin Renate Künast ins Spiel gebracht wurde, offen kritisieren. Dennoch scheint seine Performance die Reformer zu teilen: "Bodenständig und sympathisch" sei er rübergekommen, meinten die einen - "technokratisch und unkonkret" die anderen.

Der Rechtsanwalt Ratzmann war den meisten Grünen und bundesweit bisher kaum bekannt. Er kam in die Diskussion, nachdem sich lange Zeit niemand bereit erklärte hatte, den Posten des scheidenden Parteichefs Reinhard Bütikofer zu übernehmen. Es war kein Heimspiel für den Grünen-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus. Ratzmann musste sich beim Reformertreffen regelrecht vorstellen und hielt sich an Allgemeinplätze: Er sprach von "klaren Strukturen", die geschaffen werden müssten, und "mehr Orientierung", die die Partei benötige.

Für Ratzmann hat sich niemand öffentlich bekannt

Der Innenpolitiker verwies auf die bevorstehenden Wahlkämpfe und zählte Fragen auf, die die grüne Politik in Zukunft beschäftigen werden. "Das klang alles eher nach Politbüro", sagte ein Özdemir-Befürworter. Man habe bei Ratzmann gemerkt, dass er zum ersten Mal vor diesen Leuten spricht.

Während Özdemir schon vorher von Länderpolitikern aus Hessen, Bayern und Baden-Württemberg Unterstützung erhielt, haben sich laut Anwesenden während der Reformertagung nur Mitglieder seiner Landespartei für Ratzmann stark gemacht. Irmgard Franke-Dressler, die Vorsitzende der Berliner Grünen, sagte vor und auch nach dem Reformertreffen: "Ich halte Ratzmann für den Richtigen, er ist dafür qualifiziert." Am Samstag habe er wieder seine Kompetenz gezeigt. Falls er Parteichef würde und die Landesfraktion verließe - "das wäre schon schade für uns", sagte Franke-Dressler.

Ob die beiden Kandidaten bisher Unentschlossene von sich überzeugen konnten, bleibt abzuwarten. Das erste Vorsingen in Berlin ist allerdings für die Kandidaten wichtig: Zwar werden die Anwesenden des Reformertreffen auf dem Parteitag in Erfurt nicht zwingend mitentscheiden, wer Nachfolger für Reinhard Bütikofer wird. Doch die Zuhörer im Tagungsraum sind Multiplikatoren, sie haben Einfluss auf ihre Landes- und Kreisverbände. Was sie von diesem Treffen weitergeben, kann im November zur Entscheidung beitragen.

Die Reformer betonen einstimmig, dass die Kampfkandidatur Özdemir gegen Ratzmann für innerparteiliche Demokratie stehe und deshalb gut sei. Dennoch führt sie im Reformerlager zu Unruhe. Denn wenn das Votum der Realos auf dem Parteitag gespalten ist, liegt die Entscheidung über den Realo im Parteivorsitz in den Händen der Linken und Ungebundenen.

Fest steht: Die Ökopartei will mit der Personalie den Neuanfang nach Joschka Fischer besiegeln, dessen Abgang die bislang streng regierten Realos (die sich nun lieber Reformer nennen) in Zugzwang gebracht hat. Bisher konnten sie dem nicht gerecht werden. Deshalb muss der Reformer, der im November Parteichef wird, den Neuanfang verkörpern - neben Claudia Roth, die für den linken Flügel weiter ihren Sitz in der Doppelspitze der Partei beansprucht.



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