Stichwahl um SPD-Vorsitz Jetzt geht es erst richtig los

Die Favoriten sind in der Stichwahl - aber es war knapp. SPD-Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Geywitz stehen nach der Mitgliederbefragung auf Platz eins. Ihre Herausforderer müssen angreifen.

Die Kandidatenpaare Norbert Walter-Borjans (l.) und Saskia Esken sowie Klara Geywitz und Olaf Scholz freuen sich über den Einzug in die Stichwahl
Jörg Carstensen/dpa

Die Kandidatenpaare Norbert Walter-Borjans (l.) und Saskia Esken sowie Klara Geywitz und Olaf Scholz freuen sich über den Einzug in die Stichwahl

Von


Der lauteste Jubel im Willy-Brandt-Haus bricht am Samstagabend aus, als das Ergebnis der Zweitplatzierten verkündet wird. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans bekamen 21 Prozent der Stimmen - knapp 45.000 Sozialdemokraten votierten für die beiden.

Olaf Scholz und Klara Geywitz landeten auf Platz eins, sie wurden ihrer Favoritenrolle gerecht. Aber Esken und Walter-Borjans sind nur knapp dahinter, rund 3500 Stimmen liegen zwischen den beiden Teams, die nun in der Stichwahl den SPD-Vorsitz unter sich ausmachen.

Esken war die Freude schon vor der Verkündung des Ergebnisses anzusehen. Am Rand der Bühne in der SPD-Zentrale strahlte die Bundestagsabgeordnete über das ganze Gesicht und knuffte Walter-Borjans enthusiastisch in den Oberarm. Der ehemalige Finanzminister von Nordrhein-Westfalen gab sich zunächst gelassener. Nach den ersten TV-Interviews zeigte dann auch er Emotionen und umarmte seinen Wahlkampfmanager und weitere Vertraute begeistert.

Die erste Runde des Kandidatenrennens der SPD ist vorbei. Die Sensation, ein Ausscheiden von Scholz, ist ausgeblieben. Interimschefin Malu Dreyer und Generalsekretär Lars Klingbeil lobten das Verfahren an diesem Abend überschwänglich: Die Mühe habe sich gelohnt, die SPD verändere sich und habe, so Klingbeil, Leidenschaft gezeigt.

Doch die Wahlbeteiligung war eher mau. Gerade mal 53 Prozent der SPD-Mitglieder haben abgestimmt. Angesichts der Erwartungen, die die Parteispitze selbst geschürt hat, ist das wenig berauschend - auch wenn die Genossen darauf hinweisen, dass sich bei den Grünen 2017 auch nur 59 Prozent der Mitglieder an der Urwahl der Spitzenkandidaten beteiligten.

Aber in der SPD selbst gab es vor anderthalb Jahren noch deutlich mehr Engagement: Bei der GroKo-Entscheidung im Frühjahr 2018 gaben 76 Prozent der SPD-Mitglieder ihre Stimme ab. Diesmal hielt sich die Begeisterung der Partei offenkundig in Grenzen. Was auch an den Kandidaten liegen dürfte.

In den vergangenen Tagen fürchteten einige in der SPD sogar, die Beteiligung könne unter 50 Prozent liegen. So schlimm kam es nicht. Trotzdem bleibt zu konstatieren, dass knapp 47 Prozent der Genossen auf die Möglichkeit verzichteten, ihre neuen Vorsitzenden zu wählen.

Scholz gegen Polarisierung

Die Frage ist nun, ob bei der Stichwahl wirklich mehr Mitglieder mitmachen, wovon die Parteispitze ausgeht. Es ist jedoch auch möglich, dass die Beteiligung im November noch deutlich sinkt. Das könnte passieren, wenn jene Sozialdemokraten, die diesmal Ralf Stegner, Christina Kampmann oder Karl Lauterbach gewählt haben, keinen der beiden Duos in der Stichwahl überzeugend finden - und es keine Zuspitzung gibt.

Für Scholz und Geywitz könnte das nicht so schlecht sein. Sie stehen für den aktuellen Kurs der Partei und haben ihre Unterstützer im Lager der Pragmatiker, die dafür sind, in der Großen Koalition zu bleiben. "Wir brauchen eine starke SPD, die sich was traut, die sich auch traut, Wahlen zu gewinnen", sagte Scholz am Samstagabend. Er wolle nicht polarisieren, sondern die SPD zusammenführen. In der Stichwahl solle "jeder für sich werben und nicht gegen andere".

Kühnert sieht Richtungsentscheidung

Dieser Kurs - keine Polarisierung, keine Konfrontation der Duos - ist für Esken und Walter-Borjans gefährlich. Sie dürften nur eine Chance haben, wenn sie angreifen und zeigen, was sie eigentlich anders machen, wie sie die SPD verändern wollen.

Einer, der die Herausforderer unterstützt, gab schon mal den Kurs vor. Vor der Partei liege eine "Richtungsentscheidung", schrieb Juso-Chef Kevin Kühnert bei Twitter. Für ihn wie auch für Saskia Esken steht fest: Die SPD soll die Große Koalition verlassen. Sie sehe "eigentlich keine Chance", sagte Esken, mit der Union eine gemeinsame Ebene für anstehende Themen zu finden.

Walter-Borjans dagegen hat sich noch nicht festgelegt. Der 67-Jährige übt ebenfalls deutliche Kritik an der GroKo. Er sagt aber auch, er gebe die Hoffnung nicht auf. Der ehemalige NRW-Finanzminister will versuchen, Scholz inhaltlich zu stellen - mit Forderungen nach einem linkeren Kurs, etwa in der Steuer- und Wirtschaftspolitik.

Doch dass er diesen Kurs ohne klares Plädoyer für oder gegen die GroKo durchhalten kann, erscheint unwahrscheinlich. Die richtige Auseinandersetzung in der SPD hat gerade erst begonnen.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saaman 26.10.2019
1. Das Ergebnis zeigt die Tragik der SPD
Da treten 6 Paare an und keines davon erreicht 25 Prozent. Die SPD kommt so nicht auf die Beine. Der SPD fehlt die eine charismatische Persönlichkeit, die für Aufwind sorgt. Unter den beiden Paaren ist sie nicht. Unter den anderen Paaren habe ich auch keine Lichtgestalt erkannt. Die Partei weiß nicht was sie will. Und das ist für Wähler unattraktiv.
Schartin Mulz 26.10.2019
2. Wenn
es so viele Kandidaten gibt, ist es logisch, dass die einzelnen Ergebnisse nicht so hoch sind. Als Schulz alleine angetreten ist, bekam er 100 %. Genutzt hat es nichts. Jetzt muss man die Stichwahl abwarten. Und da finde ich die Auswahl zwischen Scholz/Geywitz und Walter-Borjans/Esken allemal besser als zwischen Karrenbauer und Merz.
Weltfinanzexperte 26.10.2019
3. Herrlich, eine unverbrauchte Personalie wie Olaf Scholz...
...wird der SPD sicherlich helfen, sich aus ihrem selbstverschuldeten Tief herauszuarbeiten. Man kann förmlich spüren, wie dieser Mann für Wandel und Erneuerung steht. Und er hat ja in der Vergangenheit auch bewiesen, dass er für die ureigenen S(!)PD-Themen brennt.
der Pöter 26.10.2019
4. Hey, SPD!
Willst Du nun überleben oder nicht!? Weder Borjahn oder, noch schlimmer, dieser Scholz wird Dich aus dem Schlamassel, in du eh schon feststeckst, jemals wieder rausholen. Mit solch langweiligen Typen kannst Du es vergessen. Aber Deine Mitglieder wollen ja nicht hören. Also, aufhören mit dem Gejammere und Dich abschaffen .
meckel.ulrich 26.10.2019
5. nicht schlechtreden
die Wahlbeteiligung ist OK, wenn man berücksichtigt, dass das Bewerberfeld recht groß war und dass deshalb mancher sich überfordert fühlte, eine begründete Entscheidung zu treffen. Das Rennen ist weiter offen und die Mitglieder dürfen entscheiden. Das ist doch gut.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.