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Anna Clauß

Sommerurlaub in der Krise Missgunst, mach mal Pause

Anna Clauß
Eine Kolumne von Anna Clauß
Zum ersten Mal seit 40 Jahren macht ein Kanzler Sommerurlaub in Deutschland. Das passt zum Zeitgeist, zu Verzicht und Nachhaltigkeit. Offenbart aber auch einen Blick in den Abgrund der deutschen Seele.
aus DER SPIEGEL 30/2022
Carpe diem sieht anders aus: Olaf Scholz beim Wandern und Telefonieren im Allgäu-Urlaub

Carpe diem sieht anders aus: Olaf Scholz beim Wandern und Telefonieren im Allgäu-Urlaub

Foto: Theo Klein / BILD

Zu heiß, zu voll, zu teuer. Sommerurlaub war schon immer die Hölle. Dieses Jahr aber ist es besonders schlimm. Eine Art Bermudadreieck aus Ukrainekrise, Klimakrise und Coronakrise sorgt für einen perfekten Sturm auf dem Reisemarkt.

Alle wollen weg, kaum jemand kommt mitsamt Koffern an einem halbwegs bezahlbaren Ort an. Wer es doch geschafft hat, den plagt das schlechte Gewissen: Hätte man die dreistellige Summe für das mittelmäßige Hotel in Kroatien nicht besser zurücklegen sollen zur Begleichung der nächsten Gasrechnung? Tragen die Emissionen des Charterflugs nach Mallorca zur nächsten Jahrhundertflut oder Rekord-Hitzewelle bei? Finanziert die Gaskartusche des Campingkochers Putins Krieg? Und darf man es sich überhaupt in der Fremde gut gehen lassen, wenn an Europas Rand Menschen um ihre Heimat und um ihr Leben fürchten?

Aus: DER SPIEGEL 30/2022

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Der Kanzler hat in der Not die Tugend der Genügsamkeit erkannt. Statt in die Ferne zu reisen, brach Olaf Scholz diese Woche zur Sommerfrische ins beschauliche Allgäu auf. Verzicht lautet schließlich das Gebot der Stunde. Weniger statt Meer! Die »Bild« jubelte: »Nach 40 Jahren hat Deutschland wieder einen Kanzler, der die großen Ferien in der deutschen Heimat verbringt!«

Die grünen Wiesen des Allgäus halten ohne jeden Zweifel mit Hollywoods Hügeln und denen des Auenlandes mit. Die Allgäuer Kässpätzle jeder mittelmäßigen Dorfkneipe können es locker mit der Sylter Sterneküche aufnehmen. Dennoch wäre ein deutscher Kanzler, der auf bayerische Bodenständigkeit steht, in anderen Zeiten wohl für seine fehlende Abenteuerlust oder die Liebe zur Provinz belächelt worden. Gerhard Schröder verbrachte seinen Sommerurlaub gern am Strand in Italien. Dolce vita aber ist außer Mode.

Eigentlich ist das schade. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der sich niemand mehr etwas gönnen darf? In der Ministerpräsidenten nur noch in der Heimat entspannen dürfen und für Aufsehen sorgen, wenn sie, wie Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke , Sommerurlaub an der Nordsee statt an der Ostsee planen? Möchten wir, dass deutsche Finanzminister künftig mit Birkenstocksandalen und Mettigel-Torte an der nächsten Autobahnraststätte heiraten?

Der Jubel über Scholz´ bodenständig wirkenden Sommerurlaub hat auch etwas Beängstigendes. Weil er nämlich die Renaissance einer gewissen Blockwartmentalität ankündigt. Freude über die Disziplin der anderen ist ein sonderbares, typisch deutsches Hochgefühl, das nach dem Zweiten Weltkrieg gern hätte aussterben dürfen.

Sicher wäre dem Klima, der Pandemiebekämpfung, dem Kofferchaos, den lokalen Dorfkneipen und der heimischen Wirtschaft geholfen, würden wir alle die Krise des Sommerurlaubs dazu nutzen, daheim in Deutschland zu bleiben. Wir können aber auch Verzicht üben, indem wir unserem Neid, unserer Missgunst und unserem schlechten Gewissen ein paar Wochen lang Hitzefrei geben.

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