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Anna Clauß

Kanzler Scholz und die Ein-Wort-Antwort War das hanseatischer Humor – oder Arroganz?

Anna Clauß
Eine Kolumne von Anna Clauß
»Ja« – mehr kam nicht auf die Frage einer Journalistin an den Bundeskanzler. Was hinter Olaf Scholz' verbaler Arbeitsverweigerung nach dem G7-Gipfel stecken könnte.
aus DER SPIEGEL 27/2022
Wahlplakat zur Bundestagswahl 2021: Respekt für dich?

Wahlplakat zur Bundestagswahl 2021: Respekt für dich?

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Revierfoto / imago images

Klimaklub gegründet! Ölpreisdeckel gezimmert! Milliarden gegen den Hunger gesammelt! Das Zusammentreffen der mächtigsten Demokratieverfechter der Welt auf dem G7-Gipfel in Elmau hat zu beachtlichen Absichtserklärungen geführt. Und einen überraschenden Blick hinter die harmlos wirkende Grinsekater-Fassade des deutschen Kanzlers ermöglicht.

Ob Olaf Scholz die versprochenen Sicherheits­garantien für die Ukraine konkretisieren könnte, wollte die Journalistin Rosalia Romaniec auf der Abschlusspressekonferenz wissen. Scholz antwortete mit: »Ja.« Dann entschloss er sich zu einer Kunstpause, bevor er ein »Könnte ich« hinter­herschob. Hüsteln im Publikum, verschmitztes Lächeln am Rednerpult. Dann endlich konkretisierte der Kanzler: »Das war's.«

Aus: DER SPIEGEL 27/2022
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[M]: J.H. Darchinger / Friedrich-Ebert-Stiftung; Getty Images

Angst vor dem Abstieg

Deutschland steht vor der größten Krise der Nachkriegszeit. Pandemie, Ukrainekrieg und Inflation bedrohen den Wohlstand. Deshalb will die Regierung die Bürger entlasten. Aber die Gefahr ist groß, dass alles noch schlimmer wird. Und es ist umstritten, wer von den Maßnahmen profitieren soll.

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Keine Antwort ist auch eine Antwort, heißt es. In der Tat drängen sich mehrere Interpretationsmöglichkeiten für Scholz' verbale Arbeitsverweigerung auf.

Es könnte zum Beispiel sein, dass der Kanzler aufs Klo musste und sich deshalb dazu entschloss, eine Frage, die so ähnlich kurz zuvor bereits gestellt worden war, nicht erneut lang und ausweichend zu beantworten. Als politische Korrespondentin, die viel Lebenszeit mit dem Entziffern nichtssagender Politiker-Schachtelsätze verloren hat, könnte man Scholz' Schmallippigkeit als Mut zum Klartext begrüßen.

Noch mutiger wäre Scholz allerdings gewesen, hätte er zugegeben, dass es Sicherheitsgarantien für die Ukraine derzeit nur im Konjunktiv gibt, also in der Realität womöglich nie geben wird.

Könnte es sein, dass der Kanzler also schlicht gelogen hat? Könnte man gar behaupten, dass es sich bei Olaf Scholz um den arrogantesten Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik handelt? Könnte es sein, dass seine Forderungen nach mehr Respekt kurz vor der Bundestagswahl nicht mehr als ein gelungener Wahlkampf-Gag waren? Könnte es sich bei Scholz' Kanzlerkampagne um hanseatischen Humor gehandelt haben, den das Deutschland außerhalb Hamburgs als Politikangebot auf Augenhöhe missverstanden hat? Könnte es sich bei Scholz' Auftreten gar um eine Demonstration von Gefühllosigkeit, Härte und Aggressivität gehandelt haben?

Am Ende spielt es keine große Rolle, was Scholz dazu getrieben hat, vor laufenden Kameras eine Journalistin zu verhöhnen. Er mag sich für witzig, schlagfertig und sowieso schlauer als alle anderen zusammen halten. Tatsächlich wirkt sein Auftritt, als Clip in den sozialen Medien mittlerweile tausendfach verbreitet, in erster Linie peinlich. So also präsentiert sich der deutsche Bundeskanzler, der dem globalen Publikum ja noch neu ist. Das ist seine Art, mit einer Frau umzugehen, die doch nur ihren Job macht?

Dabei könnte Olaf Scholz doch souverän, menschlich oder herzlich auftreten. Könnte er? Vielleicht kann er es einfach nicht.

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