Das zweite Leben Was wurde aus Ole von Beust?

Fast ein Jahrzehnt lang regierte Ole von Beust Hamburg. Dann änderte er sein Leben radikal. Wie geht es ihm heute?

Ole von Beust
Claus Hecking

Ole von Beust

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"In Berlin stehe ich nicht mehr unter Dauerbeobachtung", sagt Ole von Beust. "Hier kann man mal nachts bei Rot über die Straße gehen, ohne dass ein Leserreporter das fotografiert." Und hier kann Hamburgs langjähriger Bürgermeister auch vor der U-Bahn-Haltestelle Stadtmitte für Fotos posieren, ohne dass ein einziger Passant sich nach ihm umdreht. Dabei sieht von Beust fast noch genauso aus wie früher: leicht gebräunter Teint, strahlende, blaue Augen, ein gewinnendes Lächeln. Ein paar Falten hat er dazubekommen, er ist jetzt 62. Ziemlich jung für einen Ex-Politiker.

Ole von Beust ist jetzt halber Berliner. Der Mann, der fast ein Jahrzehnt lang Hamburg regierte und zur Stadt gehörte wie Franzbrötchen und Nieselregen, verbringt etwa die Hälfte seiner Zeit in der Hauptstadt. 2014 ist er eingezogen in eine Dachgeschosswohnung am Spittelmarkt, zusammen mit seinem 36 Jahre jüngeren Lebenspartner Lukas Förster. Weil er "Lust auf eine andere Stadt hatte", wie er sagt. Und weil er hier sein täglich Brot verdient: als Chef und Miteigentümer des Beratungshauses Ole von Beust Consulting in der Friedrichstraße. Seine neue Rolle hat ihm schon einige Kritik eingebracht: Bis vor Kurzem stand er auf der Payroll der türkischen Regierung.

"Ich bin jetzt Lobbyist", sagt er. "Und ich finde das überhaupt nicht schlimm." Von Beust hat die Seiten gewechselt. Wie weit geht er ?

Heute ist er bezahlter Einflussnehmer, spricht bei Politikern vor, stellt ihnen die Sichtweise seiner Auftraggeber dar und versucht, sie dazu zu bringen, im Sinne seiner Kunden zu entscheiden. Früher sind solche Leute immer bei ihm aufgeschlagen: Damals, als er noch selbst Hamburgs Geschicke lenkte.

Neun Jahre lang war "Ole", wie ihn alle nannten, Bürgermeister von Hamburg. Und er war immer mehr als ein Regionalfürst: der Mann, der eigentlich Carl-Friedrich Arp Freiherr von Beust hieß und mit 18 den kurzen Namen beim Standesamt eintragen ließ. Schon vor dem ersten Tag seiner Amtsübernahme im Jahr 2001 machte der CDU-Politiker bundesweit Schlagzeilen.

Hamburgs ehemaliger Innensenator Ronald Schill, Bürgermeister von Beust (2002)
DPA

Hamburgs ehemaliger Innensenator Ronald Schill, Bürgermeister von Beust (2002)

Für den Machtwechsel nach 44 Jahren SPD-Vorherrschaft ließ sich der auf eine Koalition mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill ein. Zwei Jahre später feuerte er Schill, nachdem dieser gedroht hatte, ein angebliches Verhältnis von Beusts mit dem Justizsenator Roger Kusch öffentlich zu machen. Kurz darauf outete sein eigener Vater den Bürgermeister als homosexuell. Und von Beust? Gewann bei der Neuwahl 2004 mit seiner CDU satte 21 Prozentpunkte dazu. Das war bundesdeutscher Rekord.

Danach regierte der Strahlemann durch. "Metropole Hamburg - Wachsende Stadt" nannte von Beust sein Programm, das vor allem die Wirtschaft stärken sollte. Privatisierung von Hafen, Krankenhäusern und dem Stromversorger, Ausbau des Hafens, der Bau der Elbphilharmonie oder die Verlängerung der Start- und Landebahn des Flughafens des Airbus-Werks auf Kosten eines Naturschutzgebiets - all die hochkontroversen Beschlüsse fielen in seine Ägide. Und dennoch war der Blondschopf jahrelang der beliebteste Politiker Hamburgs. Auch, weil von Beust lockerer, liberaler, unkonventioneller war als die meisten CDU-Leute.

2008 schrieb er wieder Polit-Geschichte - und schmiedete das erste schwarz-grüne Bündnis auf Landesebene. Ökonomie und Ökologie sollten fortan "zusammen gedacht" werden, versprach der CDU-Mann. Aber die Grünen hatten in der Koalition nicht viel zu sagen, der Chef trieb den Bau eines Kohlekraftwerks wie auch die Vertiefung der Elbe für besonders dicke Containerschiffe voran. Als Schwarz-Grün 2009 in der Finanzkrise Milliarden Steuergelder in die Rettung der HSH Nordbank pumpte, sank von Beusts Stern. Und als die Hamburger Bürger im Juli 2010 per Volksentscheid gegen seine Schulreform stimmten, schmiss er hin: mitten in der Legislaturperiode. "Ich finde, irgendwann hat sich ein Berufspolitiker verbraucht. Dann wiederholt sich alles", begründete er den Rücktritt.

Damals war er gerade 55, hatte Anspruch auf Altersvorsorge, aber keine Lust auf Vorruhestand. Also beschloss er, Lobbyist zu werden. "Man kann sagen: Ich bin durch die Drehtür gegangen. Aber was wollen Sie machen als Ex-Politiker?", verteidigt er sich. "Ich hatte 17 Jahre lang meinen Beruf als Rechtsanwalt nicht ausgeübt. Da sind Sie erst mal draußen."

Sein Lobbyisten-Geschäft läuft gut. Von Beust hat noch jede Menge Kontakte - und einen bekannten Namen. "Wenn ich für die Klienten anrufe, kriegen wir immer ein Gespräch, aber nicht den Erfolg", sagt er. Er macht keinen Hehl draus, dass er den Job auch wegen des Geldes macht. Nach eigenen Angaben verdient er mehr als früher in der Politik.

Für gutes Geld hat er vier Jahre lang auch die Interessen der türkischen Regierung vertreten. 2012 heuerte ihn die staatliche Investitionsagentur ISPAT an; der Ex-Bürgermeister sollte mit seinem guten Namen deutsche Firmen überzeugen, in der Türkei zu produzieren. Mitte 2013 wurde das Engagement heikel: Da ließ Recep Tayyip Erdogan die Proteste in Istanbuls Gezi-Park zusammenknüppeln. Und von Beust machte weiter.

Hat er in dieser Zeit nie drüber nachgedacht, ob es richtig ist, weiter Erdogans Interessen zu vertreten? "Doch, aber dann dürfte man mit 70 Prozent der Länder der Welt nicht zusammenarbeiten. Das ist ein übertriebener moralischer Anspruch", antwortet von Beust. Altkanzler Gerhard Schröder sei auch für den russischen Staatskonzern Gazprom tätig. Zudem stabilisiere internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit oft die Demokratisierungsprozesse.

In der Türkei wurde Erdogan allerdings immer autoritärer, und von Beust promotete weiter. "Wir alle dachten damals, dass es besser wird", rechtfertigt er sich. "Aber dann kam der Putsch, und alles wurde schlimmer." Im Oktober 2016 äußerte sich von Beust in einem Interview erstmals öffentlich kritisch gegenüber Erdogan. Kurz darauf beendete die Investitionsagentur die Zusammenarbeit mit ihm. Von Beust schließt nicht aus, dass er eines Tages wieder für sie arbeiten wird.

Wie steht er zu seiner Heimatstadt? Dieses Jahr haben sich die Blicke auf Hamburg gerichtet: erst die Eröffnung der sündhaft teuren, wunderschönen Elbphilharmonie. Dann G20, die Krawalle, die Bilder brennender Straßen und geplünderter Supermärkte. "Mich schmerzt, was in meiner Stadt passiert ist. Die Großzügigkeit der Hamburger ist von Gewalttätern ausgenutzt und missbraucht worden. Und als die Menschen die Polizei brauchten, war sie nicht da", sagt von Beust. "Der Alltag wird zurückkommen, aber das geht schon tief in die Seele rein. Ich fürchte, G20 wird eines der Ereignisse, das die Hamburger lange prägt, ähnlich wie die Sturmflut von 1962." Grundsätzlich sei es nicht falsch, solche Gipfel in Großstädten zu veranstalten, sagt von Beust - nur sie könnten die Tausenden Delegierten beherbergen.

Jenseits von G20 zieht Hamburg Menschen an. Der Tourismus boomt, die Einwohnerzahl wächst. Von Beust selbst hat vor Ort immer noch seine Altbauwohnung und ein Büro, er verbringt hier in etwa genauso viel Zeit wie in Berlin. Aber er blickt mit Distanz auf seine Stadt. "Hamburg ist wohl keine echte Weltstadt. Die Hamburger neigen zur Selbstzufriedenheit." Die Stadt sei zwar gelassener als Berlin, aber auch gesättigter. "Hier gibt es 300 Leute, die die Gesellschaft ausmachen oder das meinen. Mir fehlt der Diskurs über die Zukunft: Wo will Hamburg hin?"

Und dann breitet von Beust seine eigenen Ideen aus. Etwa die, Hamburg als eine Art Tor von Deutschland nach Skandinavien zu vermarkten, als Teil einer Region mit Kopenhagen und Malmö. Oder Hamburg und Berlin stärker miteinander zu verbinden, mit gemeinsamen Konzepten für Kunst und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft.

Wenn von Beust in seinen Visionen schwelgt, wirkt er wieder wie der Macher von früher, der viel anfing und wenig zu Ende führte. Kaum zu glauben, dass ihn der Lobbyisten-Job ausfüllt. "Als Bürgermeister hatte ich mehr Durchschlagskraft, da konnte ich selbst gestalten, das war befriedigend", räumt er ein. "Manchmal denke ich: 'Wäre es nicht schön, meine ganze Energie auf ein bestimmtes Ziel zu konzentrieren?' Aber dann sind Sie auch Sklave dieser Aufgabe. Wenn Sie für eine Sache brennen, können Sie dabei selbst schnell verbrennen."

Ein Comeback in die Politik schließt von Beust aus. Stattdessen will er sein Beratungsunternehmen weiter ausbauen, will Herr über seinen Terminkalender bleiben: mal arbeiten, mal das Leben genießen, wann und wie er es will. Manchmal geht er schon um vier in sein neues Zuhause, hinaus auf die Dachterrasse. Dann verwirklicht er seinen persönlichen Traum von Entspannung: "In der Sonne liegen, ein Glas kühlen Weißwein trinken und Donald Duck lesen." Er hat sich für den einfachen Weg entschieden. Davon abweichen kann er ja immer noch.



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