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Olympia 1972: Attentat beim Sportfest

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Olympia-Attentat 1972 Behörden vertuschten Ausmaß ihres Versagens

17 Menschen starben 1972 bei dem Anschlag auf die Olympischen Spiele in München - auch wegen des Fehlverhaltens deutscher Behörden. Nach Informationen des SPIEGEL haben die Bundesregierung und die bayerische Landesregierung das Ausmaß ihres Versagens bis heute verheimlicht.

Die Bundesregierung und die bayerische Landesregierung haben bei dem Anschlag auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München massive Fehler begangen - und ihren wahren Umfang bis heute geheim gehalten. Das belegen bislang geheime Vermerke und Berichte der Ermittlungsbehörden, Botschaftsdepeschen und Kabinettsprotokolle. Nun haben das Kanzleramt, das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz sowie das Auswärtige Amt diese Dokumente auf Antrag des SPIEGEL freigegeben.

Bei dem Überfall durch palästinensische Terroristen am 5. September 1972 waren elf Mitglieder der israelischen Olympiadelegation und ein deutscher Polizist ermordet worden. Von den acht Terroristen überlebten nur drei einen misslungenen Befreiungsversuch durch Polizisten auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck.

Bereits am 7. September, einen Tag nach der Trauerfeier für die Opfer im Münchner Olympiastadion, hatte ein Beamter des Auswärtigen Amts in einer Vorlage für eine Sondersitzung des Bundeskabinetts jene Linie vorgegeben, die fortan offenbar die Maxime der Regierungen in Bonn und München war: "Gegenseitige Beschuldigungen müssen vermieden werden. Auch keine Selbstkritik."

Schlecht vorbereitete Dilettantentruppe

Wie sehr die Verantwortlichen diesen Rat befolgten, zeigt die offizielle Dokumentation der Bundesregierung und der bayerischen Landesregierung. Darin ist von der "Präzision" die Rede, mit der die Attentäter "ihr Vorhaben ausgeführt" hätten. Dabei wussten die Behörden, dass es sich bei dem Kommando Schwarzer September um eine schlecht vorbereitete Dilettantentruppe handelte, die schon Probleme hatte, Hotelzimmer in München zu finden.

Am Tag des Anschlags waren die Palästinenser zunächst sogar an den Apartments der Israelis im Olympischen Dorf vorbeigelaufen und in einer der oberen Etagen auf Sportler aus Hongkong getroffen. In einer "Analytischen Auswertung" des Anschlags hielt die Münchner Kripo später sogar explizit fest, die Attentäter hätten "vor dem Angriff keine präzise Erkundung betrieben". Doch davon erfuhr die Öffentlichkeit nichts.

Auch über die Tatsache, dass die Münchner Staatsanwaltschaft damals gegen den Polizeipräsidenten Manfred Schreiber und seinen Einsatzleiter wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelte, findet sich in der Dokumentation kein Wort.

Ebenfalls unerwähnt bleibt, dass es vor den Spielen Hinweise und Warnungen gab, die so konkret waren, dass kaum nachvollziehbar ist, warum sie ignoriert wurden. So meldete die deutsche Botschaft in Beirut am 14. August 1972, ein Vertrauensmann habe gehört, dass "von palästinensischer Seite während der Olympischen Spiele in München ein Zwischenfall inszeniert wird". Vier Tag später leitete das Außenministerium die Warnung an den Verfassungsschutz in Bayern weiter, samt der Empfehlung, "alle im Rahmen des Möglichen liegenden Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen".

Selbst eine Illustrierte warnte vor Attentat

Die Sicherheitsbehörden registrierten nicht einmal, was in Zeitungen zu lesen war. Am 2. September, drei Tage vor der Geiselnahme, berichtete die italienische Illustrierte "Gente", Terroristen des Schwarzen September planten "eine aufsehenerregende Tat bei den Olympischen Spielen". Zwei Tage nach dem Blutbad in München und Fürstenfeldbruck wurde die Warnung aktenkundig - durch einem Hinweis der Hamburger Kriminalpolizei.

Allem Anschein nach haben damals Verantwortliche laut SPIEGEL sogar versucht, Belege ihres Versagens verschwinden zu lassen. Wenige Tage nach der Katastrophe von Fürstenfeldbruck beschlagnahmte ein Kriminaloberkommissar 26 ausgearbeitete Krisenszenarien des Münchner Polizeipsychologen Georg Sieber, die dieser im Rahmen der Vorbereitungen eines Sicherheitskonzepts für die Olympischen Spiele erstellt hatte. Eines der Szenarien: der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos auf das Olympische Dorf.

Als das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz nach dem Material fragte, antwortete ein Beamter des Polizeipräsidiums: "Es ist zwar richtig, dass von Herrn Sieber im Rahmen der Vorbereitungsseminare Thesen und Hypothesen aufgezeigt worden sind und auch besprochen wurden. Schriftliche Unterlagen darüber sind jedoch beim Polizeipräsidium München nicht vorhanden." Sie sind bis heute unauffindbar.