Olympia 2018 Ja zum Schallschutz

Die Bürger von Garmisch-Partenkirchen haben sich mit knapper Mehrheit für die mögliche Austragung der Olympischen Winterspiele 2018 in ihrer Gemeinde ausgesprochen - aber glühende Anhänger des Sportfests sind sie deshalb noch lange nicht. Es geht ihnen um etwas ganz anderes: Tunnel.

Bekenntnis an einem Gartentor: Ja zu Olympia in Garmisch-Partenkirchen
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Bekenntnis an einem Gartentor: Ja zu Olympia in Garmisch-Partenkirchen

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Die Olympia-Befürworter in Garmisch-Partenkirchen feiern nach dem Bürgerentscheid am Sonntag das knappe Votum für die Winterspiele. Doch wer nun denkt, die Mehrheit sei wirklich für das gigantische Sportfest, dürfte sich irren. Viele haben auch deshalb zugestimmt, weil nur mit Olympia die Milliarden für vier Tunnel in den von Auto-Abgasen geplagten Tourismusort fließen.

Dass es knapp wird, wusste man seit Wochen. Nun hat Garmisch-Partenkirchen abgestimmt, mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung von rund 60 Prozent, trotz schönstem Ausflugswetter am Muttertag. Das Votum war kompliziert, zwei Bürgerentscheide und eine Stichwahl-Frage. Olympia-Befürworter haben ihren Entscheid gewonnen, mit gut 58 Prozent. Olympia-Gegner haben sehr knapp verloren, mit 49,5 zu rund 51 Prozent. Auch für die Wahlsieger kein Grund für ein Freudenfeuer, denn eine beträchtliche Anzahl der abstimmenden Bürger, fast die Hälfte nämlich, möchte die Winterspiele 2018 nicht im Ort haben. Das wird das Internationale Olympische Komitee (IOC), wenn es Anfang Juli über den Austragungsort entscheidet, am Rande registrieren.

Immerhin: Die Olympia-Gegner haben am Sonntag schnell signalisiert, dass sie nun auf größere Protestaktionen verzichten werden und die Bewerbung lediglich "kritisch" weiter begleiten. Ob das die verbreitete Anti-Winterspiele-Stimmung vor Ort verbessert, bleibt fraglich. Denn möglicherweise ist die Schar der Gegner sogar viel größer als sich auf den Wahlzetteln ablesen lässt.

Ausgerechnet am Wahlsonntag ließ sich trefflich miterleben, was Garmisch wirklich möchte: Tunnel, die die tägliche Blechlawine der Ausflügler und Italienurlauber unter die Erde bannen. Spätestens ab 9 Uhr vormittags rollen Touristen vom Münchner Westen über die A 95 Richtung Brenner, Stoßstange an Stoßstange. Die Marktgemeinde steht an etlichen Sommertagen vor dem Verkehrskollaps. Immer mehr Immobilien an der B 2 Richtung Süden sind mittlerweile verlassen und stehen zum Verkauf. Doch wer will sich dort niederlassen, wo ohne Schallschutzfenster nicht an Ruhe zu denken ist?

Vier Tunnelprojekte sollen das mildern. Die Durchfahrt unter dem Wank, der Kramertunnel und zwei weitere Tunnel am Autobahnende. Milliarden müsste der Bund dafür in den Wintersportort pumpen. Die Fertigstellung dürfte deswegen nicht Jahre, sondern Jahrzehnte dauern, fürchten viele in der Gemeinde. Die Olympischen Winterspiele 2018 allerdings würden diese Verkehrsprojekte kräftig beschleunigen. Zwar wären ncht alle vier unterirdischen Trassen bis 2018 fertig, doch die Einwohner hoffen, dass das internationale Sportfest Geldfluss und Baubeginn gehörig antreibt. Dafür würde man auch sechs Jahre Großbaustellen in Kauf nehmen.

Immerhin hat die Kanzlerin die Bewerbung für Olympia inzwischen zum nationalen Anliegen erklärt. Auch wenn es nur wenige Olympia-Befürworter öffentlich zugeben: Die Winterspiele braucht man am Fuß der Zugspitze nicht, schon gar nicht zur Imagepflege, denn dass man in Garmisch-Partenkirchen Skifahren, Rodeln und Wandern kann, weiß alle Welt schon heute. Was man braucht, sind die Tunnel. Und die bleiben, wenn über die olympischen Skipisten und jeden ortsinternen Zwist längst Gras gewachsen ist.

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syndaco 09.05.2011
1. Ungenau
Zitat von sysopDie Bürger von Garmisch-Partenkirchen haben sich mit knapper Mehrheit für die mögliche Austragung der Olympischen Winterspiele 2018 in ihrer Gemeinde ausgesprochen - aber glühende Anhänger des Sportfests sind sie deshalb noch lange nicht. Es geht ihnen um etwas ganz anderes: Tunnel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,761386,00.html
Da wird wieder einmal das Problem sichtbar, wenn komplizierte, nicht nur eindimensionale Fragestellungen per Volksentscheid beantwortet werden sollen. Es geht eben nicht, zumindest nicht so, als dass z.Bsp. SPON, aber auch mit Sicherheit viele andere, nicht flugs das Ergebnis so interpretieren könnten, dass eigentlich das Gegenteil gemeint sei. Die Grünen in BW und RLP sind schon einen Schritt weiter: Wenn die eigene Mehrheit nicht gesichert erscheint, lässt man das dumme Volk erst garnicht abstimmen. Bei allen Schwächen: Ich bin doch sehr für die repräsentative Demokratie!
FrankDr 09.05.2011
2. Dito
Zitat von syndacoDa wird wieder einmal das Problem sichtbar, wenn komplizierte, nicht nur eindimensionale Fragestellungen per Volksentscheid beantwortet werden sollen. Es geht eben nicht, zumindest nicht so, als dass z.Bsp. SPON, aber auch mit Sicherheit viele andere, nicht flugs das Ergebnis so interpretieren könnten, dass eigentlich das Gegenteil gemeint sei. Die Grünen in BW und RLP sind schon einen Schritt weiter: Wenn die eigene Mehrheit nicht gesichert erscheint, lässt man das dumme Volk erst garnicht abstimmen. Bei allen Schwächen: Ich bin doch sehr für die repräsentative Demokratie!
Dem kann ich nur zustimmen! Egal ob hier oder S21 oder ... Eine Abstimmung über solch komplexe Dinge in kurzen Fragestellungen können eben nicht klappen.
maan, 09.05.2011
3. Plebiszite ...
Eigentlich ist es doch eine Schande, dass extrem lärmgeplagte Einwohner von einer Olympia-Kamarilla so erpresst werden können! Wer glaubt denn ernsthaft, dass bis 2018 auch nur ein Planfestellungsbeschluss (von vieren) ergangen und das Geld bereitgestellt ist? Die Garmisch-Partenkirchner müssen mit ihrer Gesundheit für den übersteigerten Ehrgeiz Münchens zahlen! Traurige Geschichte!
czarpeter 09.05.2011
4. Was soll das?
Das ist ja toll, immer wenn Angie etwas gut findet, dann spielen Kosten keine Rolle mehr, aber ansonsten immer auf schjwaebische Hausfrau machen. Ich finde da ja Geld eingespart werden soll, sollte DE grundsaetzlich die naechsten hundert Jahre darauf verzichten sich auf Grossereignisse zu bewerben. Ich glaube auch es gaebe gar keinen Wintersport in DE, wenn der nicht immerzu vom oeffentlich rechtlich Fernsehen implizit subventioniert werden wuerde. Jeden Winter stundenlang die unsaeglichen Abfahrten, Slaloms und was weiss ich fuer Wettbewerbe, aber der Zuschauer wird ja nicht gefragt. Und mit Bildung und Kultur oder Information hat das wohl auch nichts zu tun.
Robert Rostock, 09.05.2011
5. Wie kommen Sie darauf?
Zitat von syndacoDa wird wieder einmal das Problem sichtbar, wenn komplizierte, nicht nur eindimensionale Fragestellungen per Volksentscheid beantwortet werden sollen. Es geht eben nicht, zumindest nicht so, als dass z.Bsp. SPON, aber auch mit Sicherheit viele andere, nicht flugs das Ergebnis so interpretieren könnten, dass eigentlich das Gegenteil gemeint sei. Die Grünen in BW und RLP sind schon einen Schritt weiter: Wenn die eigene Mehrheit nicht gesichert erscheint, lässt man das dumme Volk erst garnicht abstimmen. Bei allen Schwächen: Ich bin doch sehr für die repräsentative Demokratie!
Wie kommen Sie darauf? Meines Wissens soll in BaWü über S21 abgestimmt werden. Außerdem ist es doch nicht so, dass ausschließlich die Grünen bestimmen, wann worüber abgestimmt werden darf. Jeder kann eine Volksinitiative starten und nach Sammlung ausreichend vieler Unterschriften eine Volksabstimmung durchsetzen. Und es sind gerade die Grünen in BaWü, die die Hürden dafür deutlich heruntersetzen wollen. Klar. Weil je erwiesenermaßen die Abgeordneten so viel klüger und informierter sind als der Pöbel.
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