Grünen-Außenexperte Nouripour »Die Taliban haben mit ihrer Strategie der Geduld gewonnen«

Die internationalen Truppen sind weg, die Taliban erobern Afghanistan zurück. Grünen-Außenpolitiker Nouripour beklagt eine Kette von Fehlern am Hindukusch – und hält Seehofers Abschiebestopp für unglaubwürdig.
Ein Interview von Matthias Gebauer
Talibankämpfer in der afghanischen Stadt Farah

Talibankämpfer in der afghanischen Stadt Farah

Foto: Mohammad Asif Khan / AP

SPIEGEL: Herr Nouripour, am Wochenende haben die Taliban den früheren Bundeswehrstandort Kunduz eingenommen und richten sich dort ein. Waren Sie überrascht?

Nouripour: Leider nein. Die Taliban gewinnen seit Wochen jeden Tag mehr an Einfluss, rücken ohne nennenswerten Widerstand der afghanischen Sicherheitskräfte vor. Dass Kunduz angesichts der Geschichte der Provinz und der Zusammensetzung der Bevölkerung bald dran sein würde, war leider absehbar und ist doch ein Zeichen, wie wenig die afghanische Regierung den Taliban entgegenzusetzen hat.

SPIEGEL: Sie haben viele Kontakte nach Afghanistan, können sich in Landessprache verständigen. Hören Sie etwas aus Kunduz? Wie ist die Lage dort?

Nouripour: Kunduz-Stadt ist derzeit nicht komplett in Taliban-Hand. Aber die Angst vor Ort ist gewaltig, das Vertrauen in die Sicherheitskräfte kaum noch vorhanden. Zumal die Taliban in den letzten Jahren Kunduz schon dreimal vorübergehend erobern konnten. Die aktuelle Lage in Taloqan, einem anderen ehemaligen Standort der Bundeswehr, scheint sogar noch schlimmer zu sein. Und in anderen Städten fragen sich alle, ob das, was in Kunduz passiert ist, nicht auch bei ihnen möglich ist. Viele wünschen sich die internationalen Kräfte zurück, doch mit deren Hilfe ist nicht zu rechnen.

SPIEGEL: Wer ist verantwortlich für den allem Anschein nach unaufhaltsamen Vormarsch der Taliban?

Nouripour: Die Kette der Fehler ist fast endlos lang. Die internationale Gemeinschaft hat in Afghanistan 20 Jahre Militär stationiert und Milliarden an Entwicklungshilfe investiert. Trotzdem konnte nicht genug Staatlichkeit aufgebaut werden. Die alten und korrupten Warlords wurden der Zivilgesellschaft oft vorgezogen. Die Ökonomie des Landes wurde nie auf eigene Beine gestellt. Die Unterstützung mancher regionaler Akteure für die Taliban wurde nie ernsthaft adressiert. Der Abstand zwischen den hehren Reden auf internationalen Konferenzen und der Realität ist kaum mehr zu bemessen. Auch deshalb ist es im Übrigen nicht nachvollziehbar, warum die Bundesregierung sich seit Jahren einer unabhängigen Auswertung des Einsatzes verweigert.

SPIEGEL: Wohl deswegen hatte kaum noch ein Nato-Partner am Ende Lust, die wenig erfolgreiche Mission weiterzuführen.

Nouripour: Dass die Regierungschefs wenig begeistert waren, ist verständlich. Wie soll man einen solchen Nichterfolg auch den eigenen Wählern verkaufen? Der damalige US-Präsident Donald Trump aber war es, der den endgültigen Sargnagel für die Zukunft Afghanistans eingeschlagen hat. Er besiegelte mit direkten Verhandlungen mit den Taliban den Tod der Autorität der afghanischen Regierung, die wie ein Schulkind am Rand saß. Das war wie ein Konjunkturprogramm für die Rückkehr der Taliban. Sie wussten, dass ohne die USA niemand mehr in Afghanistan bleiben würde.

SPIEGEL: Am Ende aber war es der neue US-Präsident Joe Biden, der im Frühjahr den Turbo-Abzug aus Afghanistan vollzog – und nicht Donald Trump. War das ein Fehler?

Nouripour: Das war die Ausstellung eines Totenscheins für die afghanische Regierung. Und es bestätigt einmal mehr, dass die Menschen in Afghanistan in gewisser Weise nur Spielbälle unserer Innenpolitiken sind. Die USA und ihre Alliierten, also auch wir Deutschen, ziehen nicht ab wegen der Lage in Afghanistan, sondern wegen der Afghanistan-Müdigkeit unserer Öffentlichkeiten.

SPIEGEL: Ist es eigentlich noch ein Abzug oder eine Flucht, weil man eingesehen hat, dass man gescheitert ist?

Nouripour: Ich würde es einen Abzug aus Erschöpfung nennen. Die Taliban haben mit ihrer Strategie der Geduld gewonnen. Sie haben nie darauf gesetzt, die Nato-Truppen militärisch zu besiegen. Sie warteten, bis unsere Geduld aufgebraucht ist. Mit dem Kalkül haben sie gewonnen.

SPIEGEL: Nach 20 Jahren Krieg in Afghanistan waren eigentlich alle Nato-Staaten des Einsatzes sehr müde. Gab es trotzdem eine Alternative zum schnellen Abzug?

»Seehofer war in den letzten Monaten in seinem Zynismus gefangen.«

Nouripour: Dass die Bundeswehr und ihre Partner-Armeen nicht ewig bleiben würden, war klar. Dass der Abzug aber ohne Bedingungen, ohne Absicherungen, ohne einen logistischen Brückenkopf für Hilfsleistungen an die afghanischen Sicherheitskräfte ablaufen würde, das ist verheerend.

SPIEGEL: Der führende Unionsaußenpolitiker Norbert Röttgen fordert deswegen einen neuen Militäreinsatz, um den Vormarsch der Taliban zu stoppen. Ist das eine Option?

Nouripour: Dieser Zug ist doch längst abgefahren. Die USA sagen klar, dass die Afghanen nun auf sich allein gestellt sind, und ohne die USA wird es keinen Militäreinsatz geben. Interessant ist trotzdem, dass diejenigen, die jetzt die Rückkehr der Bundeswehr an den Hindukusch fordern, bei den Abzugsankündigungen der USA ungewohnt leise waren oder diese gar begrüßten. Da schwingt Doppelmoral mit.

SPIEGEL: Was könnte Deutschland überhaupt noch tun, um die Lage zu verbessern?

Nouripour: Ich würde ja schon aufatmen, wenn die Bundesregierung aufhört mit ihren naiven Lippenbekenntnissen. Gespräche mit Taliban können Sinn ergeben, aber man sollte ihnen nicht glauben. Sie haben ausnahmslos alle ihre Versprechen der letzten Verhandlungen gebrochen. Dringender sind derzeit Gespräche mit der afghanischen Regierung auf Ministerebene.

SPIEGEL: Parallel zur Verschlechterung der Sicherheitslage wollte Innenminister Seehofer weiter Straftäter nach Afghanistan abschieben. Heute ist er zurückgerudert und setzt die Abschiebungen vorerst aus. Was vermuten sie als Grund?

Nouripour: Ich fand die Haltung von Innenminister Seehofer in den letzten Monaten schäbig. Wenn er die Sicherheitslage gut genug für Abschiebungen findet, dann hätte er sich ja selbst mal in den Flieger nach Kabul setzen können, am besten mit Armin Laschet und Franziska Giffey. Letztere forderte zuletzt ja sogar Abschiebungen auch nach Syrien. Die aktuelle Rolle rückwärts ist am Ende doch nur eine Brücke über die Bundestagswahlen, da die öffentliche Kritik angesichts der dramatischen Lage zu groß wurde. Danach wird die Union wieder mit der Forderung nach Abschiebungen um die Ecke kommen.

SPIEGEL: Öffentlich hat sich Ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock immer wieder gegen solche Abschiebungen ausgesprochen. Gleichzeitig waren auch auf den letzten Fliegern Afghanen aus Baden-Württemberg, wo die Grünen regieren. Welche Linie gilt nun?

Nouripour: Wir Grüne sind auf allen Ebenen für einen Abschiebestopp nach Afghanistan, sind aber nicht an der Bundesregierung beteiligt, die die Linie bei dem Thema vorgibt. Am Ende sieht man ja, dass der Bundesinnenminister entscheidet. Und dieser war in den letzten Monaten zu sehr in seinem Zynismus gefangen.

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