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Rechtspopulisten: Europas Brandstifter

Foto: Matthew Lloyd/ Getty Images

Online-Studie zum Rechtspopulismus Braune Front auf Facebook

Rechte Parteien und Bewegungen sind europaweit auf dem Vormarsch, ihre Gefolgsleute sammeln sich vor allem im Netz. Eine britische Studie hat die Online-Anhänger von Wilders, Le Pen und Co. befragt - die gaben überraschend offene Antworten.

Berlin/London - Sie sind vorwiegend jung, rechtsgesinnt und männlich - und sie eint das Feindbild Islam: Britische Forscher haben für eine großangelegte Online-Studie mehr als 10.000 Anhänger rechter Gruppierungen quer durch Europa befragt. Ihre Teilnehmer suchten und fanden sie mit Hilfe des sozialen Netzwerks Facebook - über die Fanseiten der jeweiligen Gruppen.

Wer sind die Facebook-Unterstützer von Europas Rechtspopulisten? Warum klicken sie zu Zehntausenden auf den Fan-Button des niederländischen Hetzers Geert Wilders oder der rechten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ)? Was unterscheidet sie, was haben sie gemeinsam?

Im Auftrag des britischen Thinktanks Demos versuchten die Wissenschaftler, Antworten auf diese Fragen zu finden. Dazu untersuchten sie Anhänger von 14 rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen aus insgesamt elf europäischen Ländern .

Die Daten wurden anhand von Fragebögen gewonnen, die Facebook-Nutzer ausfüllten. Die Studienmacher nutzten dafür eine simple, aber effektive Methode: Sie ließen auf den Profilseiten der Bewegungen Anzeigen schalten, über die User zu einem Fragebogen in der jeweiligen Landessprache gelangten.

Jung, männlich, rechtsgesinnt

Schon der Pool an potentiellen Teilnehmern war erschreckend groß: Zusammen kamen die untersuchten Bewegungen auf gut 440.000 Facebook-Anhänger - knapp eine halbe Million nationalistisch Gesinnte, verteilt auf halb Europa. 12.000 Bögen wurden am Ende beantwortet, die meisten davon brauchbar für die Auswertung.

Die einzelnen Gruppierungen unterscheiden sich zum Teil stark: Unter ihnen sind etablierte Parteien wie Frankreichs Front National, dem gegenüber stehen Bewegungen wie die britische English Defence League, deren Straßenproteste nur wenige hundert Leute anziehen. Doch in der Auswertung wurden Gemeinsamkeiten und Muster sichtbar:

  • Demnach sind Facebook-Unterstützer der rechtspopulistischen Parteien vor allem junge Männer: 63 Prozent sind laut Studie unter 30 Jahre alt, drei Viertel der Anhänger männlich.
  • Bei keiner der untersuchten Gruppen war der Frauenanteil höher als 36 Prozent. Allerdings, so legt die Studie nahe, zeigten Frauen, die mit Rechten sympathisieren, eine erhöhte Bereitschaft, ihre Gesinnung auch außerhalb der Netzwerke zu festigen - etwa in der Wahlkabine oder mit einer aktiven Mitgliedschaft.
  • Über zwei Drittel gaben an, sie hätten zuletzt eine rechte Partei gewählt.
  • Die braunen Facebook-Nutzer eint eine stark ablehnende, teilweise sogar hasserfüllte Haltung gegenüber Einwanderern und Multikulturalismus - immer wieder wurden der angebliche Verlust von nationalen Werten und das "Zerstören der Landeskultur" angeführt. "Ausländer erobern unser Land", schreibt etwa ein Anhänger der Dänischen Peoples Party. "Sie haben so viele Kinder, und sie erziehen sie furchtbar."
  • Das Feindbild Islam ist laut Studie umso stärker ausgeprägt, je jünger ein Studienteilnehmer ist. Während rechte Parteien früher auf Antisemitismus gesetzt hätten, sei heute "Islamhass der verbindende Faktor", kommentierte Thomas Klau vom European Council on Foreign Relations im "Guardian" - Tendenz steigend.
  • Ökonomische Faktoren, wie etwa die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, spielten bei den Beweggründen hingegen eine untergeordnete Rolle, schreiben die Studienmacher. 14 Prozent der Befragten gaben an, arbeitslos zu sein; 30 Prozent zählten sich zu Studenten.
  • Mit den gewählten Volksvertretern können die meisten Anhänger der Rechten nichts anfangen: Nur 14 Prozent sagten, sie vertrauten den Institutionen der EU, 20 Prozent bringen ihrer jeweiligen Landesregierung Vertrauen entgegen. In vergleichbaren Umfragen unter der europäischen Gesamtbevölkerung ist der jeweilige Vertrauensvorschuss deutlich höher. "Für die meisten Rechtsgesinnten ist die EU weit weg, ineffizient und eine Geldverschwendung", sagt Studienleiter Bartlett.
  • Zwei Drittel der Befragten glaubten nicht daran, dass die aktuelle Politik ihre Probleme angehe. Am unzufriedensten mit den gewählten Volksvertretern waren dabei die Anhänger der Rechts-Truppe "Die Freiheit" um den Berliner René Stadtkewitz.
  • Ein Viertel betrachtete Gewalt als akzeptabel, wenn es "dem Ergebnis diene". Die Autoren weisen in ihrer Studie aber darauf hin, dass man daraus nicht automatisch schließen könne, diese Menschen seien selbst gewaltbereit.

Die Idee sei harmlos entstanden, erzählt Studienleiter Jamie Bartlett dem Magazin "Foreign Policy". Auf Facebook habe er den Like-Button für eine Fanseite seiner Lieblingsband angeklickt: Fleetwood Mac. Wenig später kam er ins Grübeln. Schließlich habe er sich freimütig entblößt und - quasi in aller Öffentlichkeit, nämlich vor seinen Facebook-Freunden und den Datensammlern des sozialen Netzwerks - als Softrock-Fan geoutet. Der Drang des Preisgebens müsste auch für brisantere Sympathiebekundungen gelten, schlussfolgerte Bartlett - etwa die von Anhängern einer fremdenfeindlichen Gruppierung. Die Idee für die Studie war geboren.

Die Erhebung gibt keinen Aufschluss darüber, ob das mutmaßlich rechtsextremistisch motivierte Attentat von Oslo oder auch der Höhepunkt der Griechenland-Krise rechten Bewegungen Zulauf verschafft haben - die Befragung wurde vor beiden Ereignissen abgeschlossen.

100.000 FPÖ-Fans

Auch ist die Studie wegen ihrer Methodik lediglich als Ergänzung zu anderen Untersuchungen zu verstehen - es machten vermutlich vor allem jene mit, die ihre Ansichten auch sonst nicht verstecken. Die Beweggründe der "verborgenen Rechten" bleiben damit unentdeckt. Aber die Erhebung beleuchtet einen Teilaspekt im Aufschwung von rechten Bewegungen in ganz Europa, gibt Einblicke in die Motive der braunen Gefolgschaft im Netz.

Selbst wenn ein Fan-Knopf auf Facebook schnell gedrückt ist: Forscher Bartlett warnte bei der Vorstellung seiner Studie davor, rechtsgesinnte Mitglieder in sozialen Netzwerken als "harmlosere Rechte" abzutun. Es wachse eine neue Generation netzaffiner Nationalisten heran. "Sie sind jung, wütend und desillusioniert - und es werden immer mehr."

Tatsächlich übersteigt die Zahl der Gefolgsleute im Internet die in den realen Mitgliederverzeichnissen schon deutlich. Die FPÖ etwa hat laut österreichischen Medien 40.000 registrierte Mitglieder - Parteichef Heinz-Christian Strache zählt jedoch allein 100.000 Facebook-Anhänger.

Von FPÖ bis Wilders - diese Parteien und Bewegungen wurden untersucht

amz
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