Angehörige der Anschlagsopfer von Berlin "Es ist wie ein Albtraum"

Erstmals sprechen die Angehörigen der Berliner Anschlagsopfer vor der Kamera. Die Hinterbliebenen beklagen gegenüber SPIEGEL TV den Umgang der Behörden und beschreiben das mühsame Leben nach der Wahnsinnstat des Anis Amri.


Vierzig Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze liegt das Dörfchen Rosnowo. Zweiundfünfzig Familien, 250 Einwohner. Alle hier kennen Susanna Urban. Wenn sie an ihren Mann Lukasz denkt, zerreißt es ihr fast das Herz. Sie wollte mit ihm alt werden, irgendwann die Rente genießen, den Garten bestellen, vielleicht auch reisen.

Lukasz war der Fahrer des 40-Tonners, den Anis Amri kaperte, um den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu begehen. Über die Stunden in Berlin, als Susanna ihren Mann immer wieder anrief und er sich nicht meldete, hat sie noch nie mit Journalisten gesprochen. Für SPIEGEL TV macht sie eine Ausnahme. Sie will, dass das Leben und Sterben ihres Mannes in einer Sendung über die Opfer des Anschlages von Berlin gewürdigt wird.

"Lukasz fehlt uns allen so sehr. Obwohl er viel weg war und wir es gewohnt waren, dass er die ganze Woche immer unterwegs war, vermissen wir ihn und sind so traurig, dass er nicht hier sein kann", sagt Susanna Urban. Sie beschreibt das letzte Telefonat mit ihrem Mann: "Wir haben noch über Weihnachten und über die Geschenke gesprochen. Dann erzählte er, dass er einen Kebab gegessen hatte, und noch ein paar Einkäufe erledigen wolle." Kurze Zeit später wurde Lukasz im Fahrerhaus von seinem Mörder erschossen.

Bisher haben die Opfer des Anschlags von Berlin weitgehend geschwiegen. Zu groß war der Schmerz und die Wut über deutsche Behörden, denn kurz nach dem Anschlag herrschte erst mal Chaos. Ein Chaos, das selbst den Opferbeauftragten des Landes Berlin überforderte.

"Keine klare Form des Umgangs mit den Hinterbliebenen"

Roland Weber ist im Hauptberuf Rechtsanwalt und kümmert sich seit 2012 ehrenamtlich um Opfer von Straftaten in der Hauptstadt. Er soll sie laut Stellenbeschreibung effektiv unterstützen, die Zusammenarbeit koordinieren und ihren Belangen politisch mehr Gewicht verleihen.

Doch beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 ist er machtlos: "Es war nicht koordiniert. Es gab keine klare Form des Umgangs mit den Hinterbliebenen." Die Menschen seien von Krankenhaus zu Krankenhaus geirrt, in der Hoffnung, ihre Angehörigen zu finden. "Ihnen wurde bis zu 72 Stunden nach der Tat nicht gesagt, ob die jeweilige Person gestorben ist oder irgendwo im künstlichen Koma liegt."

All das hat Petr Cizmar genau so erlebt. Der Tscheche konnte seine Frau Nada seit dem Anschlag in Berlin nicht mehr erreichen, sein fünfjähriger Sohn David fragte ständig nach ihr. Cizmar bekam keine offiziellen Auskünfte. Er wusste, dass etwa 50 Menschen in Krankenhäuser gekommen waren. Er fuhr mit dem Bild seiner Frau nach Berlin. Fragte Ärzte und Polizisten. "Ich wurde sofort rausgeschmissen, und sie haben mir gar nichts gesagt."

SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 19. März

Es sind diese frustrierenden Erlebnisse, die alle Hinterbliebenen einen. Astrid Passin hat ihren Vater bei dem Anschlag verloren. Sie erwartete Mitgefühl und erlebte deutsche Bürokratie in Reinkultur. Sie sollte Formulare ausfüllen. Es sollte angegeben werden, welche Farbe der Lkw hatte, der ihren Vater zerquetschte. Es wurde gefragt nach der Marke und dem amtlichen Kennzeichen des "Kfz-Gegners". "Das kann es jetzt nicht sein", schoss Passin durch den Kopf, bevor sie die Papiere wieder zur Seite legte.

Auch als sich die erste Aufgeregtheit nach dem Anschlag bei den Behörden legte, blieben die Opfer weitestgehend außen vor. Hartmut Hüsgens war mit seinem Lebensgefährten auf dem Weihnachtsmarkt. Dieser wurde bei dem Anschlag so schwer verletzt, dass er noch heute im Koma liegt. Unter anderem vermisste Hüsgens einen Ansprechpartner, als es um die Finanzierung des Krankenhauses für den Lebensgefährten ging. "Ich hätte mir in dieser Situation einen Coach gewünscht", sagt Hüsgens, der Volkswirt im Finanzministerium ist. "Es ist wie ein Albtraum."

Für die Betroffenen hat der Anschlag auch finanzielle Auswirkungen. Zwar bietet das sogenannte Opferentschädigungsgesetz umfangreiche Hilfsleistungen wie Rentenzahlungen und Übernahmen der Behandlungskosten an, "doch diese müssen von Einzelfall zu Einzelfall geprüft werden", sagt der Berliner Anwalt Andreas Schulz. Der Jurist vertritt viele Angehörige der Opfer des Berliner Anschlags und fordert für jeden Betroffenen eine unbürokratische und nicht kleinliche Entschädigung. "Das ist das Mindeste, was der Staat den Betroffenen jetzt jenseits des politischen Trauermarketings schuldet", sagt Schulz.


Sehen Sie mehr zu dem Thema am Sonntag um 22.20 Uhr im SPIEGEL TV Magazin auf RTL.

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oldtimer62 18.03.2017
1.
wenn nur die hälfte davon stimmt was bis jetzt darüber berichtet wurde, kann man nur sagen Drecksbürokratie! Da können wir ja stolz sein, ich glaube jedes andere Land auf dieser Erde könnte mit so einer Situation besser umgehen als unser deutscher Staat, nochmal Ausrufezeichen.
Mach999 18.03.2017
2. Es war ein Anschlag auf uns alle!
Dieser Anschlag hat uns allen gegolten. Opfer des Anschlags sollten jede Unterstützung erfahren, die möglich ist. Wenn es notwendig ist, müssen dafür Gesetze geändert werden, auch wenn es etwas kostet. Soviel muss uns unsere Freiheit wert sein. Und auch da, wo Gesetze bestimmte bürokratische Prozesse vorschreiben, die man aus irgendeinem Grund nicht ändern kann, hätten sowohl berliner Senat, als auch die Bundesregierung die Möglichkeit gehabt, eine Arbeitsgruppe mit mehreren Beamten zu bilden, die Opfer und Angehörige bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützen. Unser Beamtenapparat ist in solchen Fällen extrem träge.
Fakler 18.03.2017
3. Erwartungen ...
Na, Unfall in Spanien. Fussgelenk gebrochen. Der Krankenwagen faehrt nicht eher weg als man die Sozialversicherungskarte gezeigt hat und da alles aufnotiert wurde. Hatte mal nen Unfall in Frankreich. Musste den Geburtsnamen meiner Mutter buchstabieren. Erst dann wurde der Krankenwagen angerufen. Und in diesem Fall : Grosszuegige Entschaedigung ... Dass sowas nicht ohne weiteres geht muss wohl jedem klar scheinen (Entschaedigung beruht auf rechtlichen Grundlagen etc. Der Staatsdiener kann nicht Geld ausgeben wie es ihm gefaellt.
Aurora vor dem Schilf 18.03.2017
4. Deutsches Bürokraten-Monster
Leider klassisch deutsche Bürokratie so wie ich sie kenne mit den üblichen Auswüchsen, die man lächerlich finden würde, wäre es nicht so traurig: Zuständige haben keine Ahnung, keine Empathie und keinen bürokratischen Spielraum für Sonderfälle. Die Angehörigen der Opfer sind weiss Gott nicht zu beneiden.
mini-max12 18.03.2017
5. Für die Opfer ist es ratsam, sich unbedingt einen Anwalt zu nehmen
Wer die Berliner Verwaltung kennt (und gerade jetzt mit einem chaotischen Rot-Rot-Grünen Senat) weiß, dass ohne Rechtsbeistand überhaupt nichts läuft. Wer nicht Druck macht und seine Rechte juristisch einfordert, erhält nichts oder nach langer Zeit nur sehr wenig Entschädigung. Dabei ist bereits jetzt schon erkennbar, dass dieser Anschlag von den Sicherheitsbehörden hätte verhindert werden können. Durch schlampige Ermittlungsarbeit der Sicherheitsbehörden von Polizei und Verfassungsschutz konnte der IS-Terrorist Amri ungehindert seinen Anschlag ausführen. Das nun die Berliner Verwaltung die Opfer wie Luft behandelt, ist ein erbärmliche Schweinerei.
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