Orientalistentag Mohammed Atta unterm Mikroskop

Hunderte Islamwissenschaftler, Arabisten und Orientalisten trafen sich diese Woche in Halle an der Saale zum ersten Orientalistentag nach dem 11. September 2001. Das Thema Terror spielte eine große Rolle. Das Fazit der Akademiker: Wir haben Expertenwissen genug. Aber wir werden nicht gehört.

Von Yassin Musharbash, Halle


Orientalistentag in Halle: Nicht auf Terror reduzieren lassen
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Orientalistentag in Halle: Nicht auf Terror reduzieren lassen

Nachdem Mohammed Atta und seine Mitverschwörer am 11. September 2001 in das World Trade Center und das Pentagon geflogen waren, fand man in einer liegen gebliebenen Reisetasche Attas ein vierseitiges, arabisches Dokument. Es handelte sich um eine Anleitung für die Stunden vor dem Anschlag. Innerhalb von Tagen tauchten Auszüge des Textes in Tageszeitungen und Magazinen auf. Die Weltöffentlichkeit wollte schließlich wissen, was die Attentäter dachten. Und zwar möglichst schnell.

"Zum Teil waren das aber grob falsche Übersetzungen", moniert der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker, der in Jena lehrt. Er hat nun, gemeinsam mit Fachkollegen, Politologen und Religionswissenschaftlern, die erste wissenschaftliche Übersetzung und Einordnung dieses Dokuments vorgelegt. Drei Jahre nach den Anschlägen. Trotzdem ist der schmale Band wertvoll: Er dokumentiert, was Islamwissenschaftler und Arabisten können - und außer ihnen fast niemand.

Woran es allerdings mangelt, das ist die Außenwirkung islamwissenschaftlicher Studien. Politologen und Soziologen haben sich längst ein Deutungsmonopol erstritten, wenn es um Terror - auch islamischen - geht. Orientalisten dagegen arbeiten zu leise und zu langsam, um Teil der medialen Verwertungskette zu sein. Das liegt auch daran, dass nicht wenige sich im universitären Elfenbeinturm wohler fühlen als im Fernsehstudio. Zwei-Minuten-Statements gelten als unseriös. Die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema ist überschaubar.

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht"

Dabei haben Arbeiten wie die von Seidensticker und seinen Kollegen unbestreitbare und relevante Vorzüge. Da wäre zunächst einmal die penible Übersetzung samt Identifizierung aller enthaltenen Koranstellen und Prophetenzitate. Und da findet sich, noch wichtiger, eine Einordnung des Atta-Textes in das seit 1400 Jahren bestehende Genre der islamischen "Schlachtrede". Warum ist das wichtig? Weil die Autoren zeigen können, dass die Operation des 11. September von den Attentätern als "Neuinszenierung einer frühislamischen Schlacht" geplant wurde. Gestützt auf diese - zeitraubend und quasi unter dem Mikroskop gewonnenen - Erkenntnisse weisen sie überzeugend die These zurück, die Anschläge seien irrational und destruktiv, gar apokalyptisch oder nihilistisch beeinflusst gewesen.

Rund 700 Orientalisten, Islamwissenschaftler und Arabisten haben sich in dieser Woche in Halle an der Saale eingefunden, um sich auszutauschen. Viele Orchideenthemen werden hier behandelt, es geht um neu entdeckte Bronzetafeln, arabische Lehnwörter im Kanuri oder Seeräuberei in den Barbareskenstaaten. Schließlich betreibt auch nach dem 11. September nicht jeder Orientalist auf einmal Terrorforschung. Aber es gibt Ansätze, das eigene, spezifische Fachwissen zum aktuellen Terror in Bezug zu setzen. Seidensticker beispielsweise ist eigentlich Experte für arabische Literatur.

Schon vor dem 11. September, sagt Seidensticker, habe die deutsche Orientalistik Themen mit aktuellem Bezug nicht vernachlässigt. Er selbst bot schon vor Jahren Seminare zu dem mittelalterlichen Rechtsgelehrten Ibn Taymiya an - eine Figur, auf die Qaida-Publikationen oft Bezug nehmen, weil der Damaszener die islamrechtlichen Grundlagen für die Bekämpfung "vom Glauben abgefallener" Muslime formulierte. Al-Qaida braucht solche Rechtfertigungen, um etwa die saudische Regierung anzugreifen. Solche Zusammenhänge, wünscht sich Seidensticker, müssten besser vermittelt werden.

Nicht alle Orientalisten scheuen die Öffentlichkeit

Freilich hat auch diese Zunft ihre Stars, die sich schon längst ins Rampenlicht trauen. Katajun Amirpur zählt dazu: Die Islamwissenschaftlerin meldet sich in Zeitungsdebatten zu Wort und tritt im Fernsehen auf. Auf dem Orientalistentag hielt sie drei Vorträge zu aktuellen Themen, erklärte zum Beispiel die Beziehungen zwischen schiitischen Religionsführern des Iraks und Irans.

Ihre These, dass die irakische Schiitenhochschule von Nadschaf dabei sei, die bislang dominierende im iranischen Qom zu überflügeln, ist brisant: Entspricht sie der Wahrheit, so Amirpur, stelle das eine Gefahr für das iranische System dar - weil der Schiitenführer von Nadschaf, der greise Ali al-Sistani, der iranischen Theokratie ablehnend gegenüber steht. Seine Schüler könnten dereinst das iranische System von Innen in Frage stellen.

Islamwissenschaftler Steinberg: Mehr Öffentlichkeit suchen

Islamwissenschaftler Steinberg: Mehr Öffentlichkeit suchen

Selten haben sich die Orientalisten auf ihrer Fachtagung so viel Zeit für die Analyse akuter Krisenherde genommen. Es gab Panels zur Situation in Tschetschenien und Afghanistan oder zum Islam in Europa und dem islamischen Religionsunterricht in Deutschland. Stefan Rosiny erarbeitete eine Typologie schiitischer Führer, die bei der Einordnung des radikalen irakischen Predigers Muktada al-Sadr sehr hilfreich ist. Ein geplantes Extra-Podium zum Thema Terror kam indes nicht zustande - mangels Experten.

Mehr Einmischung gefordert

Ausgeglichen wurde dieser blinde Fleck allerdings durch einen Vortrag des Islamwissenschaftlers Guido Steinberg, der in Berlin im Kanzleramt tätig ist und über das Terrornetzwerk al-Qaida und das im Entstehen begriffene des Abu Musab al-Sarkawi im Irak sprach. Steinbergs Hauptthese lautet, dass der islamistische Terrorismus keineswegs so internationalistisch ist, wie er oft beschrieben wird.

In Wahrheit zielten die Terroristen, auch jene, die sich unter dem Mantel der al-Qaida zusammengefunden haben, auf ihre arabischen Heimatregierungen. Dass die USA ins Fadenkreuz des Terrors geraten sind, erkläre sich durch die Annahme der Terroristen, dass die arabischen Regime sich nicht halten können, wenn die USA erst einmal zum Abzug aus dem Nahen Osten gezwungen worden seien oder ihren Einfluss auf die Regierungen verlören.

Wenn aber, so Steinberg in seinem viel gelobten Vortrag weiter, der Terror in der Unzufriedenheit seinen Ursprung habe, dann seien Wissenschaftler mit Regionalexpertise - vulgo: Islamwissenschaftler, Arabisten und Orientalisten - in einer besonderen Verantwortung, diesen Gründen nachzuspüren und auf Lösungen hinzuweisen. Steinberg rief die Fachkollegen deshalb zu einem "offensiveren Umgang mit der Öffentlichkeit" auf. Die Orientalistik müsse sich vor diesem Hintergrund auch mehr als bisher mit dem Feld der Internationalen Beziehungen auseinandersetzen.

"Das ist genau das, was wir auf einem Orientalistentag brauchen", kommentierte enthusiastisch ein Teilnehmer den Vortrag, den er als Signal verstanden wissen wollte. Wir werden gebraucht, wir haben genügend Expertise - wir werden nur noch nicht ausreichend gehört, so lautete das allgemeine Fazit. Rezepte, wie das zu ändern sei, wurden in Halle allerdings nicht beraten. Zurzeit gibt es nicht einmal eine systematische Vernetzung derjenigen Islamwissenschaftler, die sich mit dem Terrorismus befassen. Nicht nur muss die Öffentlichkeit genauer hinhören - die Orientalisten müssen auch lauter werden.



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