Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Jedermanns Mörder

Wer war der Attentäter von Orlando? Der IS sieht einen Helden. Der Muslimhasser einen Islamisten. Der Schwule einen Homophoben. Die Feministin den gewalttätigen Mann. Was aber, wenn Omar Mateens Hass nicht "uns" galt - sondern sich selbst?

Nach dem Massaker von Orlando, dem in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 49 Menschen zum Opfer fielen, ist ein sonderbarer Streit entbrannt: Wer wurde angegriffen? Und: Wer ist der Täter? Beide Fragen sind nur auf den ersten Blick leicht zu beantworten. Der Tatort ist ein Nachtclub der dortigen LGBT-Szene. Der Name des Täters lautet Omar Mateen. Aber was folgt daraus? Hat ein Muslim den Westen und seine Werte angegriffen?

Oder ein Schwulenhasser die Homosexuellen? War das Massaker ein weiteres Beispiel typisch männlicher Gewalt? Es ist ein trauriges Schauspiel: Jeder versucht, die Tat mit seinem Weltbild zu erklären. Aber vielleicht galt der Hass Omar Mateens überhaupt niemandem von "uns" - sondern er verabscheute vor allem sich selbst. Vielleicht war Omar Mateen selber schwul.

"Wir sind fest entschlossen, auch wenn solche mörderischen Anschläge uns in tiefe Trauer versetzen, unser offenes, tolerantes Leben fortzusetzen." Die Bundeskanzlerin hat das gesagt. Und da wusste jeder gleich, was gemeint war. Angela Merkel musste das Wort "Muslim" gar nicht in den Mund nehmen. Der Täter heißt Omar, und außerdem hat er den Notruf 911 angerufen und "IS" gesagt. Das genügt doch. Der Rest der Geschichte entsteht von selbst. Im Kopf der Kanzlerin übrigens genauso wie im Kopf der echten Terroristen. Ein "IS"-Radiosender rühmte den von der Polizei erschossenen Mateen gleich als "Soldat des Kalifats".

Und Donald Trump hat gesagt, Orlando sei erst der "Anfang" - und seine Forderung bekräftigt, Amerika müsse endlich den Muslimen die Einreise verweigern.

Wir sind Komplizen der Terroristen

Dabei war der Täter amerikanischer Staatsbürger, Kind muslimischer Eltern, die Trump am liebsten nicht ins Land gelassen hätte. Aber nun sind sie da, die Muslime, Amerikaner wie Trump selbst. Allein um Schlüssigkeit geht es hier nicht. Es geht darum, dass wir die "Kriegserklärung" des islamischen Terrors schon vor langer Zeit angenommen haben. Und für die terroristische Inszenierung des manichäischen Endkampfs zwischen Gut und Böse braucht es ja zwei Seiten. Kein Duell ohne Gegner. Wir sind Komplizen der Terroristen, deren Geschäft das Chaos ist.

Es ist eine politische Entscheidung, den Angriff von Orlando als Angriff auf "uns" zu bewerten und uns alle zu Opfern dieser Tat zu erklären. Als ein orthodoxer Jude vor einem Jahr in Jerusalem bei einer Schwulenparade sechs Menschen niederstach - ein 16-jähriges Mädchen starb später im Krankenhaus - kam niemand auf die Idee, das als religiöses Problem darzustellen oder gar als Angriff auf den Westen. Vielmehr herrschte Einigkeit darüber, dass dies die Tat eines verwirrten Einzeltäters war. Jetzt geben wir uns alle betroffen, als hätte jeder von uns an Stelle der Toten sein können. Wirklich jeder? Nein. Der Journalist Adriano Sack schrieb: "Es ist nicht unsere gemeinsame Welt, die da mit Maschinengewehrsalven zerschossen wurde. Sondern es ist meine."

Sack ist schwul. Er will die schwulen Opfer nicht so ohne Weiteres von jenen vereinnahmen lassen, von denen sie sich sonst ausgegrenzt sehen. Wenn man, wie die Bundeskanzlerin, über die Sexualität der Toten kein Wort verliert, hagelt es Kritik. Auf SPIEGEL ONLINE schrieb Daniel Sander: "Für mich als schwulen Mann offenbaren sich hier jedoch gleichzeitig eine massive Ignoranz und ein verletzender Mangel an Solidarität und Respekt." Wer hat in Orlando also die größeren Verluste erlitten? Der Westen? Die Schwulen?

Und dann kommen noch die Feministen, die sagen: Orlando war ein Beispiel typisch männlicher Gewalt. Margarete Stokowski hat auf SPIEGEL ONLINE die Tat als Beispiel für ihre These herangezogen: "Wir reden nicht über Männlichkeit, obwohl wir umgeben sind von Gewalt, die von Männern ausgeht."

Wer gehört zu den Trägern der Eigenschaft, die Stokowski "Männlichkeit" nennt? Der Begriff ist eine Konstruktion. Pimmel hin oder her - Männlichkeit ist eine soziale Eigenschaft, keine biologische. Nicht alle Menschen männlichen Geschlechts sind im sozialen Sinne "männlich".

Ein Schwuler ist nicht weniger schwul, wenn er Täter ist

Schwule Männer sind Opfer männlicher Gewalt. "Ich selbst kann mich nicht beklagen", schreibt Adriano Sack in der "Welt": "Ich wurde nur dreimal körperlich angegriffen, weil ich schwul bin (einmal in Madrid, zweimal in Hamburg ...)"

Aber - und jetzt wird es kompliziert - was geschieht eigentlich mit all diesen Schuld- und Sühnekonstruktionen, wenn der Homosexuelle selber der Täter ist? Und wenn der Täter Muslim ist und gleichzeitig schwul? Wenn wir sagen, der Täter war ein Muslim, dann verbinden wir die Tat sofort mit der Religion. Wenn wir sagen, er war ein Schwuler, verbinden wir die Tat dann mit seiner Sexualität? Der "IS", Donald Trump, die Schwulen, die Feministen - was für einen Reim machen sie sich dann auf Orlando? Ein Schwuler ist ja nicht weniger schwul, wenn er Täter ist. Und ein Mann ist nicht weniger Mann, wenn er Opfer wird.

Denn es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass Omar Mateen selber homosexuell war - sich zu seiner Sexualität aber nicht bekennen konnte.

Ein Stammgast des Clubs sagte den Zeitungen, der Mann habe "wohl versucht mit seinen inneren Dämonen fertigzuwerden, seine Wut über die Homosexualität loszuwerden". Das Einzige, was die Toten von Orlando dann hätte retten können, wäre ein anderes amerikanisches Waffengesetz gewesen. Aber mit der Erkenntnis lässt sich natürlich kein "Krieg gegen den Terrorismus" führen - nicht einmal Zeitungsdebatten.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.