Mitgliederschwund bei Parteien "Das goldene Zeitalter ist vorbei"

SPD, CDU, Grüne: Den Parteien laufen die Mitglieder weg. Woran liegt das wirklich? Parteienforscher Oskar Niedermayer erklärt die dramatische Entwicklung - und mögliche Gegenmittel.


SPD-Chef Gabriel auf dem Parteitag im Dezember 2015
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SPD-Chef Gabriel auf dem Parteitag im Dezember 2015

Ein Minus bei den Volksparteien, ein Minus bei Grünen, Linken und Liberalen: Keine etablierte politische Partei in Deutschland ist mehr vom Mitgliederschwund verschont.

Seit 1990, so die Studie des Berliner Parteienforschers Oskar Niedermayer, haben die etablierten Parteien zusammen die Hälfte ihrer Basis verloren - die Mitgliederzahl schrumpfte in diesem Zeitraum von 2,4 Millionen auf 1,2 Millionen. Besonders hart trifft es die SPD, die älteste Volkspartei Europas. Sie hat ihren - in den letzten Jahren immer wieder umkämpften - Spitzenplatz als mitgliederstärkste Partei neuerlich an die CDU abgeben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Immer weniger Deutsche wollen politisch organisiert sein. Was macht die Parteien so unattraktiv?

Niedermayer: Politische Beteiligung in Parteien macht Mühe, sie verlangt Zeit und kostet sogar Geld. Das wollen immer weniger auf sich nehmen. Außerdem gibt es heute viel mehr Möglichkeiten, sich außerhalb der Parteien politisch zu engagieren oder seine knappe Freizeit mit unpolitischen Aktivitäten zu verbringen. Das Problem: Die gesellschaftliche Verankerung des politischen Parteiensystems geht dadurch zurück, die Parteien verlieren ihre Seismografenfunktion - und werden in der Folge wiederum unattraktiver.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD hatte im vergangenen Jahr mit 3,7 Prozent die stärksten Verluste. Seit 1990 sind ihr sogar mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder abhandengekommen. Was hat die Partei falsch gemacht?

Niedermayer: Für klassische SPD-Klientel gibt es längst Alternativen. Wer sich früher für soziale Gerechtigkeit engagieren wollte, musste in die SPD gehen. Heute kann er ebenso zu den Grünen gehen oder zur Linkspartei. Auch der gesellschaftliche Wandel spielt eine große Rolle. Die traditionellen sozialen Milieus der Arbeiter und Gewerkschafter, aus denen früher viele Mitglieder rekrutiert wurden, bestehen nur noch in Resten. Zudem haben inhaltliche Positionsveränderungen der Partei einen Einfluss, wie zum Beispiel Gerhard Schröders Agenda 2010, die zu einer Austrittswelle geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was also tun?

Niedermayer: Das goldene Zeitalter der Mitgliederparteien ist vorbei, soviel ist klar. Das gilt für alle. Die SPD hat auch schon eine große Organisationsreform hinter sich, um die Beitrittsmotivation zu stärken und Hemmnisse abzubauen, zum Beispiel durch eine Schnuppermitgliedschaft. Das hat nicht viel gebracht. Da man den langfristigen Wandel nicht steuern kann, sollte man vielleicht stärker auf die kurzfristigen Faktoren setzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Niedermayer: Stärker als früher kommt es jetzt auf die Kombination eines optimalen Spitzenkandidaten, der durch Glaubwürdigkeit, Sachkompetenz und Führungsqualitäten überzeugt, mit den Sachthemen an. Da liegt die Chance, den Abwärtstrend zu stoppen. Man sollte versuchen, die Mobilisierungsphasen im Wahlkampf mit charismatischen Kandidaten und auf den Markenkern ausgerichteten politischen Inhalten verstärkt auch zur Mitgliedergewinnung zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die SPD mit Sigmar Gabriel da richtig aufgestellt?

Niedermayer: Unabhängig von der Person Gabriel hätten parteiinterne Vorwahlen für die Auswahl des Kanzlerkandidaten den Sozialdemokraten gutgetan. Denn das hätte der SPD Aufmerksamkeit und auch einige neue Mitglieder gebracht. Aber die Chance scheint mir vertan.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es aussichtsreich, auf einen klaren Linkskurs zu setzen und auf die sogenannten kleinen Leute?

Niedermayer: Sich wieder mehr um die eigentliche Kernklientel zu kümmern, wäre ein sinnvoller Weg für die SPD. Viele aus dieser Schicht fühlen sich von den etablierten Parteien und gerade von der SPD mit ihren Interessen ja nicht mehr wahrgenommen und alleingelassen. Wichtig wäre, dass man an der konkreten Lebenssituation der Menschen ansetzt. Eine neue Untersuchung zeigt aber zum Beispiel, dass die SPD in Revieren weniger Wahlkampf macht, wo es ohnehin eine geringe Wahlbeteiligung gibt - nach dem Motto: Da können wir eh nichts mehr gewinnen. Aber das ist doch genau die Attitüde, die Leute von den Parteien wegbringt und eine Mitgliedschaft in der SPD nicht gerade attraktiv erscheinen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie beobachten den Abwärtstrend an der Parteibasis schon seit Jahren. Was überrascht Sie noch?

Niedermayer: Am interessantesten ist für mich die Frage, ob die Grünen als einzige Partei, die im Vergleich zu 1990 zulegt haben, ihre Ausnahmestellung in Zukunft halten oder wie die anderen in einen Abwärtstrend geraten werden. Immerhin haben sie nun im zweiten Jahr in Folge auch einige Mitglieder verloren.

Zur Person
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    Oskar Niedermayer, Jahrgang 1952, ist Parteienforscher an der Freien Universität Berlin und hat dort seit 1993 eine Professur inne.

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Ein mündiger Bürger 14.07.2016
1. Eigentlich kann sich jeder ...
... den Hauptgrund denken - die Grünen sind ja in Sachen Flüchtlingspolitik am abgehobensten ... die hätten ohne die AKW-Unfälle noch deutlichere Verluste. Für mich persönlich käme es eh nicht in Frage, eine dieser Parteien in absehbarer Zukunft zu wählen ... da lieber ungültig oder anders ...
marthaimschnee 14.07.2016
2.
Was hat die Partei falsch gemacht? Wie wäre es mit "Mit der Agenda 2010 ihre Wähler und auch weite Teile ihrer Mitglieder verraten!"?
purple 14.07.2016
3. Macht
Das ist eigenlich ganz logisch. Ich habe mir schon mal überlegt mich zu engagieren, aber: Kurzfassung: Um an die Macht zu kommen braucht man völlig andere Eigenschaften, als die, die nötig wären um Macht verantwortungsvoll auszuüben. Ich konnte mir das nicht antun. Aus diesem Grund haben wir ausschließlich verantwortungslose machgeile Egomanen als Politiker an der Macht -und die Resultate sind entsprechend.
paulpuma 14.07.2016
4. mehr Demokratie und Aufrichtigkeit
statt mit Volkspädagogik jeden klugen Gedanken niederzuknüppeln.
hugahuga 14.07.2016
5.
Wenn man sich die Fehlleistungen eines gewissen Herrn Gabriel ansieht, dann verwundert der Mitgliederschwund mMn keineswegs. Jetzt eifert er sogar Herrn Erdogan nach, indem er einen Gerichtsentscheid nicht anerkennen und dagegen vorgehen will. Der Erhalt der Arbeitsplätze bei Kaisers/Tengelmann konnte auch nicht durch einen Ministererlass als gesichert angesehen werden. Dass allerdings durch das Ausscheiden eines Wettbewerbers mehr als 16 Tsd Mitarbeiter - nämlich die gesamte Öffentlichkeit - geschädigt worden wäre, scheint Gabriel nicht zu interessieren. Er hätte sich gestern den Beitrag bezüglich der bereits bestehenden Kartelle in Deutschland ansehen sollen. Die Kunden sind immer und in jedem Fall die Betrogenen. Aber, ob das diesen Minister wohl wirklich interessiert? Zweifel erscheinen mir angebracht. Politiker dieser Art sind die Totengräber der SPD - gilt allerdings auch für andere Parteien.
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