Grüne Landrätin im Landkreis Osnabrück Die Erste

Seit Kriegsende waren die Landräte im Kreis Osnabrück immer Männer, immer von der CDU. Nun hat Anna Kebschull die Wahl gewonnen. Ein Besuch bei der ersten grünen Landrätin Deutschlands.

Anna Kebschull, die erste grüne Landrätin Deutschlands
Friso Gentsch

Anna Kebschull, die erste grüne Landrätin Deutschlands

Von


Die Wahlplakate stehen auch Tage nach der Abstimmung noch. "Viel mehr Bus und Bahn. Mit Anna" steht auf einem. Die Grüne Anna Kebschull ist darauf zu sehen, wie sie mit zwei Bürgern Zug fährt. Das Bild ist nicht ganz scharf, ein Parteikollege hat es aufgenommen. Auf dem anderen verspricht, in Hochglanzoptik, der amtierende CDU-Landrat Michael Lübbersmann neben zwei anderen Bürgern: "Stark für den Landkreis Osnabrück".

Anna Kebschull fährt mit ihrem Familienkombi an den Plakaten vorbei. Sie ist unterwegs zu Bürgermeistern im Landkreis Osnabrück in Niedersachsen. Bei einem Landkreis fast so groß wie das Saarland ist das mit Bus, Bahn und Fahrrad nicht möglich. Noch nicht. Aber bald, wenn es nach Kebschull geht.

Noch vor wenigen Tagen kannten die Chemie-Ingenieurin außerhalb von Niedersachsen nur wenige Menschen. Dann gewann sie die Landratswahl in der CDU-Hochburg. Seit 1946 hatten die Wählerinnen und Wähler im Landkreis Osnabrück zuverlässig Männer von der CDU zu Landräten bestimmt. Bei der Kommunalwahl am 26. Mai zwang Kebschull Amtsinhaber Lübbersmann in die Stichwahl. Am 16. Juni wurde sie zur ersten grünen Landrätin Deutschlands gewählt. Sie bekam rund 52 Prozent der Stimmen, Lübbersmann etwa 48 Prozent.

Die gewählte Landrätin Anna Kebschull zwischen den Wahlplakaten von sich und ihrem Gegner
Friso Gentsch

Die gewählte Landrätin Anna Kebschull zwischen den Wahlplakaten von sich und ihrem Gegner

Auf einmal wird auch im politischen Berlin auf den Landkreis in Niedersachsen geschaut. In Osnabrück, so deuten es viele, haben die Grünen bewiesen, dass sie auch für Wähler der Union wählbar sind, ja, dass sie vielleicht sogar Chancen auf das Kanzleramt haben. Hier haben sie das eingelöst, wovon seit dem historisch guten Ergebnis bei der Europawahl viele träumen.

Kebschull findet diese Lesart übertrieben. Bei den Bürgermeisterwahlen in Georgsmarienhütte im Landkreis Osnabrück habe die grüne Kandidatin Mitte März nur zwölf Prozent der Wählerstimmen bekommen. Stattdessen gewann eine Kandidatin der SPD - ausgerechnet der Partei also, die gerade historisch schlechte Zustimmungswerte hat.

"Wir können den Leuten ihre Autos nicht verbieten"

Wenn sie ihren Sieg erklären soll, sagt Kebschull: "Manchmal passen viele Dinge einfach zusammen". Es sei eine Mischung aus Arbeit, Timing und Glück gewesen. Es durften junge Leute ab 16 Jahren abstimmen. Diese Gruppe wendet sich gerade von der CDU ab - und den Grünen zu. Kebschull sagt, sie wolle in der Kommune genau die Politik machen, mit der die Parteispitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck gerade wirbt, nämlich Kompromisse zu finden. Und: Das Image der Grünen habe sich verändert, sagt die 46-Jährige, "wir werden nicht mehr als Verbotspartei wahrgenommen".

Das ist Kebschull wichtig, um eines ihrer Kernthemen durchzusetzen: einen besseren öffentlichen Nahverkehr. Das ist nicht einfach in einer Gegend, in der viele Menschen auf ihre Autos angewiesen sind. Kebschull möchte das ändern: mit Bürgertickets, Apps und Mitfahrmöglichkeiten. "Ich möchte niemandem ein Auto verbieten", sagt sie, "wir machen das Angebot einfach so unschlagbar gut, dass sich Menschen fragen, warum sie noch so viel Geld für ein Auto ausgeben sollen".

Diese Pläne gefallen auch den beiden Bürgermeistern, die Kebschull an diesem Tag besucht. Der Bürgermeister der Gemeinde Ankum empfängt Kebschull mit fair gehandeltem Kaffee und Apfelkuchen vom eigenen Biobauernhof. Detert Brummer-Bange ist Mitglied der unabhängigen Wählergemeinschaft. Im Kreistag saß er lange neben Kebschull, als sie noch Fraktionsvorsitzende ihrer Partei war. Zur Begrüßung umarmt er seine Kollegin herzlich.

Wie kommt man ohne Auto in die Stadt?

Brummer-Bange sagt: "Ich glaube, die wenigsten haben sich vorstellen können, dass Anna gewinnt." Dem Landkreis gehe es gut, sagt er, das sei auch Kebschulls Vorgänger zu verdanken. "Aber jetzt gibt es eben neue Herausforderungen." Die Bevölkerung altere und sei darauf angewiesen, auch ohne Auto in die Stadt zu kommen.

Anna Kebschull und der Bürgermeister von Ankum, Detert Brummer-Bange
Friso Gentsch

Anna Kebschull und der Bürgermeister von Ankum, Detert Brummer-Bange

Und dann, fügt er hinzu, sei da noch das Thema Gewässerschutz. Er spielt an auf eine Debatte, die für Kebschulls Wahlsieg nicht unwichtig war. Es ging um die Breite eines Gewässerschutzstreifens, also eines Gebiets, in dem Landwirte ihre Felder nicht spritzen dürfen, damit keine Pestizide ins Wasser gelangen.

Erst setzte der CDU-Landrat gegen Empfehlungen von Naturschützern eine Breite von einem Meter durch. Kurz vor der Wahl schwenkte er dann auf die von den Grünen vorgeschlagenen fünf Meter um - und bot den Landwirten dafür finanzielle Entschädigung. "Viele haben gesagt, er sei einfach umgefallen", sagt Brummer-Bange. Dann trägt er Kebschull seine Anliegen vor. Vor allem treibt ihn der Ausbau der Stromtrassen um: Eine Überlandleitung soll hier entstehen.

Zudem solle die Anbindung nach Osnabrück dringend besser werden, bittet der Bürgermeister. Kebschull freut sich über dieses Stichwort und stellt nochmals ihre Pläne für den öffentlichen Nahverkehr vor. Wenn sie spricht, ist sie noch die Kandidatin im Bewerbermodus, nicht die kommende Landrätin.

Bürgermeister Nummer zwei erwartet Kebschull ein paar Kreisverkehre und etwa 15 Autominuten entfernt in Fürstenau. Benno Trütken verwaltet eine Samtgemeinde aus drei Ortschaften und auch er, das gibt der SPD-Politiker gleich zu Beginn zu, war überrascht über das Wahlergebnis.

Den Termin nutzt er, um Kebschull einen Prospekt zu präsentieren, er zeigt ihr den neuen Freizeitpark, wo man mit Panzern fahren kann, das Erlebnishotel im Gefängnis, die Schule, in dem Reiten als Sport bis zum Abitur möglich ist. Dann spricht Trütken über die Probleme seiner Gemeinde: die schlechte Anbindung nach Osnabrück, den Breitbandausbau, fehlende Arbeitsplätze. Zum Schluss überreicht er eine grüne Jutetasche mit Windrad und Schutz für den Fahrradsattel. Auf Wiedersehen und auf gute Zusammenarbeit.

Anna Kebschull im Gespräch mit Bürgermeister Benno Trütken
Friso Gentsch

Anna Kebschull im Gespräch mit Bürgermeister Benno Trütken

Bevor Kebschull im November ihr Amt offiziell antritt, ist noch viel zu organisieren. Sie muss einen stellvertretenden Geschäftsführer für die Nachhilfeschulen finden, die sie besitzt, einen Stab zusammenstellen, Verwaltungsarbeit lernen.

Nur jeder zehnte Landrat ist weiblich

Als sie wieder im Auto sitzt, rufen weitere Bürgermeister an, um zu gratulieren. Kebschull freut sich. Sie ist stolz darauf, was sie geschafft hat: In Deutschland ist nur jeder zehnte Landratsposten mit einer Frau besetzt. Außer Kebschull gibt es überhaupt nur zwei weitere Landräte von den Grünen, in Bayern. Kebschull ist 2009 in die Partei eingetreten, aus Protest gegen Angela Merkels Atompolitik. Sie hatte sich nie vorgenommen, politische Karriere zu machen, sagt Kebschull. Sie saß im Gemeinderat, später im Kreistag. Und bald sitzt sie im Landratsamt.

Was nach der Wahl anders ist? Endlich, sagt Kebschull, könne sie mal etwas umsetzen. Endlich habe sie Einfluss. Das Wort Macht benutzt sie nur ungern, es erinnere sie zu sehr an die alten Strukturen. Schließlich, findet Kebschull, haben die Wähler dafür gestimmt, dass sich wirklich etwas verändert.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Die seltsame Ratte 23.06.2019
1. Hilfsschülerniveau !
"Dann trägt er Kebschull seine Anliegen vor. Vor allem treibt ihn der Ausbau der Stromtrassen um: Eine Überlandleitung soll hier entstehen". Soll die jetzt entstehen oder verhindert werden ?
Ingenieur_Maschbau 23.06.2019
2. Totaler Unsinn
Ein öffentlicher Nahverkehr macht erst dann Sinn, wenn jedes Dorf eine Anbindung im 10 Minuten Takt bekommt. Aber wo soll das Geld herkommen in einer von Groß-Industrie dünn besiedelten Landschaft. Und zudem lügt der Spiegel. Es existiert kein Gymnasium in Fürstenau sondern nur eine IGS, aber das ist ja egal Hauptsache man kann wieder Geschichten erzählen. Aber perfekt für eure grün-radikale Leserschaft. Zudem Frage an den Spiegel: Warum kämpfen die Grünen um Vernichtung von Ackerland und politisieren im gleichen Atemzug die von der Klimaveränderung hervorgerufenen Dürreschäden? (Ähnlich heiße hintereinander folgende Jahre gab es in den letzten Jahrhunderten häufiger, aber das will natürlich keiner hören. Sowie keiner eine Debatte darüber führen möchte, wie wir auch noch in den nächsten 100 Jahren in Wohlstand leben können - die um tausende Jahre verfrühte Beendigung der Eiszeit wird die klimatischen Bedingungen in Europa nur geringfügig ändern -. Das wir im Wohlstand leben und das Erbe unserer Eltern und Großeltern bewahren, ist meiner Meinung nach eine wesentlich wichtigere Frage, als die berechtigte ökologische und nachhaltige Veränderung unserer Lebensweise)
urmel_99 23.06.2019
3. ...er zeigt ihr den neuen Freizeitpark, wo man mit Panzern fahren kann
Die haben doch sicher Dieselpartikelfilter, einen AdBlue-Tank und entsprechen 6d-Temp Norm? Wo wird an auf diesem Freizeitpark gemessen? Die wollen doch bestimmt nicht die Bürger vergiften???
kenterziege 23.06.2019
4. Mehr Busse und Bahnen
Zitat von Ingenieur_MaschbauEin öffentlicher Nahverkehr macht erst dann Sinn, wenn jedes Dorf eine Anbindung im 10 Minuten Takt bekommt. Aber wo soll das Geld herkommen in einer von Groß-Industrie dünn besiedelten Landschaft. Und zudem lügt der Spiegel. Es existiert kein Gymnasium in Fürstenau sondern nur eine IGS, aber das ist ja egal Hauptsache man kann wieder Geschichten erzählen. Aber perfekt für eure grün-radikale Leserschaft. Zudem Frage an den Spiegel: Warum kämpfen die Grünen um Vernichtung von Ackerland und politisieren im gleichen Atemzug die von der Klimaveränderung hervorgerufenen Dürreschäden? (Ähnlich heiße hintereinander folgende Jahre gab es in den letzten Jahrhunderten häufiger, aber das will natürlich keiner hören. Sowie keiner eine Debatte darüber führen möchte, wie wir auch noch in den nächsten 100 Jahren in Wohlstand leben können - die um tausende Jahre verfrühte Beendigung der Eiszeit wird die klimatischen Bedingungen in Europa nur geringfügig ändern -. Das wir im Wohlstand leben und das Erbe unserer Eltern und Großeltern bewahren, ist meiner Meinung nach eine wesentlich wichtigere Frage, als die berechtigte ökologische und nachhaltige Veränderung unserer Lebensweise)
Die Grünen sind für mehr Busse und Bahnen in der Fläche. Jeder weiß, daß Busse und Bahnen nur in der Rush-Hour genutzt werden. Da sind sie überfüllt - auch von Zeitgenossen, die sich in diesen teuren Verkehrsmitteln nicht zu benehmen wissen. Außerhalb der Rush-Hour sind die Busse leer. Da fährt so ein 6 Tonnen Fahrzeug mit einem Verbrauch von 25 l Diesel/100 km für den Fahrer und wenn es hochkommt, drei Fahrgästen herum. Die Krux ist, daß der ÖNPV völlig obsolet ist, wenn nun zu den schwachen Zeiten kein Bus fährt. Die pauschale Aussage der Grünen für mehr Busse und Bahnen ist eben nicht klimaschonend. Auch wenn das verhasst ist: UBER würde das besser in den Griff bekommen. Da fahren eben kleine Fahrzeuge hoch effektiv durch die Gegend, wenn sie gebraucht werden. Die Kontrolle der Fahrer ist perfekt. Abends in einem Bus mit zwei verdächtigen Personen möchte ich meine Tochter nicht fahren lassen.
zeichenkette 23.06.2019
5.
Zitat von Ingenieur_MaschbauEin öffentlicher Nahverkehr macht erst dann Sinn, wenn jedes Dorf eine Anbindung im 10 Minuten Takt bekommt. Aber wo soll das Geld herkommen in einer von Groß-Industrie dünn besiedelten Landschaft. Und zudem lügt der Spiegel. Es existiert kein Gymnasium in Fürstenau sondern nur eine IGS, aber das ist ja egal Hauptsache man kann wieder Geschichten erzählen. Aber perfekt für eure grün-radikale Leserschaft. Zudem Frage an den Spiegel: Warum kämpfen die Grünen um Vernichtung von Ackerland und politisieren im gleichen Atemzug die von der Klimaveränderung hervorgerufenen Dürreschäden? (Ähnlich heiße hintereinander folgende Jahre gab es in den letzten Jahrhunderten häufiger, aber das will natürlich keiner hören. Sowie keiner eine Debatte darüber führen möchte, wie wir auch noch in den nächsten 100 Jahren in Wohlstand leben können - die um tausende Jahre verfrühte Beendigung der Eiszeit wird die klimatischen Bedingungen in Europa nur geringfügig ändern -. Das wir im Wohlstand leben und das Erbe unserer Eltern und Großeltern bewahren, ist meiner Meinung nach eine wesentlich wichtigere Frage, als die berechtigte ökologische und nachhaltige Veränderung unserer Lebensweise)
Ich will da jetzt nicht auf alles einzeln eingehen, aber Sie finden wirklich, dass "Wohlstand" (welcher und für wen?) wichtiger ist, als funktionierende Ökosysteme und eine Zukunft, in der man leben und mit positiver Aussicht Kinder großziehen kann? Ich glaube vielmehr, dass immer mehr Menschen einsehen, dass man auch mal den Gürtel enger schnallen muss, wenn man eine Zukunft haben will. Dauerhaft über seine Verhältnisse zu leben, geht nun mal nicht. Und je eher man anfängt, daran etwas zu ändern, desto weniger drastisch werden die nötigen Änderungen. Und genau darauf warten die Menschen: Endlich mal wieder eine Zukunft vor sich zu sehen, die vielleicht funktioniert, und die Ärmel hochzukrempeln und daran zusammen zu arbeiten, auch wenn es vielleicht anstrengend wird, anstatt immer nur voller Angst mit dem Rücken zur Wand das zu verteidigen, was man gerade so in den Händen hält. Das geht so nicht weiter und natürlich sind es zuerst junge Menschen, die das einsehen, denn für sie ändert sich ja ohnehin ständig noch alles. Aber auch den nicht mehr so ganz jungen Menschen dämmert das so langsam. Diese ewigen Rückzugsgefechte hängen immer mehr Menschen zum Hals heraus. Wenn schon Änderungen, dann bitte solche, die man selber macht. Und dieses ständige "alles Blödsinn mit der Umwelt" klingt langsam wie ein Sprung in der Platte... sind Sie vor 30 Jahren schon Auto gefahren? Hatten Sie damals im Sommer die Scheibe voller Insekten kleben? Bestimmt. Haben Sie das heute auch noch? Nö, es gibt kaum noch welche. Dafür muss man niemandem glauben als seinen eigenen Erfahrungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.