"Ländlicher Raum ausgeblutet" Ostdeutsche Einwohnerzahl so niedrig wie zuletzt 1905

Die Bevölkerungszahl in Westdeutschland hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Und im Osten? Dort wohnen etwa so viele Menschen wie damals. Dafür gibt es drei Gründe.
Görlitz in Sachsen

Görlitz in Sachsen

Foto: Sebastian Kahnert/ DPA

In Ostdeutschland leben einer Studie zufolge fast so wenige Menschen wie seit 1905 nicht mehr. Gleichzeitig zählt das Gebiet der alten Bundesrepublik so viele Einwohner wie niemals zuvor in der Geschichte. Das geht aus einer wirtschaftshistorischen Studie der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts  hervor.

Im Jahr 1905 lebten laut der Studie im heutigen Westdeutschland etwa 32,6 Millionen Menschen. Das Gebiet, das später zur DDR wurde, umfasste 13,6 Millionen Einwohner. Seitdem hat sich die Zahl im heutigen Westdeutschland mehr als verdoppelt - auf 68,7 Millionen. In Ostdeutschland hingegen hat sich die Zahl im Vergleich zu 1905 fast gar nicht verändert: Heute leben hier 13,9 Millionen Menschen. Das sagte Studienautor Felix Rösel dem SPIEGEL.

"Die Einwohnerzahlen beider Landesteile driften trotz Wiedervereinigung nahezu ungebremst auseinander", schreibt Rösel in der Studie. "Die anhaltende Wucht der deutschen Teilung wird bis heute in der Öffentlichkeit völlig unterschätzt. Dieser Aspekt wird häufig übersehen und bedarf besonderer politischer Berücksichtigung." (hier sehen Sie eine Animation aus dem Jahr 2014 zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland)

Das Institut nennt drei Gründe für den Bevölkerungsschwund:

  • Die Massenflucht aus Ostdeutschland von 1949 bis zum Mauerbau im Jahr 1961 wird als Hauptursache geführt.
  • Der DDR fehlte die Zuwanderung junger Gastarbeiter in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren.
  • Auch die Abwanderung nach der Wende vor 30 Jahren hat zur unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung beigetragen.

Das Potenzial, das ostdeutsche Städte theoretisch gehabt hätten, beschreibt der Ifo-Forscher mit einem Rechenspiel: "Wäre die Einwohnerzahl in Ostdeutschland nach Kriegsende genauso gewachsen wie in Westdeutschland, würden in Ostdeutschland heute rund doppelt so viele Einwohner leben. Dresden und Leipzig wären jeweils Millionenstädte!" Beide sächsischen Großstädte zählen derzeit etwa 550.000 Einwohner.

Vor der deutschen Teilung vor rund 70 Jahren hatten sich Ost- und Westdeutschland dagegen nahezu parallel entwickelt. "Einkommen und Arbeitslosenquoten in Ost und West gleichen sich zwar langsam an, aber die Bevölkerungszahlen driften immer weiter auseinander", sagte Rösel.

Das Problem konzentriere sich aber nicht nur auf die Städte, sondern besonders auch auf das Land, so der Ifo-Forscher: "Der ländliche Raum im Osten ist infolge der deutschen Teilung regelrecht ausgeblutet."

aev/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.