Ostermärsche Hoffen auf den Afghanistan-Effekt

Zu Ostern werden sie wieder marschieren. Mütter mit Kindern, junge wie alte Menschen, mit Transparenten und beschrifteten Pappschildern in den Händen. Gegen ein Eingreifen der USA im Irak, gegen eine Umwandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee, gegen Elend und Zerstörung und für Abrüstung und Frieden auf der Welt. Jetzt hoffen sie auf neuen Zulauf - wegen des Afghanistan-Einsatzes.

Von Süleyman Artiisik


"... schaffen ohne Waffen": Anti-Kriegsdemo in Berlin 2001
REUTERS

"... schaffen ohne Waffen": Anti-Kriegsdemo in Berlin 2001

Berlin - Laura von Wimmersperg ist mit den Jahren vorsichtiger geworden. "Ich hoffe natürlich sehr, dass die Menschen zahlreich an den Märschen teilnehmen", sagt die Sprecherin vom Bündnis Achse des Friedens in Berlin. Wie viele es genau sein werden, könne sie jedoch nicht sagen. Seit mehr als 20 Jahren ist sie nun als Friedensaktivistin tätig und hat das Auf und Ab der Bewegung miterlebt. Prognosen über Teilnehmerzahlen abzugeben, das ahnt Wimmersperg, kann schnell zu hämischen Reaktionen in der Öffentlichkeit führen.

Erst vor wenigen Monaten hatte sich die Friedensorganisation gründlich überschätzt. Nach dem Beginn der US-Luftangriffe auf Afghanistan rechneten die Berliner Aktivisten mit mehreren zehntausend Demonstranten - am Ende versammelten sich lediglich 5000 Menschen am Brandenburger Tor. "Das war schon deprimierend“, gesteht die 66-Jährige. Auch der Ostermarsch im Jahr 2001 war kaum mehr als eine Randnotiz in den Medien. Nur eintausend kamen in Berlin zusammen, in anderen großen Städten lagen die Zahlen ebenfalls kaum höher. Dieses Jahr sind in mehr als 60 bundesdeutschen Städten Demonstrationen angemeldet. Höhepunkt werden Veranstaltungen am Ostermontag in Hamburg, Frankfurt, Nürnberg und Berlin sein.

Ostern 2002 setzt die Friedensbewegung auf den Afghanistan-Effekt. "Viele Menschen fühlen sich persönlich angesprochen und bedroht", meint Kristian Nolle, Sprecher des Netzwerks Friedenskooperative in Bonn. Zwar will auch er keine genauen Zahlen nennen, doch er ist optimistisch: "Das Interesse wird in diesem Jahr deutlich höher sein.“

Ein massenhafter Zulauf wie noch in den achtziger Jahren ist jedoch unwahrscheinlich. Damals gingen über Ostern Hunderttausende auf die Straße, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu protestieren. Kurz zuvor hatte die Sowjetunion SS-20-Mittelstrecken-Raketen in Mitteleuropa stationiert. Nach der Einigung zwischen den USA und der UdSSR über den Abbau der atomaren Mittelstrecken-Waffen 1987 verlor die Ostermarsch-Bewegung eines ihrer Hauptthemen. Jedes Jahr folgten weniger Menschen den Aufrufen der Friedensaktivisten. Lediglich während des Golf-Kriegs vor zwölf Jahren erlebte die Bewegung noch einmal eine kurze Blütezeit.

Mit den Grünen verbindet die Protagonisten der Friedensbewegung nur noch wenig. Zu groß ist die Enttäuschung darüber, dass viele Regierungsmitglieder, die einst mit auf die Straße zogen, heute die Beteiligung Deutschlands an Auslandseinsätzen verteidigen.

Nicht mehr das, was es mal war: Der Ostermarsch.
AP

Nicht mehr das, was es mal war: Der Ostermarsch.

Folglich richtet sich der Protest der Friedensbewegung auch dieses Jahr gegen die Politik der rot-grünen Bundesregierung: "Die Mehrheit der Parteien nehmen von einer friedensorientierten Politik immer mehr Abstand“, sagt Horst Trapp, Sprecher des Ostermarschbüros in Frankfurt. Um so mehr sei nun die Friedensbewegung gefordert, die außerparlamentarischen Kräfte zu stärken.

Die Forderungen der Friedensbewegung sind die alten geblieben: Die Rüstungskosten in Milliardenhöhe sollten in zivile Projekte wie Bildung, Erziehung, Wohnungsbau und kommunaler Infrastruktur investiert werden. Mit Rot-Grün geht Trapp dabei hart ins Gericht. Deutschland solle "wieder als 'normale' Militärmacht dabei sein, wenn es um geopolitische Interessen, um Militärstützpunkte, um die Kontrolle der Bodenschätze, der Energiequellen, um Erdöl und Erdgas geht". Soldaten der Bundeswehr hätten bei solchen Einsätzen nichts zu suchen, lehnt er jede Beteiligung kategorisch ab. Das Nein zum Krieg sei eine "grundsätzliche Absage aus humanitären, moralischen, politischen und auch aus wirtschaftlichen Gründen".

PDS setzt auf Ostermärsche

Setzt auf diplomatische Instrumente: Die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer
DPA

Setzt auf diplomatische Instrumente: Die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer

Die PDS ruft in diesem Jahr die Bevölkerung auf, sich an den Ostermärschen breit und aktiv zu beteiligen. Das war im vergangenen Jahr anders. Da waren erstmals kritische Töne von PDS-Funktionären zu vernehmen. Der Berliner Aufruf sei "verquast und undifferenziert", monierte im Frühjahr 2001 die damalige Berliner Landeschefin Petra Pau. Der Protest richte sich gegen alles und jeden.

Die Kritik hat die PDS dieses Jahr nicht wiederholt. Wohl auch, um nicht in Argumentationsnöte zu geraten. Denn während des Wahlkampfes zum Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst 2001 ließ die Partei stadtweit Plakate mit der Friedenstaube auf blauem Grund kleben. Das Ziel der demokratischen Sozialisten: enttäuschte rot-grüne Wähler zu gewinnen. Daher ist es nur konsequent, dass die PDS ihren Aufruf zu den Ostermärschen mit der Kritik an der Außenpolitik der Bundesregierung verknüpft.

So verlangt denn auch die PDS-Bundesvorsitzende Gabi Zimmer von Außenminister Joschka Fischer und Kanzler Gerhard Schröder, "sich bei ihrem Bündnispartner USA gegen eine Intervention in Irak, gegen die Entwicklung neuer Atomwaffen und deren Anwendung stark zu machen". Die uneingeschränkte US-Gefolgschaft solle aufgegeben und stattdessen viel stärker als bisher auf diplomatische, völkerrechtliche, wirtschaftliche Instrumente in der Konfliktlösung gesetzt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.