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Ostsee-Flüchtlinge Für einen Urlaubsflirt in die Todeszone

Der eine wagte für eine Urlaubsbekanntschaft die gefährlichste Bootsfahrt seines Lebens. Der andere durchkreuzte als Grenztruppenoffizier die Fluchtpläne Hunderter DDR-Bürger. Jahrzehnte später erzählen beide Männer ihre Geschichte - da wo alles begann, im Badeort Kühlungsborn.
Von Leila Knüppel und Annett Meiritz

An die Vergangenheit Kühlungsborns als ein Knotenpunkt des Kalten Krieges erinnert nur noch ein Turm: Früher schoben DDR-Soldaten hier ihren Dienst, jetzt klettern Urlauber schmale Metallsprossen empor und bestaunen das Panorama. Wellen, Bunen, Sand, die Weite.

Bis vor gut 20 Jahren hieß es noch: Bis hierhin und nicht weiter. Das DDR-Regime versuchte alles, um Republikflüchtlinge von einer Fahrt über das offene Meer abzuhalten - nach Fehmarn, an das Festland von Schleswig-Holstein oder nach Dänemark, in die Freiheit. Nur die wenigsten der vielen hundert, die es wagten, schafften es.

Die Kampfschwimmer-Brigade der DDR trainierte in Kühlungsborn, eine Kette von Wachtürmen entlang der gesamten Küste bildete eine kaum durchdringbare Barriere. Dazu kamen Strandpatrouillen, Suchscheinwerfer, Hundestaffeln und Schiffe der Seestreitkräfte.

Es gibt Menschen, die trotzdem versucht haben zu fliehen. Einer davon ist Wolfgang Steidler, heute 70 Jahre alt. Und es gibt Menschen, die die Fluchten verhindern sollten. Einer davon ist der heute 60-jährige Ralph-Ingo Unger. Beide haben ihre Sicht der Dinge SPIEGEL ONLINE vor der Kamera erzählt.

"Nicht beim Kindergeburtstag"

Unger ist ein ehemaliger DDR-Offizier, sein halbes Leben sorgte er dafür, dass die Grenze dicht war. Oder, wie er seinen Job beschreibt: "Wir mussten die Ab- und Anlandungen verhindern." Sprich: DDR-Bürger davon abhalten, über die Ostsee in den Westen zu flüchten. Hunderte Grenzsoldaten hörten auf sein Kommando, verteilt auf mehrere Badeorte an der Ostseeküste, darunter Kühlungsborn.

Laut seinen Vorgesetzten zeichnete ihn ein "grenzbezogenes Denken" aus. SED-Mitglied mit 20, Oberleutnant mit 24, Kompaniechef mit 30, dann Korvettenkapitän, mit 37 Stabschef des Grenzbataillons 3 - Unger ist noch heute stolz auf seine Karriere in der Ost-Armee.

Bei der "Verteidigung der Grenze" konnte es um Leben und Tod gehen, daraus macht er keinen Hehl. "Wir waren hier nicht beim Kindergeburtstag", erzählt er im Interview.

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Die meisten Fluchtwilligen wurden schon weit vor dem Strand im Inland abgefangen, durch Stasi-Agenten, Polizisten, auch durch Tipps "freiwilliger Grenzhelfer", also der Anwohner. Der Verein "Ostsee Grenzturm" hat knapp 40 Fluchtversuche allein aus Kühlungsborn rekonstruiert. 15 erfolgreiche Fluchten aus dem Badeort sind bekannt. Wie viele auf offener See starben, weiß man nicht.

Auch Wolfgang Steidler wollte raus. Hört man seine Geschichte, will man die Fluchtaktion als jugendlichen Leichtsinn abtun. Steidler war 22, als er in Kühlungsborn als Rettungsschwimmer anheuerte. "Er war ein Mädchenschwarm", sagt seine heutige Frau. Sie kamen erst zusammen, als "alles vorbei war".

Vorher gab es noch eine andere Frau in seinem Leben: Der junge Steidler hatte sich im Sommer 1961 am Strand von Kühlungsborn in eine Schwedin verliebt. Es war der Sommer, in dem das DDR-Regime die Berliner Mauer hochzog und damit das letzte Schlupfloch verriegelte. Am Ende der Ferien fuhr die Schwedin nach Hause - und Steidler wollte hinterher. Mit einem Kumpel, einem schwarz bemalten Paddelboot und Proviant machte er sich auf den Weg.

Am Ende sollte Steidlers Flucht scheitern, er wurde von einem polnischen Boot aufgegriffen und ins Stasi-Gefängnis gesteckt. Der 70-Jährige beschreibt die Geschichte seiner gefährlichen Überfahrt wie das Drehbuch eines Abenteuerfilms, er macht Witze, er lacht. Doch wenn die Kamera ausgeschaltet ist, bricht Steidler in Tränen aus.

Dann erzählt er stockend, wie er als Jugendlicher vor versammelter Schulklasse gedemütigt wurde, weil er die Jeans einer Westmarke trug. Er erzählt von den tagelangen Verhören im Knast nach dem Fluchtversuch, der bedrückenden Einzelhaft, dem Arbeitslager. Viele Worte findet er nicht, die Tränen sind ihm unangenehm.

Steidler hat nie wieder einen Fluchtversuch unternommen, er galt später als "Paradebeispiel einer gelungenen Wiedereingliederung in die DDR-Gesellschaft". Zurück in Kühlungsborn fand er seine heutige Ehefrau. Längst wohnt das Paar nicht mehr im Ostseebad. In ihrem früheren Tanzlokal ist heute ein Fischrestaurant.

Der ehemaligen Kommandant Unger hat einen Verlag gefunden, der sein Buch über die Grenzbrigade Küste rausbringt. Republikflüchtlinge sind für ihn noch heute "sogenannte Grenzverletzer", die die "sogenannte Freiheit" erfahren wollten.

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