Oswald Metzger und die CDU Alien im Aufnahmezustand

"Wir lassen uns nicht reinreden": Der Widerstand gegen den Ex-Grünen Oswald Metzger in der schwäbischen CDU wächst. Sein Versuch, in deren geordnete Welt einzudringen, verstört und provoziert Abwehrreflexe - doch das stört ihn nicht. Er charmiert schon mal an der Basis für einen Sitz im Bundestag.

Von , Biberach


Biberach - Josef Rief hat 50 Hektar Ackerland, zehn Hektar Wald und hundert Mutterschweine. Er besitzt sogar einen eigenen Mähdrescher: "Hat nicht jeder", sagt Rief. Der Schweinezüchter ist der Vorsitzende der CDU im Kreis Biberach, einer stolzen Partei. Hier boomt die Wirtschaft, hier herrscht Vollbeschäftigung.

Neu-Konservativer Metzger: "Immer gegen uns Wahlkampf gemacht"
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Neu-Konservativer Metzger: "Immer gegen uns Wahlkampf gemacht"

Die Bauern auf dem Land sind wohlhabend. In Biberach reiht sich ein Unternehmen ans andere, darunter Riesen wie der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und der Maschinenbauer Liebherr. Hier ist die Welt in Ordnung.

Besonders bei der CDU.

Mindestens 50 Prozent sind Standard bei allen Wahlen. Nach der Wahl im Herbst 2009 möchte CDU-Chef Rief in den Bundestag. Eigentlich eine sichere Sache.

Herr Rief von der CDU hat ein Problem

Wenn da nur nicht Oswald Metzger wäre. Der Ex-Grüne will nicht nur in Riefs CDU mitmischen, er will auch gleich das Bundestagsmandat. Am 23. April muss der Kreisvorstand über Metzgers Aufnahmeantrag entscheiden, am 1. Juli bestimmen die 1500 Mitglieder ihren Kandidaten für Berlin. Der marktliberale Talkshow-Dauergast Metzger gegen den bodenständigen Bauern, die Verkörperung dieser oberschwäbischen CDU.

Das CDU-Alien gegen die lokale CDU-Elite. Ein Duell der Welten. Mit ungewissem Ausgang.

Ein paar Kilometer draußen vor der Ortschaft Kirchberg an der Iller sitzt Josef Rief in der Wohnstube seines Hofs. Über sich an der Wand ein Kruzifix, vor sich eine Tasse Kaffee, schwarz. Was ist das für eine CDU, in die Metzger da hinein will?

Rief schaut aus dem Fenster, über den Konkurrenten mag er nicht viel reden. Lieber über die Vergangenheit - und sagt damit doch viel über den Ex-Grünen. Dies sei der Wahlkreis von Matthias Erzberger gewesen, dem Zentrums-Politiker und späteren Reichsfinanzminister, der das noch heute geltende Steuersystem schuf. Auch seine eigene Familie sei in der Vorgängerpartei der CDU aktiv gewesen, erzählt Rief. Als Hitler die Macht übernahm, sei der Großvater aus dem Gemeinderat entfernt worden, die Großmutter aber sei dringeblieben - und habe Nazi-Plakate von den Wänden im Dorf gerissen.

"Man muss wissen, wo man hingehört"

Josef Rief ist stolz auf Familie und Partei. "Man muss wissen, wo man hingehört", sagt er. Mit 18 Jahren trat er in die Junge Union ein. Nie an eine andere Partei gedacht? Der 48-Jährige lächelt unterm Schnauzbart: "Nein, natürlich nicht."

Oswald Metzger dagegen war erst in der SPD, dann bei den Grünen. Und jetzt will er in Riefs CDU. Für solche Wechselspiele ist kein Platz in dessen Politikverständnis. Aber das sagt der Mann in Jeans und blauem Pullover nicht: "Ich bin der Vorsitzende, ich muss die Enden zusammenführen." Denn es gebe Mitglieder, die Metzger "kategorisch ablehnen", viele drohten mit Austritt. Andere sagten, die CDU als demokratische Partei müsse ihn aufnehmen. Da einen Ausgleich zu schaffen, das sei "eine Riesenarbeit, mehr will ich nicht sagen".

Der Ex-Grüne habe mit der Kreis-CDU vorher nicht über seinen Beitrittswunsch gesprochen - und jetzt wolle er gleich das Bundestagsmandat: "Das hat die Leut' hier erbost." Aber hat nicht CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla schon mit einem öffentlichen "Herzlich Willkommen!" in Richtung Metzger reagiert? Und soll nicht auch Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger Ähnliches vorgehabt haben, dann aber noch gebremst worden sein? Rief: "Je weiter man sich von Biberach entfernt, desto größer ist die Aufnahmebereitschaft für Metzger." Im Übrigen habe er keinen Kontakt zu Pofalla, "wir als Kreisverband lassen uns nicht reinreden".

Außerdem ist Oberschwaben nicht Berlin. Was nützen Metzgers Fähigkeiten, wenn das Bodenständige zählt?

Stolze CDU-Oberschwaben gegen Metzger

Zum Vertreter der Senioren-Union geht es von Riefs Hof aus 30 Kilometer übers Land, vorbei an Neubaugebieten. Die neuen, mindestens zweistöckigen Häuser strahlen in blassrosa, orange und blau. In jedem Dorf ein mittelständisches Unternehmen, Krawattenträger grüßen Traktorfahrer. Überall Aufschwung, überall Zuzug. Hans Rapp wohnt im Neubaugebiet von Schemmerhofen. Der 69-Jährige ist Vizechef der CDU-Senioren und hat eine schwäbische Karriere hinter sich. Mit 23 hat sich der Kfz-Mechaniker selbständig gemacht, ein Autohaus mit zwei Dutzend Angestellten aufgebaut: "Eine der besten Renault-Werkstätten im deutschsprachigen Raum." Wieder ein stolzer Oberschwabe.

Metzgers Ansinnen, gleich Bundestagskandidat zu werden, ist Rapp suspekt. Er zieht eine Parallele zum Autohaus: "Da wirst du als Geselle eingestellt - und wenn du Leistung bringst, wirst du befördert." Oswald Metzger als CDU-Geselle.

Er habe sich noch nicht entschieden, ob er sich Ende April im Kreisvorstand für oder gegen die Aufnahme Metzgers in die Partei entscheiden werde, sagt Rapp: "Er hat doch immer gegen uns Wahlkampf gemacht."

"Das können unsere Leute nicht vergessen", sagt auch Armin Schneider, der Kreisvorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung. Freut er sich denn nicht über den wirtschaftspolitischen Mitstreiter Metzger? Der 30-Jährige grinst. Zwar deckten sich Metzgers Aussagen zur Steuerpolitik mit CDU-Positionen, doch im Bundestag "hat er den Gesetzesvorlagen vom damaligen SPD-Finanzminister Lafontaine zugestimmt". Es sei absehbar gewesen, dass er nun zur CDU wechseln wolle, "in der FDP hätte er keine Chance auf ein Bundestagsmandat gehabt".

Metzger werde zwar sicherlich in der Partei mitmachen können: "Die CDU ist eine große Volkspartei, die nimmt eigentlich jeden auf." Doch die Chancen für den Bundestag stünden schlecht. Denn der Bewerber treffe das "oberschwäbische Gefühl" nicht: "Die Leute hier denken in geordneten, langfristigen Strukturen. Das Sprunghafte des Herrn Metzger kommt da nicht gut an."

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