OSZE-Konferenz Schoeps warnt vor Antisemitismus durch die Hintertür

Der Termin ist gut gewählt. Die Antisemitismus-Konferenz der OSZE in Berlin beginnt unmittelbar vor der Aufnahme von zehn neuen Mitgliedsstaaten in die EU - ein Thema, das die Delegierten sehr beschäftigen wird. Experten wie der Wissenschaftler Schoeps befürchten, dass die EU-Erweiterung Antisemitismus nach Europa importiert.

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 Holocaust-Ausstellung in Berlin (2002): Massenmord als Ergebnis des radikalsten Antisemitismus
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Holocaust-Ausstellung in Berlin (2002): Massenmord als Ergebnis des radikalsten Antisemitismus

Berlin - Für den Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien steht es außer Frage. "Durch den Beitritt der neuen osteuropäischen EU-Staaten werden der Nationalismus und Antisemitismus durch die Hintertür zu uns hineinkommen. Darauf sind wir schlichtweg nicht vorbereitet. Dabei war schon seit Jahren klar, dass beide Faktoren uns noch eine Menge Probleme bereiten werden", sagt Julius Schoeps im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Historiker, der im vergangenen Jahr sein Buch "Mein Weg als deutscher Jude" veröffentlichte, sieht denn auch mit gewisser Skepsis jener Konferenz entgegen, die heute und morgen auf Einladung der Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit in Europa (OSZE) und der Bundesregierung in Berlin stattfindet. Rund 500 Vertreter aus 55 Staaten, darunter Nicht-Regierungsorganisationen, nehmen daran teil. Zu ihnen gehören auch Teilnehmer aus den neuen osteuropäischen Beitrittsländern, die am 1. Mai zur EU stoßen werden. Für Schoeps kommt die OSZE-Konferenz - die zweite innerhalb eines Jahres - zum Thema Antisemitismus angesichts der EU-Erweiterung viel zu spät. "Vielen in Westeuropa dämmert erst jetzt, dass in den osteuropäischen Staaten die antisemitische Vergangenheit, in welcher politischen Schattierung sie auch immer auftrat oder auftritt, bis heute nicht wirklich aufbereitet worden ist."

 Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin (2002): Latente Gefahr
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Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin (2002): Latente Gefahr

Droht also, wie nicht nur Schoeps befürchtet, der vorwiegend westeuropäischen EU durch ihre Osterweiterung ein neuer antisemitischer Diskurs? Die Angst ist da. Der klassische Antisemitismus in Osteuropa könne sich mit dem subtilen Antisemitismus vermischen, der in Deutschland und anderen EU-Staaten vorhanden sei, meinte jüngst in der "Berliner Zeitung" der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn.

Das Thema ist schwierig und oftmals nicht klar einzugrenzen. Nicht immer geht es in Osteuropa um offene oder verdeckte Judenfeindlichkeit. In vielen osteuropäischen Staaten wird schlichtweg aus nationalem Pathos heraus die kommunistische Vergangenheit vor die Leidensgeschichte ihrer jüdischen Bürger geschoben.

Einen Vorgeschmack auf die Auseinandersetzungen, die mit dem Beitritt auf die EU zukommen, lieferte jüngst ein Auftritt der ehemaligen lettischen Außenministerin Sandra Kalniete auf der Leipziger Buchmesse. In ihrer Rede nannte sie Nazismus und Kommunismus in einem Atemzug "gleich kriminell" und sprach schließlich sogar davon, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der "Genozid an den Völkern Osteuropas" seine Fortsetzung gefunden habe. Der Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland verließ daraufhin empört den Saal. Korn erzürnte, dass die frühere Außenministerin ihr Land als Opfer einer völkerrechtswidrigen Politik dargestellt, die Beteiligung der Letten am Holocaust hingegen unerwähnt gelassen hatte.

Debatte um frühere lettische Außenministerin

Der Vorfall löste in Deutschland eine Debatte auf den Kulturseiten der Zeitungen aus. Kalniete, fanden viele Kommentatoren, war mit ihrem "Genozid-Vergleich" zu weit gegangen. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb Thomas Schmid nach dem Eklat: "Wie der zivile Konsens Westeuropas etwa durch ein vorziviles muslimisches Selbstbewusstsein in Frage gestellt werden kann, so kann er auch durch eine grobe Unschuld, die aus dem Osten kommt, bedrängt werden."

Was in Deutschland kontroverse Debatten auslöst - die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus - in vielen osteuropäischen Ländern gehört es zum Standardrepertoire der öffentlichen Meinung. Steht dahinter aber zwangsläufig die Verdrängung des Holocaust? In der "Zeit" warnte Richard Herzinger, die "unscharf formulierende lettische Politikerin mit Geschichtsrevisionisten der westlichen Posthistorie, mit all den Haiders und Hohmännern, in Verbindung zu bringen". Die Osteuropäer wollten, so glaubt der Journalist, dass sich der Westen mit der kommunistischen Seite der europäischen Totalitarismusgeschichte ebenso intensiv befasse wie mit den Schrecken des Nationalsozialismus.

Das Problem ist nur: In vielen Ländern Osteuropas liegt der Verdacht nahe, dass sie sich mit der Betonung ihrer Leiden unter dem Kommunismus eine Art Generalabsolution erteilen wollen. Was noch mehr erschreckt, vor allem in der sensibilisierten Öffentlichkeit Deutschlands, sind die oft gänzlich fehlenden Hemmungen, sich offen antisemitisch zu äußern. Was hier zu Lande reicht, um von der politischen Bildfläche zu verschwinden, wird östlich oft munter verbreitet - bis weit in die Spitzen der Intellektuellen hinein.

Aufstand in Budapest

In Ungarn, wo jüngst das erste Holocaust-Zentrum des Landes eröffnet wurde, äußerte sich kürzlich das Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbands, Kornél Döbrentei, antisemitisch. Unter anderem behauptete er, die Rassengesetze in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges hätten dem Schutz der Juden gegolten. Immerhin zeigte die Reaktion der Schriftsteller, dass in Ungarn die Zeiten der achselzuckenden Hinnahme vorbei sind. Mehr als 100 Autoren traten aus dem Verband aus, nachdem ihr Vorsitzender die Äußerung seines Vorstandskollegen unter Meinungsfreiheit abgebucht hatte.

Ungarn steht mit seiner antisemitischen Tradition nicht allein. Erst langsam beginnt im Osten Europas die Aufarbeitung der eigenen Verfolgungsgeschichte. Polen etwa tat sich schwer, die Tötung von 1600 Bewohnern in Jedwabne 1941 anzuerkennen. Nicht die deutschen Besatzer, sondern eigene Landsleute hatten in diesem Fall die polnischen Juden ermordet.

Polens eigener Antisemitismus

 Regisseur Spielberg mit Berliner Jugendlichen: Projekte gegen das Vergessen
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Regisseur Spielberg mit Berliner Jugendlichen: Projekte gegen das Vergessen

Gerade in Polen hat sich über die Jahrhunderte ein eigener, katholisch inspirierter Antisemitismus herausgebildet. Heute vermischt er sich mit klassischen Ressentiments gegen den Westen. Da ist das hinlänglich bekannte Beispiel von Lech Walesas früherem Beichtvater Henryk Jankowski. In seinen Predigten mahnt er noch heute die Polen, sich vor Europa, vor dem Westen und vor den Juden zu schützen. Mit seinem "feurigen Antisemitismus" ("Neue Zürcher Zeitung") gelangte der Pater, der Ende der neunziger Jahre mit einem kurzzeitigen Predigtverbot belegt wurde, wiederholt in die Schlagzeilen polnischer Zeitungen.

Noch bis in Polens jüngste Geschichte hinein war der katholisch eingefärbte Antisemitismus en Vogue. Von ihm machten sogar die Kommunisten Gebrauch. Im Frühjahr 1968, als Studenten die Ablösung des Parteichefs Wladyslaw Gomulka verlangten, wurden die angeblichen Verursacher der Straßenproteste ausgemacht: "Zionisten". In Polen wusste jeder, wer damit gemeint war. In Partei und Armee ging man daraufhin gegen polnische Juden vor - rund 15.000 mussten ihr Land verlassen und verloren ihre Staatsbürgerschaft. In der Armee wurden, wie eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Studie öffentlich machte, rund 14.000 Offiziere mit jüdischem Hintergrund degradiert.

 Moses-Mendelssohn-Direktor Schoeps: Kritik am Kurs der Bundesregierung
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Moses-Mendelssohn-Direktor Schoeps: Kritik am Kurs der Bundesregierung

Wenn heute im Berliner Außenministerium die Vertreter staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen zusammenkommen, wird es auch darum gehen, sich einen Überblick über antisemitische Erscheinungen in Bereich der OSZE-Länder zu verschaffen. Mehr noch aber geht es den Teilnehmern um die Frage, wie künftig antisemitischen Stereotypen zu begegnen ist. Ein Aktionsplan soll verabschiedet werden.

In der Pflicht wird auch die Bundesregierung sein. Für den Leiter des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, Julius Schoeps, wäre von ihrer Seite ein Zeichen gegenüber Osteuropa in der Vergangenheit notwendig gewesen. Doch da sei Berlin "paralysiert wie das Karnickel vor der Schlange". Statt auf eine Aufarbeitung des Antisemitismus in den Beitrittsländern zu drängen, bedauert Schoeps, "hat man dazu überhaupt keine klare Haltung oder äußert sich dazu nicht".



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