Pädophilie-Debatte Trittin drückt sich beim Heimspiel

Eine kurze Erklärung, aber bloß keine Pädophilie-Debatte: Bei einer Podiumsdiskussion im eigenen Wahlkreis Göttingen geht der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin jeder Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seiner Partei aus dem Weg. Teile des Publikums protestieren.
Spitzenkandidat Trittin in Göttingen: Auf dem "Fluchtweg"

Spitzenkandidat Trittin in Göttingen: Auf dem "Fluchtweg"

Foto: Swen Pförtner/ dpa

Ein Auftritt in Göttingen ist für Jürgen Trittin ein Heimspiel. Die Stadt ist sein Wahlkreis, hier hat er studiert. Viele der Gäste, die am Dienstagabend zur Podiumsdiskussion der Göttinger Direktkandidaten gekommen waren, kennen den Grünen-Vorsitzenden seit langem. Sich dieses Heimspiel kaputtmachen zu lassen von den Diskussionen um pädophile Verfehlungen der Partei in seinen Anfangsjahren bei den Grünen, kam für Trittin offenbar nicht in Frage.

Das Thema kommt für den Co-Spitzenkandidaten der Grünen zur Unzeit, ein paar Tage vor der Wahl, die Werte seiner Partei sind ohnehin schon im Keller. Also beschlossen Trittin, die anderen Direktkandidaten und der Moderator offenbar einvernehmlich, eine Diskussion mit dem Publikum von vornherein zu unterbinden. So habe man ungestörter über die kommunalpolitischen Themen sprechen können, hieß es nachher.

Da man die Pädophilie-Debatte aber nicht ganz ignorieren konnte, gab Trittin eine kurze Erklärung ab - und brachte zunächst alle auf Diskussionsstand. Er habe 1981 das kommunalpolitische Wahlprogramm einer Göttinger Grünen-Liste presserechtlich verantwortet. Eine Forderung dieses Programms lautete, Sex zwischen Erwachsenen und Kindern unter bestimmten Bedingungen straffrei zu stellen. Auf diese Details der pädophilen Verstrickungen der Grünen war der Göttinger Parteienforscher Franz Walter gestoßen. Seit der Veröffentlichung am Montag steht Trittin in der Kritik.

Die Grünen werden den eigenen Maßstäben nicht gerecht

In Göttingen distanzierte sich Trittin nochmals von der Forderung von 1981: Sie sei falsch, "es gibt keine Form einvernehmlicher Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern, die kein Missbrauch ist", sagte er. Die Grünen müssten sich vorwerfen lassen, solche Ansätze zu lange zugelassen zu haben. Inzwischen vertrete man diese Positionen aber schon gut 20 Jahre nicht mehr. Und mit Walter habe man ja auch einen kritischen Wissenschaftler gefunden, der sich nun um die Aufarbeitung kümmere.

Auszug aus dem von Trittin presserechtlich verantworteten Göttinger Kommunalwahlprogramm der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) von 1981

Auszug aus dem von Trittin presserechtlich verantworteten Göttinger Kommunalwahlprogramm der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) von 1981

Foto: Grüne Göttingen

Jeder der vier anderen Kandidaten gab eine kurze Erklärung ab. Und alle, von Thomas Oppermann, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD, über den Kandidaten der FDP und Linken nahmen Trittin in Schutz. Einzig der CDU-Mann Fritz Güntzler kritisierte den Spitzenkandidaten der Konkurrenz: Die Grünen würden den eigenen Maßstäben, die sie etwa bei Guttenberg angelegt hätten, nicht gerecht werden. Genaugenommen müsse Trittin über einen Rücktritt nachdenken, sagte Güntzler.

Zehn Minuten nach Trittins Erklärung war die Diskussion damit gelaufen, zumindest für das Podium. Im Publikum regte sich Protest. Als eine Frage von einem Zuschauer kam, lehnte der Moderator diese ab. Man habe vorher abgemacht, keine Zwischenmeldungen zuzulassen - und damit basta.

"Ich finde es unwürdig"

Dass sich Trittin nicht dafür einsetzte, Fragen zuzulassen, enttäuschte manche Zuschauer. Nach der Diskussion sagte Clemens-F. Hess, der versucht hatte, eine Frage zu stellen: "Ich finde es unwürdig, dass die Diskussion hier so abgewürgt wurde." Er selbst habe einmal am Beispiel seiner Tochter erlebt, wie schwer es bei Pädophilie-Vorwürfen auch heute noch sei, in der Politik Gehör zu bekommen. "Wie Trittin mit seinem Fehler umgeht, steht in keinem Verhältnis zu der Schwere des Vorfalls", sagte der Medizin-Professor. Eine Politikerin wie die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan müsse zurücktreten für Zitierfehler, die sie mit 24 Jahren gemacht habe. "Und bei organisiertem Kindesmissbrauch machen wir einfach weiter?" Immerhin, so Hess, hätten die Grünen versucht, Pädophilie über ein Parteiprogramm zu legalisieren.

Trittin interessierte all das nicht mehr. Er setzte am Ende schnell eine Unterschrift auf sein Wahlplakat. Und dann rauschte er davon, durch eine Tür, auf der "Fluchtweg" stand, ab in seinen Wahlkampfbus.

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