Nikolaus Blome

Pandemie und Familie Corona macht konservativ

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Regierung sollte sich hüten, Weihnachten den Corona-Regeln zu unterwerfen. Familie ist stärker als Politik und Pandemie.
Gemeinsam unterm Weihnachtsbaum: Wenn das Wort "Hausstand" zu "Familie" wird

Gemeinsam unterm Weihnachtsbaum: Wenn das Wort "Hausstand" zu "Familie" wird

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Zwar schreiben wir erst Tag eins des neuen Teil-Lockdowns, aber ganz viele im Land wollen schon heute wissen, ob er in vier Wochen verlängert oder verschärft wird, zu welchen Bedingungen, warum, für wie lange und was das alles zusätzlich kostet oder überhaupt. Gerade Konservative haben für solcherart Neugier viel Verständnis, weil sie das Oberthema "Sicherheit und Verlässlichkeit" variiert, um welches auch konservatives Denken oft kreist.

Wahr ist aber auch: Der Wunsch, verlässlich in die Zukunft blicken zu können, ist so alt wie die Menschheit selbst und seine Erfüllung ebenso lange ausstehend. Verlässliche Prognosen sind in den düster unsicheren Corona-Zeiten also besonders gefragt, indes umständehalber besonders schwierig.

Bei genauerem Hinsehen tritt jedoch ein weiterer Grund zutage, weshalb die Obrigkeit hartnäckig zu den oben genannten Fragen schweigen möchte. In gut sieben Wochen wollen sich Millionen Deutsche aus gewiss mehr als zwei Hausständen unter einem Tannenbaum irgendwo in Deutschland treffen. Wollte Angela Merkel heute schon über die an Weihnachten geltenden Corona-Regeln Auskunft geben, könnte sie ihr Kanzleramt auch gleich selber niederbrennen.

Es kann also nicht überraschen, dass Kanzlerin und Ministerpräsidenten ein Verbot von Zusammenkünften in den eigenen vier Wänden sprachlich bislang nur umkreist haben. Eine Zeitlang war von einer dringenden "Empfehlung" die Rede, solche Treffen zu beschränken. Nach der jüngsten Runde Merkels mit den Ministerpräsidenten hieß es in dem Beschlusspapier, Reisen zur Familie seien ganz allgemein zu unterlassen und Treffen von Personen aus mehr als zwei Hausständen daheim "inakzeptabel". In Bayern sind sie für die kommenden vier Wochen sogar verboten.

Ungeachtet der Empörung, die entsprechende Überlegungen von Karl "Ich-setz-noch-einen-drauf" Lauterbach erregten, gilt natürlich, dass sich "inakzeptables" Verhalten und Verbote auch in den heimischen vier Wänden kontrollieren lassen: Wie wegen nächtlicher Ruhestörung, Grillen bei falscher Windrichtung auf der Reihenhausterrasse oder nach lautstarken Hinweisen auf häusliche Gewalt kommt die Polizei und schaut bei Nachbars schnell mal nach dem Rechten.

Die breite Zustimmung zu den Corona-Regeln wird sich meiner Einschätzung nach in dem Augenblick wandeln, wenn in den Köpfen der Leute aus dem Wort "Hausstände" jahreszeitgemäß das Wort "Familie" wird. Wenn Millionen Menschen im Land also daran gehen, sich mit ihren Eltern, Enkeln, Kindern oder Geschwistern an einem privaten Ort zu treffen, an dem Kerzen brennen und es nach Tannenzweigen riecht. In diesem Augenblick wird die Verbindung von Corona und Weihnachten für Politiker toxisch - und zugleich offenkundig werden, wie Corona das Land konservativ macht.

Mit 'konservativ durch Corona' meine ich, dass bestimmte Überzeugungen und Haltungen wieder fester verankert sind. Als die Pandemie im März über uns kam, war in Deutschland der starke Staat zur Stelle, der in guten Zeiten viel gespart hatte, um in der Not genug zu haben. Ein Staat, der deshalb aus 30.000 Intensivbetten im Handumdrehen 40.000 und mehr machen kann. Den Bürgern galt dieser Nationalstaat ganz selbstverständlich als erster Bezugsrahmen ihrer Ansprüche auf Sicherheit und Zugehörigkeit. Die Europäische Union kam erst später ins Spiel, als gute Ergänzung.

Zudem ist Corona von Anfang an die Stunde der Familien, so wie Weihnachten das Fest der Familien ist. Eltern machten (und machen) zu Hause das Beste aus Kita-Schließung und Kurzarbeit, aus gemeinsamen Mahlzeiten, Homeschooling und Lagerkoller. Sie haben ihre in alle Welt ausgeflogenen Kinder heimgeholt, wenn es irgend ging. Warum? Weil es Familie ist. Weil Familie jener große Vertrag ist, den man nie unterschreibt und trotzdem nie kündigen kann. Kein Wunder auch, dass die Altenheime in der zweiten Corona-Welle nicht dermaßen isoliert werden sollen wie im Frühjahr. Damals wurden Großmütter und Großväter von ihren Kindern und Enkeln getrennt, obwohl sie ihre Familie am nötigsten hatten.

Und nein, das soll nicht verharmlosen, dass die Fallzahlen häuslicher Gewalt in den Corona-Monaten angestiegen sind. Es darf schon gar nicht heißen, dass die Frauen nun wieder hinter den Herd müssten. Es sollte gleichwohl allen Sozial- und Gesellschaftskonstrukteuren zu denken geben, dass in beiden Corona-Wellen der Reflex der meisten Menschen "Familie" heißt: Wo sind meine Kinder, meine Eltern, meine Geschwister, und wie geht es ihnen? "Gesellschaft" ist im Lockdown vor allem wieder das, was in der Küche als "Tischgesellschaft", beisammensitzt, ein schönes altes Wort, gerade an Weihnachten.

Zugegeben, mit Blick auf die eine oder andere anreisewillige Schwiegermutter könnte die Beschränkungen verlockende Möglichkeiten eröffnen. Aber unterm Strich wette ich auf eine Welle des bürgerlichen Ungehorsams, sollten die jetzt beschlossenen Empfehlungen und Verbote auch an Weihnachten gelten und Millionen Deutsche vor die Wahl stellen, wen aus ihrer Familie sie daheim sehen dürfen und wen nicht.

Corona hat die Idee von Familie zweifelsohne gestärkt. Ob man diese Idee konservativ nennen mag oder nicht: Der Staat darf es nicht ignorieren. Schließlich lebt er von diesem Zusammenhalt - den er selber nicht zu stiften vermag.

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